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Russisches Roulette

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Russisches Roulette

von Stephanie Czajka, Berlin

"Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Postboten." Um diesem Szenario vorzubeugen, warnte Professor Dr. Hans Rüdiger Vogel, Vorsitzender des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), auf einer Pressekonferenz in Berlin vor Arzneimitteln aus dem Internet.

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Noch ist der Stellenwert der virtuellen Apotheke gering. In einer vom BPI in Auftrag gegebenen Umfrage des Emnid-Institutes gab von rund 1000 befragten Deutschen nur ein Prozent an, bereits Arzneimittel über das Internet bestellt zu haben. Weitere zwanzig Prozent aber konnten sich eine künftige Nutzung vorstellen. In den Vereinigten Staaten von Amerika kaufen bereits 13 Prozent ihre Arzneimittel via Internet. Nach der Anzahl der Anfragen bei den Suchmaschinen rangierten Gesundheitsthemen nach Erotik/Pornographie und Computerthemen bereits auf Platz drei, sagte Dr. Berthold Gehrke von Compuserve Deutschland.

Die Hälfte der Befragten glaubt, daß die Qualität der Internet-Arzneimittel schlechter sei als in der Apotheke. 73 Prozent sehen eine Gefahr für andere. Immerhin 22 Prozent glauben, selbst auf der sicheren Seite zu sein, wenn sie nur kaufen, was sie kennen. "Was man sieht, ist nicht das, was man bekommt." Vogel warnte vor lebensgefährlichen Fälschungen und Qualitätsmängeln. Wer Arzneimittel im Internet bestelle, spiele "Russisches Roulette". Stichproben der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft hätten gezeigt, daß bei Internet-Medikamenten die Freisetzung der Wirkstoffe erheblich verzögert sein kann. Beipackzettel werden nicht mitgeliefert, geworben wird mit falschen Indikationen. Antiepileptika werden gegen Depressionen und zur Steigerung des Konzentrationsvermögens verkauft, Prozac gegen Bulimie, Migräne und extreme Gewalttätigkeit. Sieben Prozent aller Arzneimittel weltweit seien gefälscht, sagte Vogel. Die Seriositätsgrade der Anbieter sind unterschiedlich. Viele Cyber-Apotheken verkaufen verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept, es berät der Cyber-Doc.

Richtet die virtuelle Apotheke realen Schaden an, haftet theoretisch der Anbieter. Im weltumspannenden, sich ständig ändernden Netz sei der aber nur schwer zu identifizieren und kaum dingfest zu machen, sagte Vogel. Hersteller müßten juristische Schritte gegen unseriöse Anbieter einleiten. Die Firma Pfizer führe inzwischen einige Verfahren gegen Anbieter von Viagra, bisher aber mit geringem Erfolg.

Vogel betonte, daß nicht die Sorge um die Umsätze den Verband zu dieser Warnung treibe. Dafür sei das Umsatzvolumen noch zu gering. Umgekehrt könnten auch die Krankenkassen nicht auf einen Spareffekt hoffen, denn angeboten würden fast nur teure Modedrogen.

Gehrke wies auf einen Nebenaspekt hin: Wer im Internet bestellt, hinterläßt eine Spur eigener Daten, von Namen, Adresse und Kreditkartennummer bis hin zu den eingegebenen Indikationen. Die Daten würden über zehn Jahre lang gespeichert.

Ein Faltblatt "Arzneimittel helfen: aber nicht aus dem Internet" kann beim BPI angefordert werden. Top

© 1999 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 14/1999

 

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