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Scharlach

Himbeerzunge und Hautausschlag

26.09.2006  11:43 Uhr

Scharlach

Himbeerzunge und Hautausschlag

Von Sven Siebenand

 

Bis zur Entdeckung des Penicillins zählte Scharlach zu den häufigsten Todesursachen im Kindesalter. Obwohl es bislang keine Schutzimpfung gegen die Streptokokken-Infektion gibt, hat die Krankheit ihren größten Schrecken verloren. In seltenen und unbehandelten Fällen ist Scharlach jedoch noch immer lebensgefährlich.

 

Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Schluckbeschwerden, schnell steigendes Fieber und Bauchweh: Die ersten Beschwerden einer Scharlach-Infektion sind eher unspezifisch. Im Folgestadium röten sich die Mandeln und sind gelb-weiß gepunktet, die Zunge ist weiß belegt. Vom dritten Tag an lösen sich diese Beläge und die Zunge wird glänzend rot mit hervorstehenden Geschmacksknospen (Papillen), was als Himbeerzunge bezeichnet wird. Gleichzeitig bildet sich ein charakteristischer Hautausschlag, der in der Leistengegend oder unter den Achseln beginnt und sich dann über fast den gesamten Körper ausweitet.

 

Die Auslöser der Infektionskrankheit Scharlach (Scarlatina) sind Schleimhautparasiten, nämlich ß-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A (vor allem Streptococcus pyogenes). Die Bakterien produzieren Toxine wie Streptolysin S und O, die hämolytisch wirken und die Zellmembran schädigen. Hinzu kommen Streptokinase, Hyaluronidase, DNasen, Proteasen, die pyrogenen Exotoxine A und C sowie weitere sogenannte Superantigene. Die Exotoxine sind für den Hautausschlag verantwortlich, von dem der Mund-Kinn-Bereich üblicherweise verschont bleibt. Das wird im Volksmund als Milchbart beziehungsweise von Ärzten als periorale Blässe bezeichnet. Nach drei bis fünf Tagen verschwindet der Ausschlag. Ungefähr zwei Wochen später beginnt sich die Haut, vor allem an Händen und Füßen, zu schälen. Bis zu acht Wochen kann das Schuppen andauern.

 

Scharlach mehrmals möglich

 

In der Regel dringen die Erreger über Tröpfcheninfektion, zum Beispiel durch Niesen, Husten und Sprechen, in den Nasen-Rachenraum ein. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis vier Tage. Beim sogenannten Wundscharlach werden die Bakterien über offene Wunden übertragen.

 

Die meisten Scharlach-Erkrankungen treten im Kindergarten- und Grundschulalter auf. Säuglinge unter sechs Monaten besitzen noch Immunschutz von der Mutter (maternale Antikörper) und erkranken nicht. Dafür können sich aber Erwachsene infizieren, selbst wenn sie Scharlach bereits einmal hinter sich haben. Eine Immunität wird immer nur gegen das bei der vorherigen Infektion vorherrschende Toxin erzeugt. Da es mehrere Arten von Scharlach-auslösenden Streptokokken gibt, ist niemand davor gefeit, mehrmals zu erkranken. Insgesamt sind die Möglichkeiten der Prävention wegen der weiten Verbreitung der Erreger begrenzt. Eine Schutzimpfung ist nicht verfügbar.

 

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) tragen in Wintermonaten bis zu 20 Prozent der Menschen die Keime in sich, ohne dass sie Symptome zeigen. In den Bundesländern, in denen Scharlach meldepflichtig ist (Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen), registrierte das RKI im Jahr 1999 etwa 7500 Fälle. Dem entspricht eine durchschnittliche Erkrankungsrate von 62 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich höher, wie das RKI im Epidemiologischen Bulletin 43/2000 vermutet.

 

Komplikationen selten

 

Aufgrund des Krankheitsbildes und eines Abstriches im Rachenraum stellt der Arzt die Diagnose und leitet in der Regel sofort eine Antibiotika-Therapie ein. Mittel der Wahl ist Penicillin, das normalerweise zehn Tage lang gegeben wird. Bei Penicillin-Allergie sind auch Erythromycin, Roxithromycin oder Cephalosporine möglich. Bereits zwei Tage nach der ersten Einnahme besteht kein Ansteckungsrisiko mehr, ohne Antibiotikum sind die Patienten dagegen noch drei bis vier Wochen nach Auftreten der ersten Symptome infektiös. Um die Schluckbeschwerden und Halsschmerzen zu lindern, sind zudem Gurgellösungen, Lutschtabletten oder Salbeitee ein guter Ratschlag.

Hinweise für Eltern

Sofort zum Arzt gehen, wenn das Kind über Halsschmerzen klagt, fiebert und einen Hautausschlag bekommt.

 

Die Antibiotika-Therapie bis zum Ende der verordneten Behandlungsdauer, in der Regel zehn Tage, fortsetzen.

 

Gegebenenfalls fiebersenkende Medikamente wie Paracetamol einsetzen.

 

Gurgellösungen, Lutschtabletten oder Salbeitee helfen bei Halsschmerzen.

 

Warme Getränke und breiige Kost lindern die Schluckbeschwerden.

 

Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten.

 

Das Kind isolieren, damit sich zum Beispiel Geschwister oder Freunde nicht anstecken.

 

Wird frühzeitig und ausreichend lange mit Antibiotika behandelt, sinkt das Risiko von Folgeerkrankungen an Herz, Nieren, Gelenken oder Gehirn deutlich. Am meisten können die Eltern ihrem Kind also damit helfen, wenn sie sich genau an die Verordnung des Arztes halten. Selbst wenn das Kind vollkommen gesund erscheint, ist es wichtig, die Behandlungsdauer von normalerweise zehn Tagen bis zum Ende fortzusetzen, um späteren ernsthaften Komplikationen vorzubeugen.

 

Eine Urinuntersuchung zwei Wochen nach Krankheitsbeginn klärt, ob mit einer Nierenkörperchenentzündung zu rechnen ist. Die sogenannte Poststreptokokken-Glomerulonephritis kann in seltenen Fällen eine schwere Nierenfunktionsschwäche mit Nierenversagen bis zur Dialysepflicht hervorrufen.

 

Ebenso gefürchtet ist das rheumatische Fieber, das durch eine hohe Körpertemperatur und Schwellung der Gelenke an Armen und Beinen gekennzeichnet ist. Als rheumatische Karditis kann die Komplikation auch das Herz und den Herzmuskel betreffen und Herzklappenfehler als Folge haben. Die genaue Ursache dieser Spätkomplikationen ist nicht eindeutig geklärt. Vermutlich ist es eine Überreaktion des Immunsystems auf den Scharlach-Erreger, die in der Regel nach vier bis sechs Wochen auftritt.

Stoff, Farbe und Krankheit

Mit Scharlach wurde im Mittelalter ein edles und teures Wollgewebe bezeichnet. Der Stoff wurde unter anderem in Weiß, Blau, Grün und Braun hergestellt. Karminrot war allerdings die üblichste Farbe. Ebenso gerötet sind die Zungen von Scharlach-Patienten. So entstand die Dreifachbedeutung des Wortes Scharlach als Stoff, Farbe und Krankheit.

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Streptokokken-Infektionen auch für neuropsychiatrische Autoimmunerkrankungen wie Chorea minor verantwortlich sein können. Dabei handelt es sich um eine mit Hyperkinesien einhergehende neurologische Bewegungsstörung. In Europa ist sie selten, in Entwicklungsländern dagegen häufiger, weil Scharlach dort oft nicht therapiert wird.

 

Ein unbehandelter Scharlach kann sich zudem lokal weiter ausbreiten, zum Beispiel auf das Mittelohr und die Nasennebenhöhlen. Beim toxischen Verlauf wird der gesamte Körper mit Bakteriengift überschwemmt, wodurch es zu hohem Fieber, Blutungen, Bewusstseinstrübung und schließlich zum tödlichen Herzversagen kommen kann.

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