Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Impfempfehlungen: Schutz vor Pneumokokken und Meningokokken

MEDIZIN

 
Impfempfehlungen

Schutz vor Pneumokokken und Meningokokken

Von Christina Hohmann

 

Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut in Berlin empfiehlt eine Standard-Immunisierung aller Säuglinge beziehungsweise Kleinkinder gegen Pneumokokken und Meningokokken. Die Erreger sind die häufigsten Ursachen gefährlicher bakterieller Infektionen in dieser Altersgruppe.

ANZEIGE

 

Ziel der im »Epidemiologischen Bulletin« Nr. 30/06 veröffentlichten neuen Empfehlungen ist, die Zahl der invasiven Pneumokokken- und Meningokokken-Infektionen sowie die damit verbundenen Hospitalisierungen, Behinderungen und Todesfälle zu reduzieren.

 

Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae) sind grampositive, ovoide Diplokokken, die paarweise verbunden sind. Die Kapsel der Erreger enthält Polysaccharide, nach denen sich die Pneumokokken in verschiedene Serotypen unterscheiden lassen. Etwa 90 Serotypen sind bislang bekannt. Die Erreger können eine Vielzahl von Krankheiten verursachen wie Mittelohr-, Nasennebenhöhlen-, Hirnhaut- oder Lungenentzündung. Jedes Jahr werden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Deutschland etwa 430 invasive Pneumokokken-Infektionen bei Kindern unter fünf Jahren gemeldet. 20 Kinder sterben und 40 erleiden bleibende Schäden wie Hörstörungen, Entwicklungsverzögerungen oder zerebrale Schäden.

 

Bislang empfahl die STIKO eine Impfung gegen Pneumokokken nur für Risikogruppen. Diese Strategie konnte die Erkrankungszahl, auch in den Risikogruppen, nicht senken. Deshalb sollen nun alle Säuglinge im Alter von zwei, drei, vier und elf Monaten (siehe Impfkalender im »Epidemiologischen Bulletin« Nr. 30/06, Seite 2) geimpft werden. Nach der Einführung einer solchen generellen Impfung sanken die Erkrankungszahlen in den USA auch in der ungeimpften Bevölkerung drastisch. Die Zahl invasiver Pneumokokken-Infektionen ging bei Kindern unter fünf Jahren um 94 Prozent und in allen ungeimpften Altersklassen um 62 Prozent zurück.

 

Der bei Erwachsenen eingesetzte Polysaccharidimpfstoff schützt vor 23 Serotypen. Für Kinder unter 18 Jahren ist er aber nicht geeignet. Für Säuglinge steht ein siebenvalenter Konjugatimpfstoff (gegen die Serotypen 4, 6B, 9V, 14, 18C, 19F und 23F) zur Verfügung. Diese Vakzine kann zeitgleich mit dem hexavalenten Impfstoff (gegen Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Haemophilus influenza B, Polio und Hepatitis B), MMR oder Varizellen-Vakzine appliziert werden.

 

Hohe Letalität

 

Erreger von Meningokokken-Erkrankungen sind Bakterien der Art Neisseria meningitidis. Die gramnegativen, unbeweglichen Diplokokken sind von einer Kapsel umhüllt. Anhand der darin enthaltenen Polysaccharide werden die Bakterien in mindestens 13 verschiedene Serogruppen unterteilt. Als Krankheitserreger bedeutend sind vor allem Vertreter der Serogruppen A, B, C, W135 und Y. In Deutschland herrschen Meningokokken der Serogruppe B vor, gegen die jedoch keine Vakzine existiert. Gegen die anderen Gruppen ist eine Impfung möglich.

 

Die STIKO empfiehlt nun, alle Kleinkinder im zweiten Lebensjahr gegen Meningokokken-Infektionen der Serogruppe C zu immunisieren. Für einen vollständigen Schutz ist eine einzelne Dosis ab dem 11. vollendetem Lebensmonat ausreichend (siehe Impfkalender).

 

Meningokokken können, wenn sie in die Blutbahn gelangen, schwere Erkrankungen wie Sepsis und Meningitis verursachen. Die Sepsis weist eine hohe Letalität auf, die je nach Angaben zwischen 18 und 53 Prozent liegt. Eine Meningokokken-Meningitis verläuft weniger dramatisch, hat aber unbehandelt auch eine hohe Mortalität. Bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie sinkt die Letalität im Kindesalter auf 1 bis 3 Prozent.

 

Jährlich werden an das RKI etwa 700 invasive Meningokokken-Infektionen bei Kindern unter fünf Jahren gemeldet, von denen etwa 180 auf Erreger der Serogruppe C zurückgehen. An Meningokokken-C-Erkrankungen sterben jedes Jahr etwa 25 Kinder in Deutschland. Ebenso viele tragen Behinderungen davon, die von zerebralen Schäden (Hirnnervenlähmungen, Hydrozephalus, eingeschränkte Intelligenz) über Knochenschäden bis hin zu Taubheit und amputierten Gliedmaßen führen.

 

Eine generelle Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe C soll nun helfen, die Zahl der Todesfälle und Behinderungen zu senken. Ein geeigneter konjugierter Impfstoff ist in Deutschland seit 2001 zugelassen. Die STIKO hat sich für eine Immunisierung von Kleinkindern im zweiten Lebensjahr entschieden, weil hier eine einzelne Dosis ausreicht, um einen vollständigen Impfschutz zu erreichen. Bei einer Immunisierung im Säuglingsalter sind mindestens drei Dosen notwendig, schreibt die STIKO in ihrer Begründung der Impfempfehlungen im »Epidemiologischen Bulletin« 31/06. Außerdem verhindert selbst eine optimale frühzeitige Impfung nur etwa die Hälfte der im ersten Lebensjahr auftretenden Fälle. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen zudem, dass auch bei einer Vakzinierung im zweiten Lebensjahr ungeimpfte Säuglinge (durch die so genannte Herdenimmunität) bis zu einem gewissen Grad mitgeschützt sind. Der Meningokokken-Konjugatimpfstoff sollte nicht gleichzeitig mit Pneumokokken-Konjugatimpfstoff, MMR, MMRV oder Varizellen-Vakzine verabreicht werden, rät die STIKO.

 

Die Einführung einer zusätzlichen Auffrischungsimpfung gegen Keuchhusten (Pertussis) im Vorschulalter ist bereits Anfang des Jahres 2006 veröffentlicht worden. Hintergrund war der starke Anstieg der Erkrankungszahl in den vergangenen Jahren. Häufig erkrankten Kinder und Jugendliche, die zwar grundimmunisiert waren, bei denen der Impfschutz aber nachließ. Daher ersetzte die STIKO die Auffrischimpfung im Alter von fünf bis sechs Jahren gegen Diphtherie und Tetanus durch eine Dreifachimpfung, die Pertussis mit einschließt. Auch im Alter von 9 bis 17 Jahren sollte eine weitere Auffrischimpfung erfolgen und gegebenenfalls Impflücken geschlossen werden. Da gegen Pertussis kein Einzelimpfstoff mehr verfügbar ist, weist die STIKO in den Empfehlungen darauf hin, dass bei jeder Auffrischimpfung gegen Tetanus/Diphtherie die Notwendigkeit einer Pertussis-Impfung überprüft und gegebenenfalls ein Kombinationsimpfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Pertussis verwendet werden sollte. Dies soll vor allem Säuglinge besser gegen Keuchhusten schützen, indem ihr Umfeld immunisiert wird.

 

Weiterhin weist die STIKO daraufhin, dass beim MMRV-Impfstoff die Herstellerangaben zu beachten seien. Gemäß den Fachinformationen ist eine zweite Dosis gegen Varizellen erforderlich. Zwischen den beiden Applikationen sollten vier bis sechs Wochen liegen.


Weitere Themen im Ressort Medizin...

Beitrag erschienen in Ausgabe 32/2006

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 


PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU