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Per Nasenspray gegen Karies impfen

02.06.2006  11:04 Uhr

Per Nasenspray gegen Karies impfen

von Conny Becker, Berlin

 

Amerikanische Forscher wollen einer der am weitesten verbreiteten Infektionskrankheiten zu Leibe rücken: der Zahnkaries. Da für die häufigste Zahnerkrankung vor allem das Bakterium Streptococcus mutans verantwortlich gemacht wird, entwickelten sie eine Vakzine gegen diesen Keim, die nasal appliziert wird.

 

Bei der Karies ist das Gleichgewicht zwischen entkalkenden, sauren und neutralisierenden, remineralisierenden Komponenten des Speichels aus den Fugen geraten. Säuren wie etwa Milchsäure, die von Bakterien des Zahnbelags aus Zuckern gebildet werden, entkalken den Zahnschmelz. Mit der Zeit entstehen hierdurch »Löcher«. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet die Zahnkaries als eines der größten Gesundheitsprobleme der Industrieländer, von dem 60 bis 90 Prozent der Schulkinder und nahezu alle Erwachsenen betroffen sind. Trotz steter Fortschritte in der Prophylaxe stellt die Karies auch in Deutschland mit Abstand die häufigste Erkrankung bei Kindern und Erwachsenen dar. Doch nicht nur Menschen in Industrienationen, die das Problem mit eingeschränktem Zuckerkonsum und fluoridierten Zahnpasten in Schranken halten können, sondern auch Menschen in Entwicklungsländern leiden zunehmend an der Zahnerkrankung. So kann man inzwischen auch in Brasilien und China von »epidemischen Dimensionen« sprechen.

 

Wissenschaftler des Forsyth-Instituts in Boston, USA, haben eine Vakzine entwickelt, die eine Schutzimpfung gegen Karies in greifbare Nähe rückt. Professor Dr. Martin Taubman und sein Team fanden geeignete Schlüsselmoleküle, die die menschliche Immunantwort gegen Streptococcus mutans stimulieren. In Tierversuchen haben diese bereits erfolgreich zur Immunisierung geführt, berichtete das Institut in einer Pressemitteilung. Hauptangriffspunkt stellt die bakterielle Glukosyltransferase dar. Dieses Enzym benötigt Streptococcus mutans, um Glucane zu produzieren, mit deren Hilfe der Keim an den Zähnen binden und akkumulieren kann. Gegen Untereinheiten dieses Proteins sollen durch die Impfung Antikörper gebildet werden, sodass es erst gar nicht zur Besiedlung der Zähne kommt.

 

Die Forscher schlagen vor, bereits einjährige Kinder zu impfen, die gerade Zähne bekommen haben, die aber noch frei von den Bakterienkolonien sind. In diesem Alter ist zudem das Immunsystem weit genug entwickelt, um ausreichend Antikörper zu produzieren. Haben die Bakterien die Zahnoberflächen einmal besiedelt, würden nach einer Impfung zwar Antikörper produziert, den Verfall der Zähne könnten sie jedoch nicht aufhalten. Untersuchungen zufolge startet die Besiedlung mit Streptococcus mutans zwischen im zweiten Lebensjahr.

 

Das amerikanische Team hat sich aus zwei Gründen auf eine Vakzine konzentriert, die den Kleinkindern per Spray in die Nase gesprüht und somit über die Schleimhäute aufgenommen wird. Zum einen stimulieren derart applizierte Impfstoffe die nasalen, also lokalen Lymphgewebe besser als eine Injektion, wovon sich die Forscher höhere Antikörperspiegel in der Speichelflüssigkeit oder anderen Bereichen der Schleimhaut erhoffen. Zum anderen gehen sie davon aus, dass der Impfstoff bei Kleinkindern einfacher per Spray zu applizieren sei als mit der Spritze. Frühere Untersuchungen an Probanden sprechen dafür, dass auch beim Menschen die erwünschte Immunantwort erzielt werden kann und zwar besser mittels nasaler als tonsillarer Applikation. Bis die Karies-Vakzine tatsächlich zum Einsatz kommen wird, ist allerdings noch weitere Forschungsarbeit nötig.

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