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Geplante Honorarkürzung

Immer mehr Apotheken erwägen Ausstieg aus Testbetrieb 

Gekürzte Vergütung und mehr Bürokratie – Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schlägt im Umgang mit Apothekerleistungen in der Pandemie immer wieder Haken und macht sich damit keine Freunde bei dem Berufsstand. Dessen Unmut über die wiederholten Rückzieher ist jedenfalls groß. Manche Apotheken wollen deshalb etwa  aus dem Testbetrieb aussteigen, andere haben es bereits getan.
Cornelia Dölger
17.06.2021  15:30 Uhr

Testen und Impfen gelten nach wie vor als schlagkräftige Doppelstrategie im Kampf gegen das Coronavirus. Bei beiden Angeboten sind Apotheker inzwischen mit im Boot.  Bekanntlich bieten Apotheken seit Anfang der Woche das nachträgliche Ausstellen von digitalen Impfnachweisen an an. Mitten in den anhaltenden Ansturm auf Apotheken sowie das DAV-Apothekenportal platzte nun am gestrigen Mittwoch die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das Honorar für diese Leistung drastisch kürzen zu wollen – von derzeit 18 auf sechs Euro.

Mit dem jüngsten Rückzieher in Sachen Honorar sorgt Minister Spahn unter den Apothekerinnen und Apothekern im Land für Unmut – einmal mehr. Denn schon bei der Vergütung der Maskenabgabe in Apotheken und zuletzt bei den so genannten Bürgertests ging es um nachträgliche Kürzungen. Bei den Bürgertests stellte das Ministerium Anfang Juni seine Pläne vor, ab 1. Juli die Vergütung pro Test für nicht-medizinisches Personal von derzeit 12 Euro plus bis zu 6 Euro für Materialkosten für alle auf 8 Euro plus pauschal 4,50 Euro für Materialkosten zu senken.

Erschwerte Bedingungen für Apotheker

Außerdem sollen testende Apotheken künftig viele konkrete Dokumente über Jahre hinweg aufbewahren. Darüber hinaus sollen Offizinen nicht mehr wie bislang per Allgemeinverfügung diese Leistung anbieten dürfen, sondern für sie gelten künftig Bedingungen wie etwa für Zahnärzte oder private Teststellenbetreiber. Dabei müssen sie unter anderem erst ihre Zuverlässigkeit unter Beweis stellen, bevor sie Bürgertests durchführen dürfen. »Apotheken können und dürfen nicht mit beliebigen gewerblich tätigen Dritten gleichgesetzt werden«, kritisierte dazu die ABDA. Zuletzt hatte es unter den inzwischen mehr als 15.000 Teststellen in Deutschland offenbar vermehrt Betrugsfälle und Falschabrechnungen gegeben, weshalb das Bundesministerium per Verordnungsänderung durchgreifen will. Apotheken stellen nach Recherchen der PZ etwa ein Viertel aller Teststellen.

Der  Vorstoß des Ministeriums hat nun offenbar Konsequenzen in der Apothekerschaft. Schon kurz nach Bekanntwerden der Pläne warnte die ABDA davor, dass etliche Apotheken sich dazu entschließen könnten, angesichts der gekürzten Honorare und gleichzeitig steigenden bürokratischen Aufwands für die Testungen diese Leistung künftig nicht mehr anzubieten. Auch der Landesapothekerverband Baden-Württemberg meldete sich zu Wort und betonte, es könne nicht sein, dass die Apotheken nun »die Zeche für die Unredlichen zahlen« müssten, so LAV-Präsidentin Tatjana Zambo in einer Mitteilung. Insbesondere kritisierte sie die Neuregelung zur Beauftragung von Leistungserbringern. »Diesen bürokratischen Akt werden wohl die wenigsten Kolleginnen und Kollegen mitmachen«, betonte Zambo.

Dem Vernehmen nach haben viele Apotheken so bereits entschieden und ihr Testangebot gestoppt. Zahlreiche Inhaber und Inhaberinnen gaben gegenüber der PZ an, dass sie aufgrund der sinkenden Vergütung vor einer Minus-Rechnung stünden bei den Tests. Konkrete Zahlen zu den bisherigen Teststellen-Schließungen im Apothekenmarkt gibt es allerdings nicht. Auch ist nicht klar, ob es sich um testende Offizin-Apotheken oder um von Apothekern betriebene größere Testzentren handelt. Fest steht aber, dass die Tendenz oftmals in diese Richtung geht: Es reicht einfach, sagen viele Apotheker. Klar ist aber auch, dass die sinkenden Infektionszahlen dabei eine Rolle spielen. Die meisten Inhaberinnen und Inhaber berichteten, dass sie allein deswegen schon sehr viel weniger Tests durchführten als noch vor zwei Wochen.

AVWL rechnet für Juli mit weniger testenden Apotheken

Nachgefragt etwa beim Apothekerverband Westfalen-Lippe, heißt es, man rechne damit, dass im Juli die Zahl der testenden Apotheken im AVWL-Gebiet »rapide« sinken werde. Es sei auffällig, dass sich in letzter Zeit Anrufe von Apothekerinnen und Apothekern häuften, die sich danach erkundigten, was bei einem Austritt aus dem Testangebot zu beachten sei. Einige Apotheken in der Region hätten den Testbetrieb bereits eingestellt, zumal die Nachfrage nach Bürgertestungen zuletzt zurückgegangen sei, heißt es vom Verband. Wirtschaftlich sinnvoll sei das Angebot angesichts der geplanten Neuregelungen wohl nur noch in Ballungsgebieten. »Die Versorgung gerade im ländlichen Bereich sehen wir dadurch als akut gefährdet an« – zumal wohl davon auszugehen sei, dass einmal geschlossene Teststellen auch bei einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen nicht reaktiviert würden.

Auch die Kammer Nordrhein kritisierte Spahns Rückzieher. Es könne nicht sein, »dass wieder einmal mitten im Spiel die Regeln geändert werden«, erklärte Kammerpräsident Armin Hoffmann auf Anfrage der PZ.  Bei der Versorgung vulnerabler Gruppen mit FFP2-Masken sei zuletzt ebenso verfahren worden. »Die Apothekerinnen und Apotheker leisten mit ihren Teams großartige Arbeit während der Pandemie. Wir erwarten von der Politik, dass sie dauerhaft für Planungssicherheit in der Krise sorgt und nicht ständig für neue Rahmenbedingungen sorgt«, so Hoffmann.

Wenn es nach einem gut vernetzten Apothekeninhaber aus dem Raum Aachen geht, sollten nach Spahns »erneutem Sprung ins Kreuz« nun alle Apotheken ihr Testangebot einstellen. »Der Minister betrachtet uns offenbar als nützliche Idioten«, sagte der Pharmazeut, der als so genannter Vertrauensapotheker intensiven Kontakt zu seinen Kollegen in der Region pflegt, im Gespräch mit der PZ. »Das Ganze hat ein Geschmäckle.« Bei den Honoraren gehe es ihm gar nicht mal um die eigentliche Höhe, sondern um »Spahns Art und Weise«, so der Apotheker. »Erst etwas anzukündigen, es dann schlecht zu planen und als Gesetz schlampig zu formulieren und dann auch noch einen Rückzieher zu machen, ist alles andere als ok.« Er kritisierte, dass die Politik der Apothekerschaft immer mehr Aufgaben aufbürde, wohl wissend, dass sie »an der Grenze des Machbaren arbeite«, sagte der Apotheker. »Aber sie setzt immer noch einen drauf, weil sie um unser Verpflichtungsgefühl weiß.«  Apothekenteams könnten ja nicht streiken wie zum Beispiel Bahn-Mitarbeitende. »Daran hindert uns allein schon unser Verantwortungsgefühl gegenüber unseren Patienten. Das nutzt die Politik aus.«

 

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