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Selbstständig mit 25

Im Gespräch mit der jüngsten Apothekeninhaberin Bayerns

Später einmal dauerhaft in einer öffentlichen Apotheke zu arbeiten, kam für Apothekerin Annika Schad während des Pharmaziestudiums nie infrage. Im Praktischen Jahr änderte sich diese Einstellung. Knapp ein Jahr später leitet sie ihre eigene Apotheke. Ihre pharmazeutische Kompetenz tagtäglich anwenden und eigene Vorstellungen verwirklichen zu können, machen die Arbeit für sie inzwischen zu einem Traumjob.
Carolin Lang
19.04.2021  07:00 Uhr

Am 1. April übernahm die 25-jährige Annika Schad eine Apotheke im Allgäu und wurde somit laut Aussage der Bayerischen Apothekerkammer zur jüngsten Frau mit einer eigenen Apotheke in Bayern. Knapp ein Jahr nach ihrer Approbation wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit – und von Frankfurt am Main nach Oberstdorf. Dort leitet sie nun das zehnköpfige Team der heimversorgenden »Vallis Apotheke«. Kurz vor der Übernahme berichtete sie im Gespräch mit der PZ von ihren bisherigen Erfahrungen und ihren Plänen für die Zukunft.

PZ: Wie kommt es, dass Sie sich bereits in so jungen Jahren selbstständig machen?

Schad: Ich bin in den Gedanken hineingewachsen. Während des Pharmaziestudiums kam die öffentliche Apotheke für mich als langfristiger Arbeitsplatz nicht infrage. Durch das sehr wissenschaftliche Studium habe ich mich immer in der Industrie oder an einer Universität gesehen. Ich hatte die Befürchtung, die Apotheke vor Ort wäre nicht spannend genug. Diese Annahme revidierte ich bereits während des Praktischen Jahres (PJ). Mein damaliges Apothekenteam traute mir von Anfang an viel zu und je verantwortungsvoller eine Aufgabe war, desto mehr Spaß hat sie mir bereitet. Das Gefühl verstärkte sich, als ich als Apothekerin in derselben Apotheke tätig war und sich meine Aufgabenbereiche erweiterten. Als sich die Gelegenheit bot, selbst eine Apotheke zu führen, ergriff ich sie nach ausgiebiger Überlegung.

PZ: Wie kam es zu dieser Gelegenheit?

Schad: Da es schon immer mein Traum war, ins Allgäu zu ziehen, habe ich dort nach dem Studium in Frankfurt nach einer PJ-Apotheke gesucht. In der Engel-Apotheke in Oberstdorf absolvierte ich eine Hälfte des PJ und kehrte als Apothekerin dorthin zurück. Der Mann meiner ehemaligen Chefin führte im selben Ort eine Apotheke. Da er plante, in den Ruhestand zu gehen, bot er mir die Übernahme an. Das war eine tolle Chance für mich, mir im Allgäu etwas aufzubauen.

PZ: Unterm Strich haben Sie also anderthalb Jahre Apothekenerfahrung. Reicht das?

Schad: Für mich persönlich: Ja. In pharmazeutischer Hinsicht sind wir als Apotheker bestens ausgebildet. Auf regulatorische und betriebswirtschaftliche Bereiche der Offizin bereitet das Studium jedoch nur bedingt vor. Doch man wächst mit seinen Herausforderungen. Ich eigne mir gerne neues Wissen an und fände es langweilig, wenn dies in meinem Beruf nicht nötig wäre. In betriebswirtschaftlicher Hinsicht habe ich außerdem Unterstützung durch meinen Mann, der sich damit gut auskennt. Er ist selbst kein Apotheker, hat seinen Beamtenjob bei der Polizei Hessen aufgegeben und kümmert sich nun Vollzeit um betriebswirtschaftliche Belange.

PZ: Was war die größte Hürde auf Ihrem Weg zur Apothekeninhaberin?

Schad: Die größte Hürde war die Entscheidung, langfristig ins Allgäu zu ziehen und somit weit weg von Familie und Freunden zu sein. Außerdem waren die bürokratischen Anforderungen eine große Herausforderung. Am Anfang wusste ich nicht, wo ich überhaupt anfangen soll.

PZ: Hatten Sie zu Beginn Hilfe?

Schad: Ja, meine damalige Chefin unterstützte mich sehr. Zwar habe ich größtenteils versucht, alleine durchzublicken, aber wenn ich nicht weiterkam, konnte ich meine Fragen an sie richten. Vor allem beim Präqualifizierungsantrag für die Hilfsmittelversorgung brauchte ich anfänglich viel Unterstützung.

PZ: Welche Chancen sehen Sie in der Selbstständigkeit?

Schad: Die Selbstständigkeit ermöglicht es mir, eine Apotheke nach meinen Vorstellungen zu gestalten. So kann ich mir zum Beispiel durch pharmazeutische Dienstleistungen wie Blutuntersuchungen oder Medikationsmanagement ein Alleinstellungsmerkmal schaffen und mein pharmazeutisches Wissen noch gezielter in die Arbeit einbringen. Außerdem würde ich mich künftig gerne dafür einsetzen, anderen jungen Pharmazeuten zu zeigen, wie spannend die Arbeit in der öffentlichen Apotheke sein kann. Denn das kategorische Ablehnen der Arbeit in der öffentlichen Apotheke, das unter jungen Pharmazeuten sehr verbreitet ist, finde ich inzwischen sehr schade. Ich selber war genauso. Deshalb würde ich gerne Praktika und Famulatur anbieten, um meine Erfahrungen und meinen Sinneswandel mit etwa Gleichaltrigen zu teilen.

PZ: Sie übernehmen einen bestehenden Betrieb. Welche Änderungen planen Sie?

Ich möchte das Abholsystem überarbeiten und das E-Rezept wird ohnehin viel Veränderung in den Apothekenalltag bringen. Vielen Menschen ist noch nicht klar, dass sie ein E-Rezept künftig auch in ihrer Apotheke einlösen können. Hier möchte ich aufklären und zeigen, dass die Apotheke vor Ort weiterhin da und unverzichtbar ist. Kurz gesagt will ich Präsenz und Kompetenz zeigen.

PZ: Sie sind ab April die Chefin von zehn Personen. Wie bereiten Sie sich auf ihre führende Funktion vor?

Schad: Ich war während des Studiums acht Semester lang stellvertretende Semestersprecherin und somit Ansprechpartnerin für meine Kommilitoninnen und Kommilitonen. Dabei habe ich gelernt, Interessen vieler wahrzunehmen und zu vertreten, aber auch klare Ansagen zu machen. Das möchte ich als künftige Chefin beibehalten, denn in meinem Apothekenteam werde ich auch dann wieder Ansprechpartnerin sein. Vorab wollte ich jedem meiner künftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mögliche Ängste vor dem Führungswechsel nehmen. Dazu habe ich jedem Teammitglied einen Brief geschrieben und deutlich gemacht, dass jeder Einzelne von ihnen wertvoll für die Apotheke und mich ist, dass meine Tür immer offen steht und dass beide Seiten sicher noch viel voneinander lernen können.

PZ: Welche Ängste oder Befürchtungen haben Sie als junge Apothekeninhaberin?

Schad: Schwierige Kundschaft, für die ich als Berufsanfängerin noch relativ sensibel bin, Herausforderungen im Zuge der Pandemie und die erste Pharmazieratsrevision. Außerdem wird es Situationen geben, in denen ich mich als junge Chefin den Kundinnen und Kunden gegenüber noch behaupten muss. Bisher ist es mir durch meine pharmazeutische Kompetenz jedoch stets gelungen. Daher fürchte ich die Situationen weniger, sondern sehe sie als Chance, mich zu beweisen. Auch im Team meiner PJ-Apotheke gelang mir das und ich wurde bei pharmazeutischen Fragen häufig zurate gezogen.

PZ: Würden Sie inzwischen sagen, Sie haben Ihren Traumberuf gefunden?

Schad: Ja, mir macht die Kundenberatung sehr viel Spaß, die hier in Oberstdorf sehr stark eingefordert wird. Ich schätze es, Ansprechpartnerin bei pharmazeutischen Fragen zu sein und durch Kompetenz überzeugen zu können. Zudem ist der Beruf sehr vielseitig und vor allem dynamisch.

PZ: Sehen Sie eine Zukunft für die Vor-Ort Apotheke?

Schad: Ja, da bin ich optimistisch. Die Präsenz vor Ort, die ausführliche Beratung, Notdienste und pharmazeutische Dienstleistungen machen sie meiner Ansicht nach unersetzlich.

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