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Coronavirus-Pandemie

Herdenimmunität erst in ein paar Jahren?

Wie geht es weiter in der Covid-19-Pandemie? Und waren die bisherigen Maßnahmen die richtigen? Dazu haben außeruniversitäre Forschungsorganisationen vor Kurzem eine Stellungnahme erarbeitet.
Anja Köhler
05.05.2020
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»Der klare Rückgang der Neuinfektionen N, den wir derzeit beobachten, ist der gemeinsame Effekt aller im März eingeführten Maßnahmen und der Verhaltensanpassungen der Bevölkerung.« Das ist eine der Kernaussagen, die die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Leibniz-Gemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft Ende April veröffentlicht haben.

Die Forschungsorganisationen haben sich eigenen Aussagen zufolge entschlossen, zur Coronavirus-Pandemie und der Datenlage Stellung zu nehmen – vor allem angesichts »der großen öffentlichen Bedeutung einer objektiven Faktenlage zum Infektionsgeschehen«. Wissenschaftler der vier Organisationen, die sich mit der mathematischen Analyse der Ausbreitung der Covid-19-Erkrankungen und der Vorhersage der weiteren Entwicklung beschäftigen, haben ihre Ergebnisse demnach zusammengetragen, eine gemeinsame Analyse der Situation verfasst und mögliche Bewältigungsstrategien aus Sicht der Modellierung vorgelegt.

Eine weitere Botschaft der Forscher: »Die Situation ist nicht stabil.« Selbst eine kleine Erhöhung der Reproduktionszahl »würde uns zurück in eine Phase des exponentiellen Wachstums führen«. Daher müsse die Reproduktionszahl bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs unter 1 gehalten werden. »Der am 28. April 2020 vom RKI berichtete neue R-Wert nahe 1 verdeutlicht, dass in dieser Phase weiterhin konsequente Kontakteinschränkungen erforderlich sind«, so die Wissenschaftler. Und: Der Wert von R in Antwort auf eine veränderte Maßnahme könne erst mit einer Verzögerung von zwei bis drei Wochen geschätzt werden. Die Reproduktionszahl R habe seit Ende März leicht unter 1 gelegen. Das hätten »unterschiedliche und voneinander unabhängige Modelle verschiedener Gruppen zur Ausbreitung von SARS-CoV-2« ergeben, die zu konsistenten Ergebnissen kommen.

Maßnahmen über Jahre planen

Nach den bisher vorliegenden Daten würden mehrere Jahre ins Land gehen, bis eine Herdenimmunität erreicht wäre – vorausgesetzt, das Gesundheitssystem soll dabei nicht überlastet werden. »Einschränkende Maßnahmen müssten bei einer solchen Strategie über den gesamten Zeitraum aufrechterhalten werden«, so die Forscher. Weiter heißt es: »Aus Sicht der Modellierung erscheint folgende zweiphasige Strategie sinnvoll: In der ersten Phase werden die Neuinfektionen weiter reduziert, bis eine effektive Kontaktverfolgung möglich ist. In der zweiten Phase schließt sich eine adaptive Strategie auf der Basis niedriger Zahlen von Neuinfektionen an.«

Die Wissenschaftler empfehlen, hygienische Maßnahmen weiterzuführen beziehungsweise zu etablieren, die Testing- und Tracing-Kapazitäten auszubauen und flankierende, kontakteinschränkende Maßnahmen adaptiv zu steuern. Bei politischen Entscheidungen über das weitere Vorgehen seien etwa psychologische und weitere gesundheitliche Belastungen der Bevölkerung, die wirtschaftliche Entwicklung und internationale Vernetzung in Betracht zu ziehen.

Die dargestellten Zusammenhänge würden allerdings unabhängig von solchen Faktoren gelten, »sodass alle Entscheidungen vor diesem Hintergrund getroffen werden müssen«. Eine weitere Lockerung der Kontaktbeschränkungen halten die Wissenschaftler für möglich, wenn sich neue Gegebenheiten einstellen: die Verfügbarkeit eines Medikaments oder eines Impfstoffs, eine effizientere Kontaktverfolgung durch eine App, ein flächendeckendes Testen oder spezifische Antikörper-Tests.

Die ausführlichen Stellungnahmen finden Sie hier:

Stellungnahme Teil 1

Stellungnahme Teil 2

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