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TGL-Nordrhein

Herausforderungen annehmen

Unsicherheiten und Probleme, die aus dem EuGH-Urteil resultieren, aber auch positive Tarifverhandlungen und innovative Ideen für die Apotheke der Zukunft bestimmten die Jahreshauptversammlung der TGL (Tarifgemeinschaft der Apothekenleiter) am 29. Januar.
Kerstin Pohl
31.01.2020  12:32 Uhr

»In der Tarifpolitik hatten wir den Mut, einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen«, sagte die Vorstandsvorsitzende der TGL, Dr. Heidrun Hoch. Nach der Einführung der Filialisierung vor 16 Jahren sei der tarifliche Zuschlag für Filialleiter und Filialleiterinnen ein überfälliger Schritt gewesen. Filialleiter übernehmen mit ihrer Position nach § 2 ApBetrO in Verbindung mit § 2 Abs. 5 ApoG eine besondere Verantwortung, die sich auch haftungsrechtlich von Tätigkeiten approbierter Mitarbeiter unterscheiden kann. Diese Gegebenheiten rechtfertigen einen tariflichen Zuschlag, der an die Zeit der Ausübung dieser Position gebunden ist.

Zufrieden zeigte sich Hoch auch mit dem aktuellen Workshop der TGL, der die Möglichkeiten erfassen soll, wie eine außertarifliche, leistungsorientierte Entgeltgestaltung aussehen kann, die die Motivation  der Mitarbeiter fördern soll. Ziel sei ein Prämienmodell, das in Anlehnung an das LOB-(Leistungsorientierte Bezahlung) Konzept gestaltet wird.

Es gab aber nicht nur Positives zu berichten. Die Vorstandsvorsitzende äußerte sich kritisch zur zur aktuellen Standespolitik und bezeichnetet diese als beschämend. Die Apotheker fühlten sich von der ABDA im Stich gelassen und nicht ausreichend in ihren Forderungen in den Verhandlungen gegenüber Gesundheitsminister Spahn unterstützt. Hoch kann nicht nachvollziehen, dass das vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebene Gutachten zu den Auswirkungen einer Preisfreigabe der verschreibungspflichtigen Arzneimittel bei der ABDA »niemanden aufschrecke«.  Sicherheitshalber ein eigenes Gutachten in Auftrag zu geben sei offensichtlich kein Thema, obwohl sich das schon beim Honorargutachten als Fehler erwiesen habe, so Hoch. Die bei der ABDA angesiedelte AG Honorar sei nach mehr als acht Jahren immer noch ohne konkrete Ergebnisse.

Apotheke 2022

Einen Blick in die Zukunft versuchte Dr. Frank Diener, Generalbevollmächtigter der Treuhand Hannover. Er referierte zum Thema »E-Rezepte, Apothekenwelt 2022 – Möglichkeiten verändern Märkte.« Diener gab zunächst einen Überblick von Gesundheitsminister Spahns Apothekenpolitik, dessen systemstabilisierende Bausteine des Gesetzgebungsverfahrens teilweise schon in Kraft getreten sind. Dazu gehören die Modellprojekte zur Grippeschutzimpfung, die Erhöhung der Notdienstpauschale und der BtM-Gebühr sowie aut idem bei Privatrezepten. Die systemverändernden Bausteine von Spahns Apothekenpaket bieten den Apothekern neue Möglichkeitsbereiche. So kann mit dem E-Rezept ein neuer Kundentypus, der Fernbesteller, gewonnen werden oder der Botendienst als neues Wettbewerbselement genutzt werden, um Kunden an die Apotheke zu binden. Auch die telepharmazeutische Beratung sei ein neuer Kanal der Kundenakquise. Automatisierte Arzneimittelabgaben aus der Offizin könnten neue Öffnungszeiten generieren, so Diener. Das kann ebenfalls ein Pluspunkt bei der Kundenbetreuung und -gewinnung sein.

Diener ermutigte die Apotheker, innovativ zu werden und die neuen Möglichkeitsbereiche zu nutzen. Die Apothekenwelt 2022 werde sich von der heutigen deutlich unterscheiden und das sei eine Herausforderung für die Apothekeninhaber. »Nehmen Sie sie an und verlieren Sie sich nicht in Detailfragen«, empfahl der Generalbevollmächtigte der Treuhand den Apothekern. »Wegducken« sei eine riskante Strategie, und es gebe im Umfeld immer konkurrierende Apotheken, die neue Wege gehen und für sich nutzen würden. Wichtig sei zu bedenken, dass nur noch ein Zeitfenster von elf Monaten bliebe. Die Zeit drängt also.

Gesetzgeber beim Wort nehmen

In seinem Vortrag »Ein Jahr nach dem Spahn-Papier – wo bliebt die Stärkung der Vor-Ort-Apotheken?«, schilderte Professor Dr. Hilko Meyer, Frankfurt, juristische Hintergründe des EuGH-Urteils und die aktuelle Lage.

Der deutsche Arzneimittelmarkt biete größere Marktfreiheiten als andere EU-Staaten, sagte der Rechtsexperte. So gebe es beispielsweise keine Niederlassungsbeschränkung und auch keine vertraglich festgelegten Arzneimittelpreise zwischen Kostenträgern und Herstellern. Eingriffe in den Markt seien nach der Rechtsprechung des EuGH gerechtfertigt, so Meyer. Gleichwohl verfolge der deutsche Gesetzgeber gesundheitspolitische Ziele wie  eine flächendeckende Apothekenversorgung mit Vollsortiment, Mischkalkulation und der kontinuierlichen Bereitstellung. Darin sehe wiederum der EuGH eine ungerechtfertigte Einschränkung der Marktfreiheit.

Eine einfache Lösung für das Dilemma konnte der Rechtsexperte nicht bieten. Er empfahl deshalb, den Gesetzgeber beim Wort zu nehmen und ihn aufzufordern, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Der Gesetzentwurf muss sich bezüglich Gleichpreisigkeit als Alternative zum Rx-Versandverbot  messen lassen.

 Der Erstattungsbetrag (§ 130b SGB V) muss auch für die PKV gelten. Darüber hinaus sollte die AMPreisV vollständig ins SGB V  transplantiert und die Steuerung durch Kostenträger ausgeschlossen werden. Wichtig sei auch, die Makelei durch Dritte ebenso wie die Plattformbereitstellung für eine nicht gewerbliche Steuerung auszuschließen. Das ABDA-NGDA Netz sollte nicht abgeschottet werden, sondern sich für Softwarehäuser und auch Rechenzentren öffnen. Hinsichtlich der geplanten Rezept-App solle man Geld in die Hand nehmen, denn »der frühe Vogel fängt den Wurm«, so Meyer. Abschließend empfahl er, die ABDA und ihre Mitgliedsverbände zu stärken und nicht zu schwächen. Die Organisation der ABDA sollte genutzt werden, trotz der teilweisen Unzufriedenheit mit der Arbeit der ABDA, denn »size matters«.

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