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Nebenwirkung Depression

Gut für den Körper, schlecht für die Seele

Bislang eher wenig im Fokus steht, dass gängige Medikamente ernste psychische Erkrankungen wie Depressionen auslösen können. Die betroffenen Arzneimittel stammen aus unterschiedlichen Gruppen. Die der Nebenwirkung zugrunde liegenden Wirkmechanismen sind größtenteils ungeklärt.
Nicole Schuster
18.12.2019  14:00 Uhr

Aktuell ist es gerade unter jungen Frauen in Mode, die Pille abzusetzen. Eine Ursache ist, dass zahlreichen Frauen die Tabletten aufs Gemüt schlagen. Auch die Fachinformationen der Hormonpräparate nennen depressive Verstimmungen und Stimmungsschwankungen als häufige unerwünschte Arzneimittelwirkung.

Die Anzahl der Medikamente, die potenziell Depressionen auslösen können, geht aber weit über die Pille hinaus und schließt Wirkstoffe aus ganz verschiedenen Gruppen ein. Gemäß einer Publikation im Fachjournal »JAMA« aus dem vergangenen Jahr könnten rund ein Drittel der Erwachsenen in den USA, nämlich 37,2 Prozent, ein entsprechendes Präparat einnehmen (DOI: 10.1001/jama.2018.6741). Für Deutschland werden die Zahlen ähnlich aussehen.

Zu den auslösenden Medikamenten gehören demnach neben hormonellen Kontrazeptiva unter anderem bestimmte Antihypertensiva, Protonenpumpenhemmer und einige Analgetika. Viele dieser Wirkstoffe bringen auch Fachkräfte wie Apotheker und Ärzte auf den ersten Blick nicht mit Depressionen in Zusammenhang. Die zugehörigen Fachinformationen klären jedoch in vielen Fällen über depressive Verstimmung als mögliche Nebenwirkung auf, in einigen steht sogar der Warnhinweis auf ein Suizidrisiko.

Unterschiedliche Mechanismen

»Depressionen – auch wenn sie nicht durch Medikamente ausgelöst werden – haben viele verschiedene Ursachen«, sagte Professor Dr. Thomas Pollmächer, Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Ingolstadt, gegenüber der PZ. Dazu zählen eine genetische Veranlagung sowie psychosoziale Stressoren. »Aber auch eine Vielzahl von körperlichen Erkrankungen können zu Depressionen führen.« Pollmächer nennt als Beispiele endokrine Störungen wie Hyperthyreose, metabolische Erkrankungen wie Übergewicht, entzündliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Hirnsubstanzschädigungen wie Schlaganfall.

Für jede dieser möglichen Ursachen gebe es unterschiedliche Mechanismen; in vielen Fällen seien diese im Einzelnen aber gar nicht bekannt. Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass Medikamente, die etwa auf Neurotransmitter-Ebene, über endokrine Systeme oder über das Immunsystem in verschiedene physiologische Systeme eingreifen, Depressionen auslösen können, so Pollmächer.

Generell gilt, dass das Risiko steigt, wenn Patienten zwei oder mehrere Wirkstoffe einnehmen, die Depressionen als mögliche Nebenwirkung aufweisen. Zu den verdächtigen Substanzen zählen einige Mittel gegen Bluthochdruck. Beispiele sind Betablocker wie Metoprolol und Atenolol oder Calciumantagonisten. Für Betablocker sind Depressionen bekannte, aber seltene Nebenwirkungen. Bei Calciumantagonisten kristallisierte sich erst in den vergangenen Jahren ein möglicher Zusammenhang heraus. So können Depressionen mit dem Gen CACNA1S in Verbindung stehen, das den genetischen Bauplan für den spannungsabhängigen L-Typ-Calciumkanal enthält. Letzterer ist der Angriffspunkt für Dihydropyridine, die am häufigsten eingesetzten Calciumantagonisten.

Eine Langzeitstudie aus dem Jahr 2016 zeigte, dass Patienten mit arterieller Hypertonie, die mit Betablockern oder Calciumantagonisten behandelt wurden, doppelt so oft wie Hypertoniker, die Angiotensin-Antagonisten oder ACE-Hemmer einnahmen, wegen einer Major-Depression oder einer bipolaren Störung im Krankenhaus therapiert werden mussten (DOI: 10.1161/HYPERTENSIONAHA.116.08188). Ungeklärt blieb in der Studie, ob nur Calciumantagonisten vom Dihydropyridin-Typ das Risiko für affektive Störungen erhöhen. Thiaziddiuretika wirkten sich nicht auf das Risiko für Depressionen aus. Für Angiotensin-Antagonisten und ACE-Hemmer hielten die Autoren sogar eine antidepressive Wirkung für möglich, da Patienten unter der Einnahme seltener wegen affektiver Störungen hospitalisiert wurden als Menschen, die keine Antihypertensiva einnahmen Das widerspricht allerdings Angaben in den Fachinformationen von Wirkstoffen aus diesen beiden Klassen, wo Depressionen als mögliche Nebenwirkung genannt werden.

Säurehemmer stoßen sauer auf

Protonenpumpeninhibitoren (PPI) wie Omeprazol stehen ebenfalls im Verdacht, das Risiko für affektive Störungen zu erhöhen. In einer Studie aus dem Jahr 2018 zeigte sich ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von PPI und Depressionen bei älteren Menschen: Je höher die Dosis war, desto höher war das Erkrankungsrisiko (DOI: 10.1017/S1041610217001715). Die Autoren dieser Studie konnten keinen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antacida und H2-Blockern mit Depressionen feststellen, es gibt allerdings Einzelfallberichte, die einen Zusammenhang zwischen H2-Blockern wie Ranitidin und Depressionen nahelegen.

Auch bestimmte Schmerzmittel können vermehrt zu Depressionen führen. So zeigte sich in einer Studie, dass die Anwendung von Codein, Hydrocodon und Oxycodon in Monotherapie über einen Zeitraum von mehr als 30 Tagen das Risiko für Depressionen erhöhte (DOI: 10.1002/pds.3999). Die Höhe des Risikos unterschied sich von Wirkstoff zu Wirkstoff. So war das weniger potente Codein mit einem um 30 Prozent höheren Depressionsrisiko assoziiert als Hydrocodon.

Auch das nicht steroidale Antirheumatikum Ibuprofen kann in seltenen Fällen depressive Verstimmungen auslösen. Darauf weisen in Deutschland die informierenden Texte hin. Zudem sind Depressionen und Suizidgedanken unter anderem auch mit dem 5α-Reduktase-Hemmer Finasterid assoziiert, der bei benigner Prostatahyperplasie und bei androgenbedingtem Haarausfall eingesetzt wird.

Henne oder Ei?

Wenn es um den Kausalzusammenhang zwischen einer Medikation und affektiven Störungen geht, ist jedoch das sogenannte Henne-Ei-Problem nicht zu vernachlässigen. Hierzu Pollmächer: »Depressionen sind sehr häufige Erkrankungen und betreffen in einem Zwölf-Monats-Zeitraum etwa 10 Prozent der Bevölkerung. Bei einer so großen Häufigkeit ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Teil der Menschen, die ohnehin eine Depression erlitten hätten, zufällig gerade auch ein Medikament einnimmt, das ursächlich involviert sein kann.«

Die Vermutung, dass eine Substanz Depressionen auslösen kann, basiere in der Regel auf Studien, deren Ziel es sei, die erwünschte Wirkung eines Medikaments zu testen. »Da fällt dann eine Häufung von Depressionen, etwa im Vergleich zu Placebo, zufällig auf. Die daraus errechenbaren Wahrscheinlichkeiten erlauben es aber nicht, im Einzelfall eine Kausalität herzustellen.« Diese lasse sich nur belegen, wenn die depressiven Symptome nach Absetzen des Medikaments verschwänden und, »wenn man wissenschaftlich sehr streng ist«, bei einer Reexposition wieder aufträten, erklärt Pollmächer.

Bei vielen Patienten reiche ein Absetzen des Medikaments aus, um die depressive Verstimmung zu überwinden. Es könne aber auch passieren, dass ein Medikament bei vulnerablen Patienten oder solchen, die bereits eine Depression hatten, eine depressive Phase triggere, die sich dann verselbstständige und behandelt werden müsse – leitliniengerecht mit Psychopharmaka und/oder Psychotherapie.

Arzneimittelgruppe Beispiele für Substanzen
Nicht-Opioid-Analgetika Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen
Opioide Fentanyl, Codein, Hydrocodon, Morphin, Oxycodon
Antihypertensiva Atenolol, Metoprolol, Propranolol, Enalapril, Quinapril, Amlodipin, Clonidin
Corticosteroide Hydrocortison, Dexamethason, Prednisolon, Prednison
Gastrointestinal wirksame Arzneimittel Ranitidin, Cimetidin, Famotidin, Omeprazol, Esomeprazol, Pantoprazol
Hormonell wirksame Arzneimitel Konjugierte Estrogene, Desogestrel, Ethinylestradiol, Levonorgestrel, Finasterid, Goserelin
Weitere therapeutische Klassen Baclofen, Flecainid, Haloperidol, Methyldopa, Metronidazol
Beispiele für Arzneimittel mit dem möglichen Potenzial, Depressionen auszulösen.

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