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Medizin-Nobelpreis 2020

Grundlagenforschung zu Hepatitis C ausgezeichnet

Dank hochwirksamer antiviraler Medikamente ist Hepatitis C heute eine behandelbare Erkrankung. Die Grundlagen dafür legten drei Forscher, die in diesem Jahr mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt werden.
Annette Rößler
05.10.2020  16:38 Uhr

Professor Dr. Harvey J. Alter, Professor Dr. Michael Houghton und Professor Dr. Charles M. Rice heißen die drei Preisträger des diesjährigen Nobelpreises für Medizin oder Physiologie. Das gab die Nobelversammlung am Karolinska-Institut in Stockholm heute bekannt. Die drei Virologen werden damit für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus (HCV) geehrt. Die beiden US-Amerikaner Alter und Rice sowie der Brite Houghton teilen sich die Auszeichnung zu gleichen Teilen.

Die Anfänge der HCV-Forschung reichen zurück bis in die frühen 1970er-Jahre. Damals war bereits deutlich geworden, dass verschiedene Typen der infektiösen Leberentzündung – Hepatitis – vorkommen. Eine davon, die man als Hepatitis A bezeichnete, wird über kontaminiertes Wasser oder Lebensmittel übertragen und beeinträchtigt den Patienten nur vorübergehend. Die andere Form, übertragbar über Blut und andere Körperflüssigkeiten, kann dagegen zu einer chronischen Erkrankung führen und letztlich zu Leberzirrhose und hepatozellulärem Karzinom fortschreiten. Sie ist insofern tückisch, als anscheinend gesunde Menschen über Jahre infiziert sein und den Erreger verbreiten können, bevor sie selbst Symptome entwickeln.

Hepatitis A, B und »Non A, Non B«

In den 1960er-Jahren entdeckte Professor Dr. Baruch Blumberg das Hepatitis-B-Virus (HBV) und ermöglichte damit die Entwicklung von Bluttests auf den Erreger sowie einer Impfung. Blumberg wurde dafür 1976 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Alter, zu diesem Zeitpunkt ein Mitarbeiter der US-Gesundheitsbehörde NIH, bemerkte jedoch, dass viele Hepatitis-Fälle bei Patienten, die Bluttransfusionen erhalten hatten, weder auf HAV noch HBV zurückgingen. Er zeigte, dass sich die Lebererkrankung durch Bluttransfusionen von diesen Patienten auf Schimpansen übertragen ließ. Dem unbekannten Erreger wies Alter in weiteren Versuchen virale Eigenschaften nach und nannte die von ihm verursachte Lebererkrankung »Non-A, Non-B-Hepatitis (NANBH)«.

Obwohl daraufhin zahlreiche Forschungsgruppen versuchten, den Erreger zu charakterisieren, dauerte es mehr als zehn Jahre, bis dies gelang. Houghton, damals Mitarbeiter der Pharmafirma Chiron, isolierte schließlich ein neues RNA-Virus aus der Familie der Flaviviren: das Hepatitis-C-Virus. Im Blut von Patienten mit chronischer Hepatitis fanden sich Antikörper gegen diesen Erreger – ein starker Hinweis darauf, dass es sich bei dem neu entdeckten Virus tatsächlich um den Auslöser der NANBH handelte.

Den Beweis hierfür uns somit das letzte Puzzleteil zum vollständigen Bild des HCV lieferte Rice mit seiner Arbeitsgruppe an der Washington University in St. Louis. Er fand heraus, welche RNA-Regionen des Erregers essenziell für die Replikation sind und welche die Replikation in vivo verhindern. Schimpansen, in deren Lebern Rice virale RNA ohne die inaktivierenden Abschnitte injizierte, wiesen anschließend HCV im Blut auf und entwickelten Anzeichen der chronischen Leberentzündung.

Grundlage moderner Pharmaka

Die Grundlagenforschung der diesjährigen Medizin-Nobelpreisträger ebnete den Weg für die Entwicklung von effektiven Wirkstoffen gegen HCV. Einen großen Beitrag hierzu leistete auch Professor Dr. Ralph Bartenschlager von der Universität und dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg, dem es erstmals gelang, HCV im Labor zu vermehren. Professor Dr. Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover äußerte deshalb gegenüber der Nachrichtenagentur dpa sein Bedauern, dass nicht auch Bartenschlager zu den Preisträgern gehört: »Die Auszeichnung ist absolut verdient und überfällig. Ich hätte mir gerne noch einen vierten Preisträger gewünscht, Ralf Bartenschlager aus Heidelberg. Er hätte es auch absolut verdient.«

Die Therapiemöglichkeiten bei HCV haben sich in den vergangenen Jahren radikal gewandelt – und verbessert. Die ineffektive und schlecht verträgliche Kombinationstherapie mit Interferon und Ribavirin konnte verlassen werden. Einen ersten Fortschritt stellten Inhibitoren der NS3/NS4A-Protease wie Boceprevir, Telaprevir und Simeprevir dar, spezifische Hemmstoffen der RNA-abhängigen RNA-Polymerase NS5B wie Sofosbuvir und des regulatorischen Virusproteins NS5A wie Ledipasvir brachten schließlich den Durchbruch. Heute ist die chronische HCV-Infektion – dank der Forschung von Alter, Houghton, Rice und anderen – eine behandelbare Erkrankung mit sehr guten Heilungschancen.

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