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Graue warnt vor fremdgesteuerten Plattformen

Für Apotheken bahnen sich gewaltige Umbrüche an, meint Jörn Graue, Vorsitzender des Norddeutschen Rechenzentrums bei der NARZ-Mitgliederversammlung. Er warnte vor dystopischen Fortentwicklungen im Apotheken- und Gesundheitssystem.
Christiane Berg
13.09.2021  15:06 Uhr

Globalisierung, Klimawechsel, Corona und nicht zuletzt die Digitalisierung gingen bei vielen Menschen mit Verunsicherung, Zukunftsangst und Furcht vor Kontrollverlust einher, so Graue, der auch Vorsitzender des Hamburger Apothekerverein ist. Verzweifelt bemühen sich die Präsenz-Apotheken bereits seit dem EuGH-Urteil, gemäß dem ausländische Versender bei der Lieferung rezeptpflichtiger Arzneimittel nach Deutschland die Arzneimittelpreisverordnung nicht mehr beachten müssen, um Akzeptanz und Anerkennung ihrer Leistungsfähigkeit und Bedeutung für den Patienten seitens der Politik und der Krankenkassen.

Nachdem »unwillige Regierungen, sekundiert von polemischer Medienakrobatik, es gekonnt vermieden haben, der deutschen (Vor-)Ort-Apotheke eine bessere rechtliche Stellung zu erstreiten, hat ausgerechnet die Pandemie selbst härtesten Verfechtern des freien Warenverkehrs klargemacht, dass dieser eine wesentlich tragendere Rolle einzuräumen ist als etwa kapitalgesellschaftlich gesteuerten EU-Versendern«, machte der Vorsitzende des Norddeutschen Rechenzentrums bei der NARZ-Mitgliederversammlung deutlich.

Mit entsprechender Wertschätzung oder gar Honorierung der Leistungen der Vor-Ort-Apotheker werde jedoch auch zukünftig nicht zu rechnen sein. Zwar ist, so Graue, dem Bundesgesundheitsministerium »während der Pandemie eine beispiellose Macht zugewachsen. In Folge eines völlig desaströsen gesetzgeberischen Regelwerks ist diese aber gleichermaßen von exorbitanten Ausgaben geprägt, die jeglichen Rahmen sprengen«, sagte er.

Mit den finanziellen Lasten dürfe sich die kommende Koalition auseinandersetzen. »Der Kassensturz wird fürchterlich sein«, prognostizierte Graue, gleichermaßen Vorsitzender des Hamburger Apothekervereins. Da bleibe kaum zu hoffen, dass noch Geld für den Erhalt und die Förderung der Leistungsträger des bewährten Apotheken- und Gesundheitssystems erübrigt wird – zumal die Krankenkassen ebenfalls finanziell ausgelaugt seien und schon jetzt für das kommende Jahr einen Riesenzuschuss des Bundes angefordert hätten.

Innovationszentrum im Hamburger Apothekerhaus gegründet

Stichwort »Digitalisierung«: Die Probeläufe der bisherigen Modellprojekte zur Einführung des E-Rezepts haben trotz sichtbarer Erfolge auch die Schwierigkeiten aufgezeigt, die bei der Einlösung und Übermittlung zu erwarten sind, so der NARZ-Vorsitzende weiter. Es gehöre nicht viel dazu vorherzusehen, dass selbst die partielle Umsetzung zum bislang definierten Zeitpunkt mehr als ambitioniert ist. Überhaupt: »Schaut man auf das jahrzehntelange Geschehen um die Gematik, so wendet man sich mit Grausen ab«, konstatierte Graue, der bei weiterem Misslingen des von vielen Unwägbarkeiten und Verästelungen geprägten Gesamt-Prozesses »Chaos und Fiasko« fürchtet.

»Da helfen auch die verschiedenen Netzwerk-Plattformen nicht, die wie Pilze aus der Erde schießen, und uns nur vermeintliches Heil suggerieren«. Ganz abgesehen davon, dass diese »von den großen Lehnsherren im Netz wie Espenlaub im Wind hinweggefegt werden: »Fremdkonzerngesteuerte Plattformen erhalten eine ungeheure wirtschaftliche und für den Patienten gefährliche Vormachtstellung, wenn ihrem Treiben kein Einhalt geboten wird. Die demokratischen Spielregeln werden buchstäblich außer Kraft gesetzt«, warnte er. Apotheken sollten genau prüfen, ob beziehungsweise welchen dieser Plattformen sie sich anschließen.

Generell dürfe sich niemand wundern, wenn »von Menschen mit Daten gefütterte Maschinen mittels selbstlernender Algorithmen wissen, was diese wollen, oder sie dazu veranlassen, das zu tun, was sie wollen«, sagte Graue. Doch keiner wolle »die apokalyptischen Reiter hören« und die Kernfrage stellen: Was geschieht, wenn die Macht der Maschinen weiter wächst? Die »Vertreibung aus dem Paradies« habe bereits begonnen.

Sich des Ernstes der Lage sehr bewusst versuche das NARZ trotz überwiegend schlechter Nachrichten, Fake News und negativer Zerrbilder insbesondere der Mainstream-Medien Utopie und positive Zukunftsideen zu wagen in dem Wissen, dass Denk- und Handlungsmotive wirkungsmächtig sind.

Optimierung der Produktionsprozesse

»Das Hauptaugenmerk der unternehmenspolitischen Zielsetzung ist vor dem Hintergrund der derzeitig angespannten Situation im Gesundheitswesen auf die Kernbereiche Digitalisierung und hier insbesondere auf die Einführung des E-Rezepts sowie Synergieeffekte durch Kooperationen gerichtet«, führte Marc Beushausen, seit Beginn dieses Jahres neben Hanno Helmker Geschäftsführer der Gesellschaft für Informations- und Datenverarbeitung mbH (GFI) als operative Eigengesellschaft des NARZ, dazu näher aus.

Des Weiteren ständen im Focus der Aktivitäten die Optimierung der derzeitigen Produktionsprozesse, die Wahrung markt- und leistungsgerechter Abrechnungsgebühren, die Erarbeitung zusätzlicher Dienstleistungen für Apotheken sowie die Stärkung und Ausweitung der Marktgebiete durch Optimierung der Vertriebsstrukturen.

Um den sich absehbar verändernden Marktanforderungen Rechnung zu tragen, haben die NARZ-AVN- Firmengruppe und die GFI im Hamburger Apothekerhaus ein Innovationszentrum eingerichtet, in dem nicht nur neue Produkte entwickelt, sondern der Zukunfts-Bedarf ermittelt und Lösungen erarbeitet werden sollen, so Beushausen weiter.

Zudem sei eine Firma gegründet worden, die sich zunächst der Dienstleistung der PKV-Abrechnung in der öffentlichen Apotheke sowie der PKV- und GKV-Abrechnung im Krankenhausbereich widmen soll. »Weitere Tätigkeitsfelder sollen erschlossen werden, um Erträge durch Bindung neuer Zielgruppen zu generieren«, konstatierte Beushausen abschließend. Auch er zeigte sich von der Macht positiver Zukunftsbilder überzeugt: »Was wir heute denken und tun entscheidet, wie die Welt von morgen aussieht«, sagte er.

Sicherheit von Apotheke und Patient im Fokus

Ging Beushausen im Vorfeld auch auf die Insolvenz der AvP ein, so machte er deutlich, dass die Firmengruppe NARZ/AVN/GFI die für AvP-Kunden zum Teil existenzbedrohenden Folgen dahingehend minimieren konnte, dass sie innerhalb kürzester Zeit mehreren hundert Apotheken Hilfe bei der Erhaltung ihrer Liquidität bieten konnte. Diese seien zwischenzeitlich zum Teil Neukunden der Firmengruppe.

»Da die Möglichkeit der Insolvenz eines Abrechners bis dato als absolut undenkbar galt, hat die AvP- Insolvenz nicht nur für die betroffenen Apotheken, sondern für den gesamten Markt neue Herausforderungen mit sich gebracht«, machte Beushausen deutlich. »Seitdem stehen Themen wie Sicherheit der Rezept-Abrechnung in einer nie zuvor gekannten Notwendigkeit im Fokus der Betrachtung und werden sogar auf legislativer Ebene thematisiert«, sagte er. Das NARZ habe auch hier bereits in der Vergangenheit Weitblick bewiesen, indem es die nunmehr sicherheitspolitisch eingeforderten, offenen Treuhandkonten seit jeher als Standard anbietet.

Die Umstände der AVP-Insolvenz, so Beushausen, zeigen die Vorteile für Apotheker auf, die sich durch ein Rechenzentrum wie das NARZ ohne Gewinnerzielungsabsicht als Dienstleister ergeben. Die Insolvenzsicherheit werde in der NARZ-AVN Firmengruppe schon seit jeher insbesondere dadurch erreicht, dass es keine Abtretung der Forderungen des Apothekers aus der Rezeptabrechnung gibt.

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