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Typ-2-Diabetes

Gliptine früher einsetzen?

Eine retrospektive Kohortenstudie aus Kanada zeigt: Erhalten Typ-2-Diabetiker direkt nach Diagnosestellung Sitagliptin plus Metformin, sind vier Jahre später weniger Patienten insulinpflichtig als wenn die Therapie allein mit Metformin gestartet und Sitagliptin erst später hinzugegeben wird.
Annette Mende
17.01.2020
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Auf die Studie, die Mitte Oktober 2019 im Fachjournal »Diabetic Medicine« erschien, macht aktuell Sitagliptin-Hersteller MSD in einer Pressemitteilung aufmerksam. Wissenschaftler um Professor Dr. Shelagh Campbell von der University of Alberta in Kanada hatten darin anhand der Verordnungsdaten von Bewohnern ihrer Stadt folgende zwei Therapieregime miteinander verglichen: neu diagnostizierte Typ-2-Diabetiker, die eine Pharmakotherapie zeitgleich mit dem Dipeptidylpeptidase (DPP)-4-Hemmer Sitagliptin und Metformin begannen (Kostarter) und solche, bei denen die Therapie zunächst nur mit Metformin begonnen wurde, Sitagliptin aber später hinzukam. Die erste Gruppe umfasste 1.153 Patienten, die zweite 7.611.

Während der durchschnittlich 3,9-jährigen Beobachtungszeit war bei 173 Kostartern (15,0 Prozent) und 1.453 Patienten der Vergleichsgruppe (19,1 Prozent) eine Insulinbehandlung erforderlich. Daraus ließ sich eine adjustierte Odds Ratio von 0,76 und somit ein Hinweis auf einen Vorteil für die Patienten in der Kostarter-Gruppe ableiten. Auch beim HbA1c-Wert zeichnete sich ein Vorteil ab; der Wert sank unter der frühen Sitagliptin-Metformin-Kombination um 0,5 Prozentpunkte stärker als unter der späteren.

MSD weist darauf hin, dass es sich um eine Beobachtungsstudie mit Limitationen hinsichtlich des Designs und der Datensammlung handelt. So sei ein Selektionsbias nicht auszuschließen, denn die Kostarter seien jünger und häufiger männlich gewesen als die Patienten in der Vergleichsgruppe. Ferner handle es sich um Verordnungsdaten und es sei unklar, ob die Patienten die verschriebenen Medikamente auch tatsächlich eingenommen haben. Die relativ kurze Nachbeobachtungszeit habe zudem keine Analyse von harten Endpunkten wie mikro- oder makrovaskuläre Komplikationen oder Tod zugelassen, weshalb die Insulinpflicht als Surrogatparameter gedient habe.

Dennoch lasse das Ergebnis vermuten, dass es die Progression der Stoffwechselerkrankung verlangsamen könne, wenn Typ-2-Diabetiker von Anfang an zusätzlich zu Metformin auch Sitagliptin erhielten. Als Rationale dafür führt das Unternehmen an, dass der DPP-4-Hemmer die Betazellen des Pankreas vor dem Zelltod schützen könne, indem er die lokale Wirkung des Glucagon-Like-Peptide (GLP)-1 verstärkt. Die antiapoptotische Wirkung von GLP-1 auf Betazellen konnte bereits 2009 gezeigt werden (»Diabetes«, DOI: 10.2337/db09-0063).

Sollte sich die protektive Wirkung von Sitagliptin bestätigen lassen, könnte es in der Tat sinnvoll sein, den DPP-4-Hemmer bereits früh im Krankheitsverlauf einzusetzen. Derzeit sind entsprechende Präparate wie Januvia® (Monopräparat) und Janumet® (Fixkombi mit Metformin) allerdings erst bei nicht ausreichendem Ansprechen auf eine Metformin-Monotherapie oder bei Metformin-Unverträglichkeit indiziert. Wenn die Schutzwirkung tatsächlich auf GLP-1 beruht, ist es zudem wahrscheinlich, dass es sich um einen Klasseneffekt aller Arzneistoffe mit Wirkung auf das Inkretin-System handelt. Hierzu zählen neben den DPP-4-Hemmern, die den Abbau von GLP-1 blockieren, auch die GLP-1-Rezeptoragonisten (Inkretin-Mimetika).

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