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Interoperabilitätsverzeichnis

Gematik will bei Vesta das Steuer übernehmen

Den Bundestag muss die Gematik nun wieder über den Stand des Interoperabilitätsverzeichnisses Vesta unterrichten. Diese Gelegenheit nutzt sie, um politische Forderungen zu stellen auf mehr Entscheidungsgewalt zu pochen. 
Jennifer Evans
03.02.2021  16:00 Uhr

Eigentlich sollte die Gematik den Bundestag lediglich über die Erkenntnisse und Erfahrungen des Interoperabilitätsverzeichnis Vesta informieren. Der nun veröffentlichte Bericht zum sogenannten Verzeichnis für Standards und Anwendungen (Vesta) geht aber weit darüber hinaus. Mit Blick auf die vergangenen zweieinhalb Jahre ist die Gematik nämlich gar nicht zufrieden mit der Entwicklung des Verzeichnisses, das derzeit rund 380 technische und semantische Standards für elektronische Anwendungen im Gesundheitswesen festlegt, und übt mächtig Kritik.

Die Gesellschaft findet, dass das Interoperabilitätsverzeichnis bislang sein ursprüngliches Ziel verfehlt hat. Und das sei, die Beziehungen zwischen IT-Standards, Projekten und Anwendungen und weiteren Zusatzinformationen abzubilden, sodass dadurch ein Mehrwert für alle Akteure im Umfeld der Digitalisierung des Gesundheitswesens entstehe. Auch den gesetzlichen Prozess, verbindliche IT-Standards im Gesundheitswesen zu implementieren, erachtet sie dem aktuellen Bericht zufolge als »unzureichend«. Unter anderem dauern ihr die Bewertungen neuer technischer Vereinbarungen zu lange.

Vesta umfasst aber nicht nur eine Liste technischer Festlegungen, sondern dazu gehört auch ein Informationsportal. Dies fungiert als eine Art zentrales Nachschlagewerk für alle telemedizinischen Projekte und digitalen Lösungen, ganz gleich ob diese bereits Teil der Regelversorgung sind oder nicht. Aktuell umfasst es laut Bericht rund 180 Projekte und Anwendungen. Die Projektträger haben eine gesetzliche Meldepflicht, damit ihr Produkt dort auffindbar ist. Viele wissen davon aber nichts oder kommen der Meldepflicht nicht nach, bemängelt die Gematik. Doch um den nötigen Druck auszuüben, fehle ihr die gesetzliche Grundlage.

Marktüberblick fehlt 

Außerdem mindern nach Auffassung der Gematik »regionale Initiativen«, die inzwischen ähnliche Portale mit annähernd gleicher Funktionalität bieten, die Außenwirkungen von Vesta. Und angesichts dieser Insellösungen fehle nun ein »vollständiges Bild« über den Markt, so der Vorwurf der Gesellschaft.

Klar ist daher für die Gematik, dass es in Zukunft eine zentrale Stelle geben muss, die all diese Angelegenheiten koordiniert. Im Bericht  heißt es: »Bislang fehlt eine übergeordnete Koordination und strategische Festlegung, welche grundsätzlichen IT-Standards in Deutschland flächendeckend und ggf. für die Sicherstellung der Interoperabilität zum Beispiel zu weiteren Teilnehmern der Digitalisierung von medizinischen Daten verbindlich genutzt werden müssen.« Zudem stellt die Gematik in ihren Ausführungen deutlich heraus, dass viele Probleme lösbar wären, hätte sie künftig den Hut auf: »Die Gematik als nationales Kompetenzzentrum für die Telematik-Infrastruktur und die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist eine der Institutionen, die für eine entsprechende nationale und zentrale Koordination geeignet ist und zudem auch die Abstimmung auf internationaler Ebene wahrnehmen kann.«

Da Bundesgesundheitsminister Jens Sphan (CDU) beim Thema Digitalisierung seit Jahren aufs Gaspedal tritt und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) inzwischen 51 Prozent der Gematik-Anteile hält, könnte die Gesellschaft mit ihren Forderungen für eine »verantwortliche Stelle« und eine »klare Verteilung der Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten« durchaus auf offene Ohren stoßen.

Vesta als Wissensmanagementplattform

Dem Bericht zufolge soll Vesta zukünftig insbesondere als transparente und öffentlich zugängliche Dokumentations- und Wissensmanagementplattform dienen, die »Informationen über Standardisierungsaktivitäten, Projektvorhaben, elektronische Anwendungen und Akteure im Bereich E-Heath« liefert. Wie Gematik-Chef Markus Leyck Dieken im PZ-Interview sagte, braucht auch die Industrie für ihre Neuentwicklungen verlässliche Standards. Und zwar mit verbindlichen Abstimmungen auf internationaler Ebene.

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