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Antibiotika-Tabellen

Für Kinder und Erwachsene

Antibiotika werden bei unterschiedlichen Infektionen eingesetzt. Bei einem Aut-simile-Austausch müssen die Wirkspektren und indikationsspezifischen Dosierungen beachtet werden. Dies wird in den Vergleichstabellen ebenso berücksichtigt wie Dosierungen für Erwachsene und Kinder.
Sabine Breiholz
Christiane Eickhoff
Doris Klein
Dirk Klintworth
Maike Petersen
Ann Kathrin Strunz
11.10.2020  08:00 Uhr

Insgesamt werden 85 Prozent der Antibiotika in der ambulanten Versorgung verordnet. Darunter sind zahlreiche Antibiotika, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als versorgungsrelevant einstuft (1, 2). In der Praxis sind diese jedoch häufig von Lieferengpässen betroffen. Vor allem bei Kindern, für die sich mitunter nur flüssige orale Darreichungsformen eignen, können Lieferengpässe zu akuten Versorgungsengpässen führen. Ist beispielsweise der Saft eines Antibiotikums nur von einem Hersteller auf dem Markt, stellt sich bei Nichtverfügbarkeit sofort die Frage nach einem Austausch des Arzneistoffs.

Für einen rationalen Einsatz von Antibiotika sind sowohl die Diagnostik als auch die Auswahl eines geeigneten Wirkstoffs entscheidend. Die Tabellen geben deshalb einerseits indikationsunabhängig eine allgemeine Übersicht und fokussieren andererseits spezifisch auf Infektionen mit hoher Prävalenz; jeweils wiederum separat für Erwachsene und Kinder.

Die allgemeinen Vergleichstabellen umfassen alle oralen Antibiotika, geordnet nach den ATC-Codes. Sie bieten einen Überblick über verfügbare Darreichungsformen sowie gängige Dosierungen beziehungsweise Dosierungsbereiche. Konkrete Dosierungen für einzelne Indikationen können den Fachinformationen und den jeweiligen indikationsspezifischen Vergleichstabellen entnommen werden, sofern vorhanden.

Indikationsspezifische Vergleichstabellen

Diese Tabellen führen Antibiotika auf, die bei der jeweiligen Indikation als Mittel der Wahl oder Alternative eingesetzt werden, und beinhalten das empfohlene Dosierungsschema und die Behandlungsdauer. Diese Einstufung erfolgte auf Basis von Therapieleitlinien, sofern diese für die Indikation zur Verfügung standen, sowie der Empfehlungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zur rationalen Antibiotika-Therapie aus der Reihe WirkstoffAktuell (3). Für Erwachsene stehen acht und für Kinder vier Tabellen zur Verfügung.

Die Beratung zur Antibiotika-Anwendung bei Kindern stellt eine Herausforderung dar (4). Dabei ist die Kenntnis der individuellen Dosierung wesentlich, um die korrekte Zubereitung, Lagerung, Dosisabmessung und -applikation der überwiegend flüssigen Darreichungsformen erläutern zu können.

Die Tabellen für Kinder führen daher differenzierte Dosierungsschemata nach Alters-/Gewichtsbereichen sowie Formeln zur Berechnung der individuellen Dosis auf. Unter Berücksichtigung arzneistoffspezifischer Untergrenzen werden Dosierungen für Kinder von Null bis zwölf Jahren abgedeckt. Weiterhin werden alle verfügbaren flüssigen und festen Darreichungsformen einschließlich Wirkstärken aufgeführt, um unter Berücksichtigung des Alters und der geeigneten Darreichungsformen alle derzeit möglichen Alternativen aufzuzeigen.

Beispiel Tonsillopharyngitis

Tonsillopharyngitiden werden überwiegend viral ausgelöst. Der häufigste bakterielle Erreger ist Streptococcus pyogenes (β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A) mit einer Prävalenz von etwa 50 bis 70 Prozent. Eine Indikation für eine Antibiotika-Therapie besteht, wenn eine gesicherte Streptokokken-Infektion nach positivem Antigentest oder Rachenabstrich oder ein hochgradiger Verdacht mit einem McIsaac-Score von 4 bis 5 gegeben ist (5–7).

In Deutschland treten jährlich 1 bis 1,5 Millionen akute Streptokokken-Tonsillopharyngitiden auf, wobei Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren am häufigsten betroffen sind (8). Daher wurde für diese Indikation eine Vergleichstabelle erstellt.

Als Mittel der Wahl werden Phenoxymethylpenicillin-Kalium sowie Phenoxymethylpenicillin-Benzathin, mit einer deutlich kürzeren Halbwertszeit, eingesetzt. Als Alternativen bei Therapieversagen oder Penicillinallergie werden Cephalosporine der ersten oder zweiten Generation, Makrolide und Clindamycin empfohlen (9, 7).

Fallbeispiel: Aut-simile-Prozess in der Apotheke

Ein 35-jähriger Patient, der über starke Halsschmerzen und Fieber klagt, legt am Samstagnachmittag in der Apotheke folgende Verordnung zulasten der GKV vor:

► Clarithromycin 500 mg Filmtabletten 20 Stück, zweimal täglich 500 mg für zehn Tage.

Aktuell kann der Apotheker die Verordnung nicht beliefern, da die entsprechenden Film- und Retardtabletten (FTA, RET) von keinem Hersteller am Lager sind. Die allgemeine Vergleichstabelle der Antibiotika zeigt, dass Clarithromycin (im PDF beschrieben auf Seite 5) neben Tabletten auch als Granulat zur Herstellung einer Suspension (GSE) zur Verfügung steht. Jedoch hat die Apotheke das Granulat ebenfalls nicht am Lager.

Da die Verordnung aufgrund des akuten Infekts sofort beliefert werden sollte, denkt der Apotheker an einen Aut-simile-Austausch. Der Patient berichtet, dass der Arzt ihm das Antibiotikum verordnet habe, nachdem ein Rachenabstrich positiv war und er in der Vergangenheit mit Hautausschlägen auf diverse Antibiotika reagiert habe. Wie in der Vergleichstabelle Tonsillopharyngitis (im PDF Seite 2) aufgeführt, werden in solchen Fällen Makrolide wie Clarithromycin als Alternative eingesetzt.

Auf die Frage nach weiteren Arzneimitteln berichtet der Patient, dass er unter Nesselsucht leide und nächste Woche einen Termin für einen Allergietest habe. Bis dahin habe sein Hausarzt ihm Ebastin 10 mg verschrieben. Aktuell nimmt der Patient täglich eine Tablette gegen die Beschwerden ein, weil ihn der starke Juckreiz sehr belastet. Beim Arzt habe er jedoch vergessen, davon zu berichten, da dieses Arzneimittel noch neu für ihn sei.

Aufgrund einer verstärkten Wirkung des H1-Antihistaminikums Ebastin bei gleichzeitiger Einnahme von Clarithromycin besteht ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen durch QT-Zeitverlängerung. Da alle Makrolid-Antibiotika über eine CYP3A4-Hemmung diesen Effekt hervorrufen, sind sie bei gleichzeitiger Einnahme von H1-Blockern kontraindiziert (10, 11). Daher kommen andere Makrolide bei einem Aut-simile-Austausch für diesen Patienten ebenfalls nicht infrage.

Lincosamide zeigen diese Wechselwirkung mit CYP3A4 nicht und werden ebenfalls als Alternative bei Tonsillopharyngitis eingesetzt. Daher kann der Apotheker dem verordnenden Arzt Clindamycin zum Austausch vorschlagen. Bei der Arztrücksprache muss neben der Wahl des Arzneistoffs, der Darreichungsform und der Wirkstärke auch die für den Behandlungszeitraum erforderliche Packungsgröße geklärt werden. Weiterhin sollten Arzt und Apotheker die patientenindividuelle Dosierung besprechen.

Clindamycin steht als Filmtablette mit Wirkstärken von 150 bis 600 mg zur Verfügung und wird bei Tonsillopharyngitis üblicherweise mit 600 bis 1800 mg pro Tag, aufgeteilt auf zwei bis vier Einzelgaben, eingesetzt.

► Das Ergebnis der Arztrücksprache kann zum Beispiel lauten: Clindamycin 600 mg Filmtabletten 30 Stück, dreimal täglich 600 mg für zehn Tage.

Der Apotheker muss den Aut-simile-Austausch anschließend auf der Verordnung dokumentieren und abzeichnen. Zudem muss er dem Patienten die Notwendigkeit und das Ergebnis der Arztrücksprache erklären und ihm die geänderte Dosierung und das geänderte Einnahmeschema erläutern.

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