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Zecken auf dem Vormarsch

FSME-Impflücken jetzt schließen

Ob der Gemeine Holzbock oder die Auwald-Zecke: Im Frühjahr und im Frühsommer haben Zecken in Mitteleuropa ihr Aktivitätsmaximum. Sie können relevante Krankheitserreger wie die der Lyme-Borreliose und der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen. Der FSME-Grund- und Auffrisch-Impfung kommt in doppelter Hinsicht große Bedeutung zu.
Christiane Berg
26.03.2021  12:15 Uhr

Die Lyme-Borreliose ist die häufigste durch Zecken übertragene bakterielle Erkrankung des Menschen in Deutschland. »Detaillierte Daten existieren nicht. Ernstzunehmende Studien gehen jedoch von circa 200.000 Neuerkrankungen pro Jahr aus«, sagte Professor Dr. Jochen Süss, Renthendorf, am Rande des 14. Internationalen Symposiums zu Zecken und durch Zecken verursachte Krankheiten.

Genaue Erkrankungszahlen hingegen lägen für die virale Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) vor. Erstmals seit Beginn der Registrierung von Erkrankungsfällen seit 2001 seien 2020 mehr als 700 Fälle übermittelt worden. Nicht zuletzt in Folge des Klimawandels steige zudem die Zahl der sogenannten FSME-Risikogebiete von Jahr zu Jahr. Zu diesen zählen in Deutschland 169 Kreisregionen in Bayern, Baden-Württemberg, Süd- und Mittelhessen, Sachsen, Thüringen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und im Saarland. »Selbst im Norden ist jetzt auch das Emsland betroffen«, konstatierte Süss. Der Virologe und Tagungsleiter betonte, dass zusätzlich einzelne Erkrankungsfälle auch außerhalb dieser Risikogebiete registriert werden.

Die epidemiologische Gesamt-Situation erfordere verstärkt Aufklärung und Information der Bevölkerung über entsprechende Schutzmöglichkeiten. Unbedingt müsse der Nutzen der Immunprophylaxe durch eine FSME-Impfung verstärkt in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt werden – dieses allemal, da bei einer bereits klinisch ausgebrochenen FSME im Gegensatz zur Borreliose, die mit Antibiotika behandelt werden kann, keine kausalen Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Zecken so schnell wie möglich entfernen

Zwar lasse sich das Risiko eines Zeckenstichs durch Repellents beziehungsweise entsprechende, gut abschließende Kleidung beim Aufenthalt im Freien senken. Auch könne durch die anschließende sorgfältige Suche am gesamten Körper und gegebenenfalls Entfernung von Zecken einer Lyme-Borreliose vorgebeugt werden. Sollte es nach einem Zeckenstich zur für die Borreliose typischen Wanderröte sowie zu Erstsymptomen wie Fieber und Erschöpfung kommen, so lasse sich umgehend eine Antibiotikatherapie einleiten, da eine FSME ausgeschlossen werden kann, sagte er.

Während die Borrelien im Darmepithel der Zecken sitzen und erst, wenn die Zecke Blut gesaugt hat, aktiviert werden und über den Darm aufwärts bis zu ihren Speicheldrüsen gelangen, befinden sich die FSME-Viren bereits in den Speicheldrüsen der Zecke. Sie werden, wenn die Blutmahlzeit durch eine virusinfizierte Zecke beginnt, sofort und nicht erst – wie bei der Borreliose – nach 10 oder 20 Stunden übertragen. Ein schnelles Entfernen der Zecke könne folglich der Vorbeugung der bakteriellen, jedoch nicht der viralen Infektion dienen. »Die Impfung ist der effektivste Schutz gegen FSME«, unterstrich Süss.

Wann muss die FSME-Impfung aufgefrischt werden?

Er hob die große Bedeutung der sorgfältigen FSME-Grund- und Auffrischungsimpfung entsprechend der Vorgaben der Ständigen Impfkommission (STIKO) hervor. Bestehende Impflücken sollten unbedingt geschlossen werden. In Deutschland stehen mit FSME-Immun® (Pfizer) und Encepur® (Chiron Behring) derzeit zwei FSME-Impfstoffe plus entsprechende Reimporte zur Verfügung (in je zwei Dosierungen für Kinder und Erwachsene).

Die Grundimmunisierung besteht aus drei Impfdosen. Die zweite Dosis soll ein bis drei Monate nach der ersten erfolgen. Bei FSME immun  erfolgt die dritte Impfdosis fünf bis zwölf Monate später, bei Encepur nach neun bis zwölf Monaten. Für beide Impfstoffe gibt es auch ein kürzeres Schnellimpf-Schema. Die erste Auffrischung wird bei beiden Präparaten fünf Jahre nach der abgeschlossenen Grundimmunisierung empfohlen. Anschließend alle fünf Jahre bei Unter-50-Jährigen beziehungsweise alle drei Jahre bei Über-50-Jährigen.

Was ist, wenn eine Auffrischung nicht zeitgerecht erfolgte? Dann sollte sie trotzdem nachgeholt werden. »Jede FSME-Impfung zählt«, betonte Virologe Süss. Mit beiden Impfstoffen würden gute Immunantworten und protektive Antikörpertiter erzielt. Dieses sei gerade angesichts der aktuellen Corona-Pandemie von Bedeutung. Denn: Die hohe Zahl der im vergangenen Jahr beobachteten FSME-Fälle, so Süss, sei mit Sicherheit auch auf die Tatsache zurückzuführen, dass viele Menschen im Rahmen des Lockdowns Bewegungs-Ausgleich bei Spaziergängen in Parks oder im Wald beziehungsweise bei der Arbeit im Garten suchen und dort Opfer eines Zeckenstichs werden.

Ob in der Arztpraxis oder in der Apotheke: Es könne wichtig sein, die Patienten auf die Rolle der FSME-Grund- und Auffrisch-Impfung entsprechend aufmerksam zu machen beziehungsweise an diese zu erinnern, hob Dr. Markus Frühwein, München, auf einer Veranstaltung von Pfizer hervor. Dabei sei zu bedenken, dass für viele Menschen in absehbarer Zeit auch die Covid-19-Impfung ansteht. Vor und nach einer Covid-19-Impfung sollten dabei mindestens 14 Tage Abstand zu anderen Impfungen liegen. Das sollten die impfenden Arztpraxen bei der Terminvergabe berücksichtigen.

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