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Therapie und Hygiene

Finger weg vom Lippenherpes

Lippenherpes-Erreger schlummern im Körper lange unbemerkt. Werden sie aktiv, führt dies zu unangenehmen Symptomen und einem hohen Ansteckungsrisiko. Zum Glück gibt es Therapie- und sinnvolle Zusatzmaßnahmen.
Maria Pues
12.08.2020  07:00 Uhr

Fast jeder hat sie, und keiner wird sie wieder los: Herpes-simplex-1-Viren (HSV-1), die Lippenherpes verursachen können. Man schätzt, dass in Deutschland 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung den Erreger in sich tragen. Bei 20 bis 40 Prozent von ihnen kommt es irgendwann zu Lippenherpes, bei einigen Betroffenen auch wiederholt. Daneben kann seltener auch HSV-2 Lippenherpes auslösen; häufiger führt dieser allerdings zu einem Genitalherpes.

Wie man Lippenherpes-Symptome lindern und einem erneuten Auftreten vorbeugen kann, ist ein häufiger Beratungsanlass in der Apotheke. Betroffene müssen wissen: Das Virus bleibt auch nach dem Verschwinden der akuten Symptome im Körper und kann – meist unter begünstigenden, das heißt die Immunabwehr beeinträchtigenden Bedingungen – erneut zu einem »Aufblühen« eines Lippenherpes führen. Solche Faktoren sind:

Wenn die persistierenden Erreger reaktiviert werden, kommt es bevorzugt am Übergang von Lippe und Gesichtshaut und dort an den Endigungen bestimmter Nerven zu einer massiven Virenvermehrung, die sich zunächst durch Brennen, Kribbeln oder Jucken bemerkbar macht (siehe Grafik). Manchmal erscheinen die typischen Bläschen jedoch auch ohne Vorwarnung. Sie sind mit einer Flüssigkeit gefüllt, die reich an Herpesviren ist. Im weiteren Verlauf platzen die Bläschen auf; dann besteht ein hohes Ansteckungsrisiko. Die Virenübertragung kann per Tröpfcheninfektion, Schmierinfektion oder direkten Haut- beziehungsweise Schleimhautkontakt sowohl auf weitere Hautregionen beim Betroffenen selbst (etwa Kinn, Nase oder Augen) als auch auf weitere Personen erfolgen. Anschließend verkrusten die Bläschen und heilen ab. Eine Behandlung kann die akuten Symptome lindern und die Dauer um rund einen Tag verkürzen.

Möglichst frühzeitig behandeln

Arzneimittel, die die Virenvermehrung hemmen, sollten möglichst frühzeitig, am besten bereits bei den ersten Anzeichen angewendet werden. Für die lokale Behandlung im Rahmen der Selbstmedikation stehen die Nukleosid-Analoga Aciclovir (Zovirax® und Generika) und Penciclovir (Pencivir®) sowie eine Kombination aus Aciclovir und Hydrocortison (Zovirax® Duo) zur Verfügung.

Bei Aciclovir handelt es sich um ein Prodrug, das erst durch die viruseigene Thymidinkinase zu Aciclovir-Triphosphat aktiviert wird. Laut Fachinformation ist eine Behandlung bis einschließlich der Bläschenphase sinnvoll, jedoch nicht mehr ab der Krustenphase. Die Creme soll tagsüber fünfmal täglich – alle vier Stunden – dünn auf die betroffenen und angrenzenden Hautstellen aufgetragen werden. Zumeist dauert die Behandlung vier Tage lang. Sie sollte so lange erfolgen, bis die Bläschen verkrustet sind, jedoch nicht länger als zehn Tage.

Die Kombination mit Hydrocortison ist zur Behandlung von wiederkehrendem Lippenherpes bei Erwachsenen und Jugendlichen ab zwölf Jahren zugelassen. Der Zusatz von Hydrocortison soll verhindern, dass Lippenherpes zu ulzerativen Läsionen fortschreitet. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht bekannt. Die Kombination sollte fünf Tage lang fünfmal täglich angewendet werden.

Auch Penciclovir stellt ein Prodrug dar, das durch die virale Thymidinkinase zum aktiven Triphosphat phosphoryliert wird, welches dann die Replikation der viralen DNA hemmt. Es darf bei Jugendlichen ab zwölf Jahren und bei Erwachsenen zum Einsatz kommen, um bei leichten Formen eines rezidivierenden Herpes labialis Symptome wie Schmerzen und Juckreiz zu lindern und die Krustenbildung zu beschleunigen. Die Creme sollte tagsüber alle zwei Stunden (wenn sie sich abgerieben hat, auch früher) und mindestens sechsmal täglich aufgetragen werden. Als optisch weniger auffällige Variante gibt es eine hautfarbene Zubereitung.

Auch zur Anwendung bei Kindern ab einem Jahr zugelassen ist eine Creme mit hochkonzentriertem Melissenextrakt (Lomaherpan®). Dessen Wirkstoffe sollen Rezeptoren auf der Oberfläche von Wirtszellen blockieren, sodass Herpesviren nicht in die Hautzellen gelangen können, was Voraussetzung für ihre Vermehrung ist. Die Creme wird so frühzeitig wie möglich im Verlauf eines Lippenherpes zwei- bis viermal täglich auf die betroffenen Hautstellen und die angrenzenden Bereiche aufgetragen.

Ebenfalls bei den ersten Anzeichen angewendet werden sollte Zinksulfat-Heptahydrat (Virudermin® Gel, Lipactin® Gel in Kombination mit Heparin). In vitro reduzieren Zink-Ionen die Infektiosität von Herpesviren, indem sie sich auf deren Zellmembran anlagern und so verhindern, dass diese in Zellen gelangen können. Heparin verzögert das Eindringen des Virus in die Zelle. Virudermin Gel sollte bis zu viermal täglich dünn aufgetragen werden, Lipactin Gel drei- bis sechsmal täglich. Lipactin Gel ist zur Anwendung bei Kindern ab vier Jahren zugelassen.

Auch Docosan-1-ol (zum Beispiel Muxan® Creme) soll das Eindringen der Herpesviren in Hautzellen verhindern und muss hierzu in frühen Stadien (Prodrom- oder Erythemphase) aufgetragen werden. Die Anwendung erfolgt fünfmal täglich, während des Tages rund alle drei Stunden, über maximal zehn Tage. Eine Wirksamkeit während der Bläschenphase oder danach ist nicht bewiesen. Zugelassen ist es zur Behandlung eines wiederkehrenden Lippenherpes bei Betroffenen ab zwölf Jahren.

Spezielle Pflaster (Compeed® Herpesbläschen Patch) eignen sich zur Anwendung ab der Bläschenphase. Sie arbeiten nach dem Prinzip der feuchten Wundversorgung. Sie nehmen, wenn sich die Bläschen öffnen, die enthaltene Flüssigkeit auf und reduzieren die Krustenbildung. So vermindert sich das Risiko einer Keimansiedlung (Superinfektion). Die Pflaster können überschminkt werden, sodass Lippenherpes beim Gegenüber weniger stark ins Auge fällt.

Viren nicht weiter verteilen

Grundsätzlich gilt: Die flüssigkeitsgefüllten Herpesbläschen stecken voller Viren. Zum Auftragen der Cremes und Gele eignen sich Wattestäbchen, um den Kontakt der Finger mit den Bläschen zu reduzieren. Händehygiene ist dennoch wichtig – nicht nur, um andere nicht zu infizieren, sondern auch, um die Viren nicht auf weitere Körperregionen zu verteilen. Da es sich beim Erreger des Lippenherpes um ein behülltes Virus handelt, kann eine Inaktivierung bereits durch einfaches Händewaschen mit Seife erreicht werden. Für unterwegs eignen sich als viruzid oder begrenzt viruzid gekennzeichnete Händedesinfektionsmittel. Da die Viren auch per Schmierinfektion über Gegenstände übertragen werden können, sollte der Betroffene zum Beispiel Handtücher, Gläser oder Essbesteck nicht mit anderen teilen. Handtücher sollten bei mindestens 60 °C gewaschen werden.

Kein Fall für eine Selbstmedikation sind Betroffene, die häufiger als sechsmal pro Jahr einen Lippenherpes entwickeln. Sie sollten ebenso an den Arzt verwiesen werden wie Schwangere und Stillende – auch wenn die meisten rezeptfrei erhältlichen Zubereitungen während der Schwangerschaft und Stillzeit nicht kontraindiziert sind. Dasselbe gilt bei Herpeserkrankungen bei Säuglingen und Kleinkindern.

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