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Abwehrfunktion

Fieber nicht voreilig senken

Fieber ist Teil eines natürlichen Abwehrprozesses des menschlichen Körpers. Bei erhöhten Temperaturen arbeitet das Immunsystem effektiver. So ist zum Beispiel die Replikation von Bakterien oder Viren bei Infektionen erschwert. Daher kann es sinnvoll sein, nicht zu (vor)schnell zu fiebersenkenden Medikamenten zu greifen.
Christiane Berg
18.05.2022  12:30 Uhr

»Fieber ist nicht nur einfach lästig, sondern eine wichtige Abwehrstrategie des Körpers gegen von außen eindringende Mikroorganismen und Parasiten oder andere als fremd erkannte Stoffe«, betonte Apothekerin Barbara Staufenbiel bei einer Fortbildungsveranstaltung der Apothekerkammer Niedersachsen. Im menschlichen Organismus, so die Referentin, werden durch exogene Pyrogene (zum Beispiel von gramnegativen gebildete Endotoxine) endogene Pyrogene freigesetzt und mit ihnen wiederum Interleukine oder Tumornekrosefaktoren (TNF-α), was zu einer Kaskade von Immunreaktionen führt.

Durch Ankurbelung der Prostaglandin (PGE)-2-Synthese und schließlich Aktivierung der Prostanoid-EP3-Rezeptoren im Wärmeregulationszentrum des vorderen Hypothalamus kommt es zu einer Erhöhung des Sollwerts der Körperkerntemperatur mit Schüttelfrost und Muskelzittern, also Wärmeproduktion durch Erhöhung der Muskelelastizität und -aktivität sowie verringerte Wärmeabgabe durch Engstellung der Blutgefäße in der Peripherie.

Zum Ende der Infektion schließlich reagiert der Körper mit starkem Schwitzen und gesteigerter Schweißsekretion zur Kühlung der Haut durch Verdunstungskälte sowie einer Blutgefäßerweiterung, damit die überschüssige Wärme wieder abgegeben werden kann. Der gesamte Regulationsprozess geht mit einer erhöhten Kreislaufbelastung, Stoffwechselstress und zum Teil erheblichem Unwohlsein einher.

Ob Gliederschmerzen mit heißer Stirn, Frösteln und Kältegefühl oder aber eine trockene und heiße Haut, glänzende Augen, eine beschleunigte Atemfrequenz, Unruhe, Verwirrtheit und Halluzinationen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung: Die Stärke der Beschwerden, so Staufenbiel, hängt nicht unbedingt von der Höhe des Fiebers ab. Die Art und das Ausmaß der Symptome kann die medikamentöse Schmerz-, Entzündungs- und Fiebersenkung, sprich: den Einsatz von Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Paracetamol, Metamizol oder Diclofenac, durchaus schon bei geringeren Temperaturerhöhungen erforderlich machen, sagte sie.

So oder so: Bei der Abgabe eines fieber- beziehungsweise schmerzsenkenden OTC-Medikaments in der Apotheke sei es stets wichtig darauf hinzuweisen, dass fiebernde Menschen mehr Flüssigkeit als normal benötigen; genauer gesagt 50 bis 80 ml mehr pro kg Körpergewicht über den Tag verteilt. Auch brauche der Körper dringend Ruhe.

Bei welchen weiteren Symptomen sollte man zum Arzt?

Bei heftiger Begleitsymptomatik, Temperaturen über 39,5 Grad Celsius beziehungsweise Fieber, das länger als zwei bis drei Tage anhält, sei unbedingt ein Arzt hinzuzuziehen. Dabei sei insbesondere bei Kindern nicht die Höhe des Fiebers, sondern ihr Allgemeinzustand für den Arztbesuch ausschlaggebend. Unter anderem Trinkverweigerung, Durchfall, Erbrechen, Teilnahmelosigkeit, Hautausschlag, starke Blässe, Kurzatmigkeit, eine vorgewölbte Fontanelle und ein steifer Nacken, gegebenenfalls auch anhaltender Husten, der auf einen Pseudokrupp hinweisen könne, seien Alarmsignale, die zu sofortigem Handeln zwingen. 

Empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin zur Fiebersenkung bei Kindern unter 12 Jahren entweder Paracetamol oder Ibuprofen, so sei zu bedenken, dass Antipyretika prophylaktisch bei Fieber gegeben nicht das Risiko eines Fieberkrampfes reduzieren. Hier sei, insbesondere beim ersten Mal, unbedingt der Notarzt zu rufen – dieses nicht zuletzt, um Hirnhautentzündungen, Tumore oder epileptische Anfälle auszuschließen.

Zur Beruhigung von Müttern und Vätern fiebernder Kinder könne es im Beratungsgespräch in der Apotheke allerdings angezeigt sein, diese darauf hinzuweisen, dass Kleinkinder häufig krank sind und leicht fiebern. Ob Erkältungen oder Harnwegsentzündungen: »Acht bis zehn kleine Infekte pro Jahr sind normal«. Und: »Kinder stecken Fieber relativ schnell weg«, sagte die Referentin. »Das Immunsystem lernt und kann sich entfalten, wenn man es lässt«, so Staufenbiel mit Verweis auf die Warnung führender Pädiater, dass fiebersenkende Mittel generell eindeutig zu oft und zu früh eingesetzt werden.

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