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»Lancet« und »NEJM«

Fachjournale kassieren kritisierte Studien

Zwei Studien zu Covid-19 wurden am Donnerstag von den wissenschaftlichen Journalen »The Lancet« und »The New England Journal of Medicine«, in denen sie publiziert worden waren, zurückgezogen.
Theo Dingermann
05.06.2020  08:12 Uhr

Zwei Studien zu Covid-19 haben seit gestern ihre Gültigkeit verloren. Sie waren beide erst vor Kurzem in den äußerst renommierten Journalen »The Lancet« und »The New England Journal of Medicine« (NEJM) erschienen und wurden nun von den Journalen selbst und von einem Teil der Autoren zurückgezogen. In den Arbeiten waren zum einen die Wirksamkeit und Verträglichkeit von ACE-Hemmern und Sartanen bei Patienten mit SARS-CoV-2-Infektion und zum anderen Chloroquin und Hydroxychloroquin als Therapeutika bei Covid-19 auf der Basis von Datensätzen untersucht wurden, die von demselben kommerziellen Unternehmen, der US-Firma Surgisphere, stammten.

Dieser Schritt ist ungewöhnlich. Denn zwar ist es nicht so selten, dass Publikationen für nichtig erklärt werden. Aber ein solcher Schritt ist in der Regel die Konsequenz aus langen, intensiven Untersuchungen im Rahmen der wissenschaftlichen Selbstkontrolle. Dass ein Journal so kurz nach Erscheinen einer Publikation beschließt, eine abgedruckte wissenschaftliche Arbeit für ungültig zu erklären, ist durchaus selten. Aber offensichtlich drängten die Umstände und die Zeit.

Mehrere Auffälligkeiten

Auffällig war, dass drei Namen (Mandeep R. Mehra, Sapan S. Desai und Amit N. Patel) in den Autorenlisten beider Publikationen auftauchten. Der Erstautor der beiden Studien, Professor Dr. Mehra, arbeitet immerhin am Brigham and Women’s Hospital und der Harvard Medical School in Boston – eine führende Adresse in der Wissenschaftslandschaft. Der Zweitautor ist der CEO der Firma Surgisphere, ein Unternehmen, das offensichtlich längst nicht einen so positiven Ruf genießt. So äußert beispielsweise die britische Zeitung »The Guardian« in einem langen Artikel starke Zweifel an der Seriosität der Firma, wie PZ-online bereits gestern berichtete.

Wie in »Science« berichtet wird, existiert eine dritte Studie, die  ebenfalls auf Daten der Firma Surgisphere basiert und unter anderem von Mehra, Patel und Desai verfasst wurde. Diese Studie wurde allerdings nur als Vorabdruck online gestellt und ist derzeit nicht mehr zugänglich. Darin wurde berichtet, dass Ivermectin, ein antiparasitäres Medikament, die Sterblichkeitsrate bei Covid-19-Patienten dramatisch senkt, was in mehreren lateinamerikanischen Ländern zu einem verstärkten Einsatz und einer staatlichen Zulassung des Medikaments geführt hat.

Ein bemerkenswerter Vorgang

Der ganze Vorgang, der in der Rücknahme der beiden Publikationen mündete, war durch scharfe, öffentlich geäußerte Kritik ins Rollen gekommen, die von einer Vielzahl von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt geäußert worden war. Alarmiert waren diese Forscher zum einen durch die offensichtlichen Mängel der publizierten Studien. Vielleicht noch mehr erbost zeigten sich die Kritiker über die schnell getroffenen Konsequenzen, die aus den eben publizierten Ergebnissen gezogen worden waren. So drohten die verblüffenden Ergebnisse tatsächlich den Verlauf der Pandemieforschung zu verändern. Beispielsweise wurde eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiierte klinische Studie zur Bewertung der Wirkstoffe Chloroquin und Hydroxychloroquin bei einer Covid-19-Therapie zeitweise ausgesetzt und erst nach einer Sicherheitsüberprüfung der WHOwieder aufgenommen.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass die Rücknahme der beiden Publikationen zwar von beiden Journalen, jedoch nicht von allen Autoren beschlossen wurde. Der Besitzer des Unternehmens Surgisphere, der Arzt Dr. Sapan S. Desai, stellt sich bisher gegen die Entscheidung der Rücknahme der Arbeiten. Das hat keine relevanten Konsequenzen. Allerdings ist es eine interessanten Randbeobachtung, die den dringenden Verdacht noch einmal bekräftigt, dass offensichtlich erhebliche kommerzielle Interessen zur Publikation der Arbeiten führten.

In diesem Sinne kann man sicherlich auch die Wortmeldung der anderen Autoren verstehen, die sich anlässlich der Rücknahme der Studien dahingehend äußerten, dass nicht allen Autoren Zugang zu den Rohdaten gewährt wurde und die Rohdaten auch nicht einem externen Auditor zur Verfügung gestellt werden dürfen. Dies macht letztlich eine Validierung der Primärdaten unmöglich – eine Tatsache, die wirklich verwundert.

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