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Kommentar

Ex-Wirtschaftsweiser Rürup mit falscher Apotheken-Rechnung

Der Wirtschaftsexperte und langjährige Regierungsberater Bert Rürup hat sich am vergangenen Freitag im »Handelsblatt« zum Apothekenmarkt geäußert. Mit Blick auf die »Gewinnmarge« der Apotheken leiste sich Deutschland ein »kostenintensives Apothekennetz«, so Rürup. Mit seiner Rechnung liegt der Ökonom allerdings grundlegend falsch, meint PZ-Chefredakteur Benjamin Rohrer.
Benjamin Rohrer
05.10.2021  14:00 Uhr

Bert Rürup ist einer der renommiertesten und nachgefragtesten Wirtschaftsexperten Deutschlands. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler hat nicht nur an mehreren Universitäten gelehrt und zahlreiche Unternehmen beraten. Als SPD-Mitglied war er insbesondere in den 1990er- und 2000er-Jahren auch politisch aktiv und beriet insbesondere die rot-grüne Regierung von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Wirtschaftsfragen. Im Jahr 2000 wurde er zudem in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen, in dem die sogenannten Wirtschaftsweisen tätig sind und die jeweilige Bundesregierung beraten. Bekannt wurde Rürup auch für seinen 2002 übernommenen Vorsitz in der Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme, die sogenannte Rürup-Kommission. Seit 2013 ist Rürup für die Handelsblatt-Gruppe tätig und leitet dort das  sogenannte Handelsblatt Research Institute, publiziert als Chefökonom aber auch regelmäßig wirtschaftspolitische Kommentare im «Handelsblatt«.

In dieser Funktion hat der Wirtschaftsexperte am vergangenen Freitag einen Beitrag über die Zukunft des Gesundheitswesens veröffentlicht, der unter dem Titel »Schwieriger Spagat« läuft. In dem Meinungsbeitrag verfolgt Rürup die Grundthese, dass das Gesundheitssystem (insbesondere der GKV-Bereich) zwar in den vergangenen Jahren von steigenden Einnahmen profitierte. Gleichzeitig gebe es aber »strukturelle Defizite«: Insbesondere die durch die Coronavirus-Krise entstandenen Milliarden-Ausgaben würden dazu führen, dass die GKV-Beiträge mittel- bis langfristig wieder steigen müssten, so Rürup. Richtigerweise fügt der Wirtschaftsexperte hinzu, dass unter anderem die Klinikfinanzierung, bei der die Länder die Investitionen decken sollen und die Kassen die Behandlungskosten, zu ineffizienten Strukturen führt – schließlich versuchen viele, insbesondere kleine Kliniken durch hohe Fallzahlen rentabel zu bleiben.

Rürup über die »Gewinnmarge« der Apotheken

Als weiteres Beispiel für ineffiziente Strukturen nennt Rürup dann auch das »kostenintensive Apothekennetz“ – und wird dann ungenau. Denn er beschreibt, dass die »Gewinnmarge« (!) der Apotheken von den rund 37,6 Milliarden Euro, die die Kassen 2020 für den gesamten Arzneimittelsektor ausgaben, bei 14,7 Prozent liege. Die Krankenkassen koste dies jedes Jahr rund 5,5 Milliarden Euro, so die Rechnung. Heißt konkret: Laut Rürups Rechnung gingen rund 15 Prozent der GKV-Arzneimittelausgaben für die Gewinne der Apotheken drauf, rein rechnerisch hätte also jede Apotheke 2020 einen Vorsteuergewinn (Rohertrag minus Kosten) von rund 290.000 Euro gemacht.

Das ist allerdings falsch. Denn die Durchschnittsapotheke hatte 2020 (laut ABDA-Statistik) ein steuerliches Betriebsergebnis von rund 168.000 Euro. Wo liegt also Rürups Fehler? Ganz einfach: Die vom Wirtschaftsexperten zitierten 14,7 Prozent beziehen sich nicht auf die »Gewinnmarge« der Apotheken sondern auf deren Rohertrag. Dieser lag 2020 – wie Rürup richtig vorrechnet – bei 5,45 Milliarden Euro. Von dieser absoluten Summe muss man allerdings noch die Kosten der Apotheken, beispielsweise für Personal und Versicherungen, abziehen, um auf deren tatsächlichen Gewinn zu kommen. Hätte Rürup die Gewinnmarge der Apotheken richtig berechnet, wäre er auf einen Wert von rund 6 Prozent gekommen: Denn die Gewinnmarge ist ein prozentualer Wert, der sich auf den Nettoumsatz bezieht. Dahinter steht die Frage, wie viel Gewinn einem Unternehmen vom Umsatz bleibt. Da die Durchschnittsapotheke im Jahr 2020 einen Nettoumsatz von rund 2,8 Millionen Euro und ein Betriebsergebnis von 168.000 Euro, liegt die Gewinnmarge der Apotheken bei rund 6 Prozent.

Was bleibt, ist wieder einmal das Bild der wohlverdienenden Apothekerschaft, die sich an der Gemeinschaft bereichert und dabei auch noch ineffiziente Versorgungsstrukturen zur Verfügung stellt. Das ist schade, denn gerade von Ex-Wirtschaftsweisen und der wirtschaftlichen Fachpresse müsste man erwarten können, dass Forderungen und Argumente auf einer sauberen Faktenbasis stehen. Hier ist dies nicht der Fall gewesen.

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