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Arzneimittelversorgung

EU-Strategien zur sicheren Versorgung

Um die Arzneimittelversorgung künftig zu sichern, muss die Pharmaindustrie nach Europa geholt werden. Darin waren sich EU-Politiker und Verbände im Rahmen eines Webinars des EU-Abgeordneten Peter Liese einig. Wie aber insbesondere die Kosten- und Verteilungsfrage gelöst wird, bleibt Kern der zukünftigen Debatte.
Charlotte Kurz
08.07.2020  08:00 Uhr

Am heutigen Mittwoch will die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im EU-Parlament das Programm der deutschen EU-Ratspräsidentschaft vorstellen. Ganz oben auf der Agenda steht die sichere Arzneimittelversorgung in Europa. Denn in den vergangenen Jahren gab es immer wieder erhebliche Lieferschwierigkeiten von Medikamenten, allein 2019 waren 18 Millionen Packungen Arzneimittel in Deutschland zeitweise nicht verfügbar.

Die EU-Kommissarin für Gesundheit, Stella Kyriakides, pochte bei der Online-Diskussion am vergangenen Donnerstag per Videobotschaft auf die Notwendigkeit, diesbezüglich eine europäische Lösung zu finden und nicht in nationalstaatliche Muster zurückzufallen. Der Staatssekretär des Bundesgesundheitsministeriums (BMG), Thomas Steffen, schlug vier potenzielle Möglichkeiten vor, das Problem der Lieferengpässe zu lösen: Die Arzneimittelproduktion transparenter gestalten, die Arzneimittelqualität durch Inspektionen verbessern, die Lieferketten diversifizieren und finanzielle Anreize für die Industrie schaffen, um die Produktion nach Europa zu verlagern.

Hierbei sei es wichtig, sich darüber einig zu werden, welche Wirkstoffe und Medizinprodukte in Europa produziert werden sollen, denn alles hierzulande herzustellen, sei unmöglich, so Steffen. Zwar ist er sich bewusst, dass die sechs Monate der deutschen EU-Ratspräsidentschaft nicht ausreichen werden, um alle Probleme anzugehen und zu lösen, jedoch drängt er auf die Erstellung einer klaren Agenda in den nächsten Monaten.

Auch Weltärztepräsident Frank-Ulrich Montgomery nahm an der virtuellen Debatte teil. Er betonte, dass sich die EU einerseits Gedanken machen muss, wie sie die Lieferfähigkeit von Arzneimitteln sicherstellen will, aber auch, wie in Zukunft knappe Conronavirus-Medikamente und Impfdosen verteilt werden müssen. »Es wird keine 440 Millionen Coronavirus-Impfdosen von Anfang an geben, also müssen wir uns überlegen, wie wir diese verteilen«, erinnerte Montgomery. Er pochte zudem auf die Stärkung der europäischen Arzneimittelagentur (EMA).

Kosten dürfen nicht vergessen werden

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtete François Houÿez von Rare Diseases Europe (EURORDIS) die Diskussion. Die nicht-staatliche Allianz verbindet 929 Patientenorganisationen aus 72 Ländern und vertritt Menschen mit seltenen Krankheiten in Europa. Houÿez mahnte vor allem, dass niemand wirklich wisse, wie genau Lieferengpässe von Arzneimitteln auf das Leben von Menschen einwirkten, wie viele Leben dadurch in Gefahr gebracht oder wie viele Krankenhausaufenthalte dadurch verlängert würden. Er begrüßt die Pläne, die Pharmaindustrie nach Europa zu holen, erinnerte jedoch daran, dass dies auch die Produktionskosten und demnach auch die Kosten der Medikamente beeinflussen könnte.

Darauf erwiderte der EU-Abgeordnete Peter Liese (CDU), dass die Berücksichtigung von Kosten zwar wichtig sei, die Bereitschaft zur Investition aber auch. Denn auch die Kosten von »non-action« seien nicht zu unterschätzen. Liese, der die Online-Diskussion initiierte, ist Teil der konservativen Parteienfamilie, der Europäischen Volkspartei (EVP).

In ein paar Tagen geht die Debatte über die Zukunft der Arzneimittelversorgung in der EU weiter: Am 16. Juli werden sich auf Einladung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die EU-Gesundheitsminister bei einer Videokonferenz austauschen und insbesondere die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung in der EU und die Schaffung eines europäischen Gesundheitsdatenraums diskutieren. »Vor allem gute Ideen werden wir dort sammeln, wie wir die Abhängigkeit der Arzneimittelindustrie außerhalb der EU reduzieren können«, erklärte Staatssekretär Steffen.

Das Thema steht nicht nur auf der Agenda der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, die EU-Kommission hatte schon vor einigen Wochen angekündigt, Ende des Jahres eine neue EU-weite Pharmastrategie zu präsentieren. Das Europäische Parlament plant Liese zufolge ebenfalls einen Report aus eigener Initiative.

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