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Gewichtsreduktion

Es muss keine Low-Carb-Diät sein

Eine kohlenhydratarme Ernährung (auch bekannt als »Low-Carb«) wird weithin als effektiver und gesünder als andere Diäten zur Gewichtsreduktion beworben – zu Unrecht, so das Forschungsnetzwerk Cochrane, das durch systematische Übersichtsarbeiten Grundlagen für die evidenzbasierte Gesundheitsversorgung schafft.
Christiane Berg
08.02.2022  18:00 Uhr

Das Ausmaß der Gewichtsabnahme von Menschen, die sich einer kohlenhydratarmen, also sogenannten Low-Carb-Diät unterziehen, unterscheidet sich laut Cochrane nicht von der Gewichtsabnahme bei Personen durch Kontrolldiäten mit zwar insgesamt kalorienreduzierten, aber jeweils Fett, Eiweiß und Zucker in ausgewogenen Mengen enthaltenen Kostformen. Auch mit Blick auf die gesundheitsfördernde Beeinflussung von Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Blutzucker oder Hypercholesterinämie seien studiengemäß keine Unterschiede im Vergleich zu Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweiß-balancierten Diäten zu registrieren.

»Menschen, die sich bis zu zwei Jahre lang einer kohlenhydratarmen Diät unterzogen, verloren ähnlich viel Gewicht wie Kontrollpersonen, die eine hinsichtlich des Kohlenhydratgehalts ausgewogene Diät durchführten«, betont Celeste Naude von der Stellenbosch University in Kapstadt als Erstautorin anlässlich des vor Kurzem veröffentlichten Cochrane Reviews »Low‐carbohydrate versus balanced‐carbohydrate diets for reducing weight and cardiovascular risk«.

Im Rahmen des Reviews wurden bis Juni 2021 sechs elektronische Datenbanken und Studienregister wie Medline (PubMed) oder Embase (Ovid) beziehungsweise das Cochrane Central Register of Controlled Trials (CENTRAL) oder die Who International Clinical Trials Registry Platform (ICTRP) auf randomisierte kontrollierte Studien durchsucht, die gewichtsreduzierende kohlenhydratarme Kostformen mit gewichtsreduzierenden, jedoch Kohlenhydrate, Fett und Proteine in moderaten und ausgewogenen Mengen enthaltenen Diäten verglichen.

Gefunden wurden 61 Studien mit 6925 Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas. Die größte Studie umfasste 419, die kleinste 20 Personen. Alle bis auf eine der Studien wurden weltweit in Ländern mit hohem Einkommen durchgeführt, fast die Hälfte (26) davon in den USA. Die meisten Studien (36) umfassten Patienten ohne Herzerkrankungen oder weitere Risikofaktoren. In der überwiegenden Zahl der Fälle, also bei 5118 Personen, lag auch kein Typ-2-Diabetes vor.

Auf die Kalorienzahl kommt es an

Das durchschnittliche Ausgangsgewicht der Personen in den Studien betrug 95 kg. Die meisten Studien (37) dauerten sechs Monate oder weniger, die längsten Studien (6) dauerten zwei Jahre an. Ergebnis: Kurzfristig betrug der durchschnittliche Unterschied in der letztlich erzielten Gewichtsabnahme etwa 1 kg. Auf lange Sicht, so die Autoren, betrug der durchschnittliche Unterschied weniger als 1 kg, wobei in diesem Zusammenhang auch biologische Gewichtsschwankungen in Folge unterschiedlicher Aktivitätsniveaus, des Hydratationsstatus, der Saison und einer etwaigen Medikamenteneinnahme in Betracht gezogen werden müssten. Es hätten sich zudem auch keine signifikanten Unterschiede in der Höhe der letztlich erzielten Blutdruck-, HbA1c- und LDL-Cholesterin-Werten finden lassen.

»Es gibt wahrscheinlich wenig bis gar keinen Unterschied in der Gewichtsreduktion und in den Veränderungen der kardiovaskulären Risikofaktoren bis zu zwei Jahren Follow-up bei übergewichtigen und fettleibigen Teilnehmern ohne und mit Typ-2-Diabetes«, machen die Autoren des Cochrane Reviews deutlich. Bestätigt wurde damit, was auch andere Studien bereits gezeigt haben: Für eine erfolgreiche Gewichtsabnahme scheint weniger die Zusammensetzung der Makronährstoffe als vielmehr die Reduktion der Energiezufuhr insgesamt entscheidend zu sein.

Besser vielseitig ernähren

Ganz abgesehen davon, dass sich jede Form der einseitigen Ernährung über Jahre hinweg gesundheitlich nachteilig auswirken kann, insbesondere auch wenn der Körper nur unzureichend mit lebensnotwendigen Nährstoffen wie Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen in Form von Vollkorn, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst versorgt wird: Es ist wichtig, die wissenschaftlichen Beweise hinter den Behauptungen zu untersuchen, so die Autoren des Cochrane Reviews.

Werde nach wie vor darüber debattiert, welche Diäten wirksam und sicher sind und welche nicht, so sei es ihr Anliegen, durch wissenschaftliche Evidenz zur Einordnung der tatsächlichen Fakten beizutragen – dieses nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass viel Geld ausgegeben werde, um mit Hilfe von spezifischen Produkten, Lebensmitteln und auch Büchern abzunehmen.

Mit anderen Worten: Auf dem Weg zum gesunden Wunschgewicht lassen sich durch Berücksichtigung der wissenschaftlichen Evidenz nicht nur unnötige Kosten, sondern gegebenenfalls auch gesundheitsgefährdende Umwege sparen, so lautet einer der Implikationen für die Praxis.

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