Pharmazeutische Zeitung online
Kaftrio

Erste Therapie für bestimmte Mukoviszidose-Patienten

Mit der Dreifachkombination Kaftrio® (Ivacaftor, Tezacaftor und Elexacaftor) können erstmals Mukoviszidose-Patienten mit einer F508del-Mutation und einer sogenannten Minimalfunktions-Mutation behandelt werden. Das betrifft in Europa etwa 10.000 Patienten.
Kerstin A. Gräfe
01.10.2020  07:00 Uhr

Die Dreifachkombination Kaftrio® von Vertex Pharmaceuticals ist eine neue Option für bestimmte Mukoviszidose-Patienten, für die bislang keine Therapieoption verfügbar war. Sie enthält als Wirkstoffe 75 mg Ivacaftor, 50 mg Tezacaftor und 100 mg Elexacaftor. Neu ist letzterer Wirkstoff; Ivacaftor und Tezacaftor sind als Kombination in Symkevi® bereits auf dem Markt.

Die Cystische Fibrose (CF, Mukoviszidose) ist eine seltene, genetisch bedingte Krankheit, die in Deutschland etwa 6300 Menschen betrifft. Ursache ist ein defektes oder fehlendes CFTR (Cystic Fibrosis Transmembrane Conductance Regulator)-Protein als Folge bestimmter Mutationen im CFTR-Gen. Die Mutationen führen dazu, dass zu wenig und/oder dysfunktionales CFTR-Protein an der Zelloberfläche vorhanden ist.

CFTR-Kanäle regulieren das Ausströmen von Chlorid-Ionen und Wasser aus den Epithelzellen verschiedener Organe. Durch die gestörte oder fehlende CFTR-Funktion werden Körpersekrete wie der Schleim in der Lunge dickflüssig und zäh und beeinträchtigen so die Funktionen lebenswichtiger Organe. In den Atemwegen kann der zähe Schleim chronische Lungeninfektionen verursachen und die Lunge fortschreitend schädigen. Das kann schließlich zum Tod führen kann. In Deutschland lag im Jahr 2018 das durchschnittliche Sterbealter an Mukoviszidose erkrankter Menschen bei 34,5 Jahren.

Additiver Effekt

Kaftrio (in den USA als TrikaftaTM im Handel) ist ein CFTR-Modulator. CFTR-Modulatoren verbessern die Funktion des CFTR-Kanals. Dabei unterscheidet man Potentiatoren, die die Funktion des CFTR-Proteins verbessern und Korrektoren, die die Anzahl reifer CFTR-Proteine auf der Zelloberfläche erhöhen. Die Triple-Therapie kombiniert den Potentiator Ivacaftor und die Korrektoren Tezacaftor und Elexacaftor. Da die beiden Korrektoren an verschiedenen Stellen des CFTR-Proteins binden, erzielt man eine additive Wirkung : durch die Kombination erhöht sich die Menge von CFTR-Protein an der Zelloberfläche im Vergleich zu  jedem Wirkstoff allein.

Kaftrio wird in Kombination mit Ivacaftor (Kalydeco®) zur CF-Behandlung bei Patienten ab zwölf Jahren eingesetzt, die homozygot für die F508del-Mutation im CFTR-Gen sind oder heterozygot für die F508del-Mutation im CFTR-Gen und eine Minimalfunktions (MF)-Mutation aufweisen. Eine MF ist definiert als eine Mutation, die entweder dazu führt, dass kein CFTR-Protein gebildet wird oder ein CFTR-Protein, das für den Chloridtransport nicht funktionsfähig ist und wahrscheinlich nicht auf andere CFTR-Modulatoren anspricht. Für diese Patienten ist mit Kaftrio erstmals eine Therapieoption verfügbar.

Die empfohlene tägliche Dosis beträgt zwei Tabletten Kaftrio am Morgen und eine Kalydeco-Tablette am Abend, etwa zwölf Stunden später. Die Einnahme sollte zusammen mit fetthaltiger Nahrung erfolgen.

Erhöhte Transaminasenwerte sind bei CF-Patienten verbreitet und wurden auch unter der Behandlung Kaftrio/Kalydeco beobachtet. Daher werden bei allen Patienten Kontrollen der Transaminasen-Werte vor Beginn der Therapie, alle drei Monate im ersten Behandlungsjahr und danach jährlich empfohlen.

Nicht empfohlen wird die Behandlung bei Patienten mit mäßig eingeschränkter Leberfunktion; Patienten mit stark eingeschränkter Funktion sollten nicht behandelt werden.

Nebenwirkungen an der Haut 

Des Weiteren kam es unter der Therapie zu Hautausschlägen. Deren Häufigkeit war bei Frauen höher als bei Männern, besonders bei Frauen, die hormonelle Kontrazeptiva einnehmen. Es könne daher laut Fachinformation nicht ausgeschlossen werden, dass hormonelle Kontrazeptiva eine Rolle beim Auftreten von Hautausschlägen spielen.

Bei Kindern und Jugendlichen wurde unter Behandlungsregimen, die Ivacaftor enthalten, über Fälle von nicht kongenitaler Linsentrübung ohne Auswirkungen auf das Sehvermögen berichtet. Daher werden bei Kindern und Jugendlichen, die eine Therapie mit Kaftrio/Kalydeco beginnen, vor Beginn sowie zur Verlaufskontrolle Augenuntersuchungen empfohlen.

Bei gleichzeitiger Anwendung von starken oder mäßigen CYP3A-Inhibitoren ist die Bioverfügbarkeit von Elexacaftor, Tezacaftor und Ivacaftor erhöht. Die Dosis der Wirkstoffe muss dann reduziert werden. Während der Behandlung ist auf Speisen oder Getränke, die Grapefruit enthalten, zu verzichten.

Bei gleichzeitiger Anwendung von CYP3A-Induktoren ist die Bioverfügbarkeit von Ivacaftor deutlich vermindert und es wird eine Abnahme der Bioverfügbarkeit von Elexacaftor und Tezacaftor erwartet, was möglicherweise zu einem Wirksamkeitsverlust führt. Daher wird die gleichzeitige Anwendung mit starken CYP3A-Induktoren nicht empfohlen.

Der Zweierkombination überlegen

Aus Vorsichtsgründen ist es vorzuziehen, Kaftrio während der Schwangerschaft nicht einzusetzen. In der Stillzeit entscheidet der Arzt mit der Patientin, ob sie das Stillen unterbricht oder ob sie stillt und dafür für die Dauer des Stillens auf die Behandlung mit dem Medikament verzichtet.

Die Sicherheit und Wirksamkeit wurden in zwei Phase-III-Studien (445-102, 445-103) mit mehr als 500 Patienten untersucht. In beiden Studien war als primärer Endpunkt die absolute Veränderung des prozentualen vorhergesagten forcierten Einsekundenvolumens (ppFEV1) definiert, die ein Maß für die Lungenfunktion ist.

In der ersten Studie mit Patienten, die heterozygot für F508del mit einer MF-Mutation waren, führte Kaftrio plus Kalydeco im Vergleich zu Placebo zu einer statistisch signifikanten Verbesserung des ppFEV1 von 14,3 Prozentpunkten. In der zweiten Studie mit Patienten, die homozygot für die F508del-Mutation waren, führte die Behandlung im Vergleich zu Symkevi plus Kalydeco zu einer statistisch signifikanten Verbesserung des ppFEV1 von 10,0 Prozentpunkten.

Die häufigsten beobachteten Nebenwirkungen waren in Studien Kopfschmerzen, Durchfall und Infektionen der oberen Atemwege.

Mehr von Avoxa