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SARS-CoV-2-Vakzine

Erste Impfstoffstudie in Deutschland genehmigt

Das Paul-Ehrlich-Institut hat die erste klinische Prüfung eines Impfstoffs gegen Covid-19 in Deutschland genehmigt. Das gab das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel heute bekannt. Geprüft werden vier Impfstoffkandidaten auf mRNA-Basis des Unternehmens BioNTech.
Christina Hohmann-Jeddi
22.04.2020  16:26 Uhr

»Bei den Impfstoffkandidaten handelt es sich um präventive, spezifisch gegen SARS-CoV-2 gerichtete Vakzinen«, sagte Professor Dr. Klaus Cichutek, Präsident des PEI, am Mittwoch in einer Pressekonferenz. »Also genau die Art von Impfstoffen, die wir brauchen werden zur Bekämpfung der Pandemie.« Das Institut hat nun für die erste klinische Studie mit den vier Kandidaten des Mainzer Unternehmens BioNTech grünes Licht gegeben. Die Genehmigung sei das Ergebnis einer sorgfältigen Bewertung des potenziellen Nutzen-Risiko-Profils der Kandidaten anhand von präklinischen Daten. Durch eine intensive wissenschaftliche Beratung des Entwicklers BioNTech im Vorfeld konnte das PEI das Verfahren in vier Tagen abschließen.

Als Phase-I-Studie habe die Untersuchung das Ziel, die generelle Verträglichkeit von Impfstoffkandidaten und ihre Fähigkeit zu ermitteln, eine spezifische Immunantwort gegen den Erreger zu erzeugen, erklärte Cichutek. Auch eine geeignete Dosierung soll gefunden werden. Dabei sei es auch wichtig, festzustellen, ob die Immunantwort die richtige Balance hat und etwa das richtige Verhältnis von Th1- zu Th2-Zellen entsteht. Auch das Zytokinprofil im Blut und das Verhältnis von neutralisierenden zu bindenden Antikörpern ist hier von Bedeutung, um mögliche Risiken einer Impfung zu erkennen. Zu nennen sind hier etwa eine durch Antikörper verstärkte Erkrankung (antibody-dependent Enhancement, ADE) und eine durch Immunisierung verstärkte Erkrankung (ERD), wie sie bei einer Impfung gegen das Respiratory-syncytial-Virus in den 1960er-Jahren beobachtet wurde.

Bei den Impfstoffkandidaten handelt es sich um RNA-Impfstoffe, die die genetische Information für den Bau des Spike-Proteins (S-Protein) von SARS-CoV-2 oder Teilen davon in Form von messengerRNA (mRNA) enthalten. »Das Protein benutzt der Erreger, um in die Wirtszellen einzudringen«, berichtete Professor Dr. Ugur Sahin von der Universität Mainz und CEO von BioNTech. Verpackt ist die Bauanleitung für das virale Protein in Lipid-Nanopartikel, die zum einen die mRNA vor dem Abbau schützen und zum anderen ihre Aufnahme in die Körperzellen ermöglichen. Denn dort kann die mRNA abgelesen und das eigentliche Impfantigen, auf das das Immunsystem reagieren soll, gebildet werden. Dies ist das S-Protein beziehungsweise zum Teil auch nur ein bestimmter Bereich, die sogenannte Rezeptor-Binde-Domäne (RBD).

Produktion in kurzer Zeit

Dadurch, dass das Impfantigen nicht vom Hersteller synthetisiert werden muss, sondern im Geimpften selbst produziert wird, lasse sich viel Zeit sparen, so Sahin. Ihm zufolge seien mRNA-Impfstoffe besonders als Pandemieimpfstoffe geeignet, da sie eine hohe Reinheit haben, inhärente immunaktivierende Eigenschaften besitzen, und kein zusätzliches Adjuvanz benötigen und sie außerdem Antikörper- und T-Zellantworten in niedrigen Dosierungen stimulieren. Daher seien sie auch in hohen Mengen in kurzer Zeit zu produzieren.

Die vier Kandidaten basieren auf drei leicht verschiedenen Impfstoffplattformen mit unterschiedlichen Eigenschaften. Die Uridin-mRNA benötigt ein Prime-Boost-Schema, also zwei Impfungen, ist aktiv in geringen Dosierungen und ruft eine starke Antikörperantwort hervor, berichtetet Sahin. Bei ihr fällt die CD8-T-Zellantwort stärker aus als die CD4-Antwort. Die Nucleosid-modifizierte-mRNA benötigt ebenfalls ein Prime-Boost-Schema, ruft eine sehr starke Antikörperantwort hervor und stimuliert die CD4-T-Zellbildung stärker als die CD8-T-Zellbildung. Die dritte Plattform, die selbst amplifizierende mRNA, kommt laut Sahin mit nur einer Dosis aus, hat eine lange Aktivität und induziert eine starke Antikörper- und T-Zellantwort. Ein potenter Impfschutz ließe sich mit dieser Variante in sehr viel geringeren Dosen erreichen, als mit den anderen Plattformen, weshalb dieser Ansatz für einen Pandemieimpfstoff besonders geeignet sei. Die Impfstoffkandidaten wurden bereits in klinischer Qualität hergestellt und ihre Wirksamkeit und Sicherheit in Tiermodellen getestet. »Wir haben ein breiteres Programm initiiert, um Auswahl zu haben.«

Start noch im April

In der genehmigten Phase-I-Studie sollen 200 gesunde Probanden im Alter von 18 bis 55 Jahren mit jeweils einem der Impfstoffvarianten geimpft werden. »Die Studie soll Ende April beginnen«, sagte Sahin. Ende Juli könnten dann vermutlich die ersten Daten zu Sicherheit und der hervorgerufenen Immunantwort ausgewertet werden. Für die Phase-I-Studie rechnet Cichutek mit einer Dauer von drei bis fünf Monaten. Bei positiven Ergebnissen könne sich dann eine Phase-II-Studie mit »einigen 1000 bis wenigen 10.000 Probanden« anschließen, so der PEI-Präsident.

Dann könnten auch Probanden mit erhöhtem Infektionsrisiko oder mit erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung und Personen über 55 Jahren eingeschlossen werden. Für diesen zweiten Teil der klinischen Prüfung müssen allerdings vorab weitere Studiendaten eingereicht werden, vor allem zum Ausschluss der potenziellen Verstärkung der Erkrankung durch die Immunisierung, machte Cichutek deutlich. Eine bewusste Exposition der Probanden mit dem Erreger, sogenannte »human challenge studies«, um die Impfstoffentwicklung zu beschleunigen, lehnt Cichutek ab. »Wie befinden uns in einer laufenden Pandemie«, sagte er. Da werde es ohnehin zu Expositionen mit dem Virus kommen.

Mehrere Kandidaten und Hersteller nötig

Weltweit ist dies erst die fünfte genehmigte Prüfung von präventiven, spezifischen Covid-19-Impfstoffkandidaten am Menschen. Angesichts der schwerwiegenden Folgen der Covid-19-Pandemie ist dies ein bedeutender Schritt, um einen wirksamen und sicheren Covid-19-Impfstoff möglichst zeitnah in Deutschland zu entwickeln und möglichst weltweit verfügbar zu machen, sagte Cichutek.

Das PEI geht davon aus, dass weitere klinische Prüfungen von Covid-19-Impfstoffkandidaten in Deutschland in den nächsten Monaten beginnen werden. Für die Bekämpfung der Pandemie werden mehrere Impfstoffprodukte notwendig sein, um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen. »Der globale Bedarf ist riesig«, sagte Cichutek. »Wie brauchen mehrere Vakzine von verschiedenen Herstellern, um dem zu begegnen.«

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