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Elektronische Patientenakte

Erste Einblicke in die EPA

Ab dem 1. Januar 2021 wird die elektronische Patientenakte (EPA) eingeführt. Erste Einblicke in die digitale Dokumentensammlung liefert ein Expertengespräch, organisiert von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Die EPA soll für Patienten und Leistungserbringer leicht zu bedienen sein und wird schrittweise weiter entwickelt.
Charlotte Kurz
19.08.2020  12:05 Uhr

In ein paar Monaten wird es für Patienten möglich sein, ihre Diagnosen, Medikationspläne und Befunde digital in der EPA abzuspeichern. Auf diese digitalen Dokumente können dann Ärzte, Apotheker oder Psychotherapeuten zugreifen. Damit soll ein Ende der Zeit eingeläutet werden, in der Patienten ihre Röntgenbilder zu Hause vergessen, keine Medikationspläne dabeihaben oder den Arztbrief von der letzten Untersuchung nicht mehr finden können.

Die EPA soll als Werkzeug fungieren, um die medizinische Behandlung und Versorgung der Menschen zu verbessern. Charly Bunar, strategischer Produktmanager der EPA bei der Gematik, sieht zudem die Rolle des Patienten gestärkt: »Die EPA ist unter der Hoheit des Patienten.« Im Rahmen einer Veranstaltung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein erklärte der Entwickler die Funktionsweise und Darstellung der EPA. So sollen künftig Patienten mithilfe einer App auf dem Smartphone Zugang in das eigene Aktensystem haben. »Dort kann er Dokumente anschauen, Dokumente herunterladen, Dokumente selbst hochladen, aber auch Dokumente löschen«, erläuterte Bunar. Allerdings ist dieser sogenannte feingranulare Zugriff der Versicherten auf seine Daten laut Patientendaten-Schutzgesetz erst ab 2022 möglich.

Grundsätzlich ist die Mehrheit der Deutschen laut einer Umfrage des Bundesverbands für Arzneimittelhersteller (BAH) positiv gegenüber der EPA-Einführung gestimmt. Demnach befürworten rund 70 Prozent der Deutschen die EPA. Laut Bunar haben jedoch einige Patienten Sorge, dass die Datensicherheit der digitalen Dokumente nicht gegeben sein könnte. Bunar betonte, »alle Dokumente sind verschlüsselt und werden sicher im EPA-Aktensystem abgelegt und nicht im Klartext.« Erst wenn der Konnektor beispielsweise in der Arztpraxis die Daten herunterlade, könne der Klartext gelesen werden. Auch fürchten einige Patienten, dass die Krankenkassen Einblicke in Diagnosen und weitere sensible Dokumente erhalten. Diese können zwar auf Wunsch des Patienten Dokumente in die EPA einstellen, aber auch dieser Zugang verwehrt werden, so Bunar.

Die Krankenkasse kann als einziger Akteur nichts lesen. Das ist technisch komplett ausgeschlossen.
Charly Bunar, EPA-Produktmanager bei der Gematik

Wie wird die EPA aussehen?

Für die Leistungserbringer, also Ärzte und Apotheker, kann die EPA wie in folgendem Foto dargestellt, aussehen. Über das genaue EPA-Design entscheiden aber die Krankenkassen, erklärte Gematik-Chef Markus Leyck Dieken im Livestream. Dies wird anders als beim E-Rezept gehandhabt. Die digitale Verordnung wird aktuell mit hunderten Patienten noch entwickelt. Das E-Rezept soll dann als »möglichst intuitives Design« von der Gematik vorgegeben werden, so Leyck Dieken.

Dabei ist die Ansicht der EPA »an modernen Praxisverwaltungssystemen orientiert«, erklärte Bunar. In dieser Darstellung können sich Ärzte und Apotheker Zugriffsberechtigungen des Patienten einräumen lassen, sodass die Leistungserbringer genau die Dokumente einsehen können, die sie für die Behandlung benötigen. In der Beispielakte von Thorsten Wagner verordnete zum Beispiel ein Arzt am 4. Oktober 2021 40 mg Pantoprazol, unter dem Kürzel »R« ist hier ein entsprechendes E-Rezept abgelegt.

Für die Verwaltung und Bearbeitung von beispielsweise Medikationsplänen, die über die EPA aufgerufen werden können, sind Vergütungen für die Leistungserbringer im Rahmen des Patientendaten-Schutzgesetzes (PDSG) geregelt. Das Gesetz verabschiedete der Bundestag am 3. Juli. Ärzte, die erstmals Einträge in die EPA vornehmen, erhalten dafür 10 Euro. Für nachfolgende Änderungen erhalten die Ärzte ebenfalls eine Vergütung. Laut PDSG soll bei der Erstellung des Notfalldatensatzes zudem das Doppelte der normalen Vergütung erstattet werden. Wie hoch diese Vergütung dann allerdings konkret aussieht, wird im PDSG nicht geregelt.

Apotheker erhalten für die Unterstützung der Versicherten bei der Bearbeitung arzneimittelbezogener Daten in der EPA ebenfalls eine Vergütung. Allerdings ist im PDSG keine konkrete Vergütungshöhe festgelegt. Die Vergütung soll laut Gesetzestext zwischen dem »Spitzenverband Bund der Krankenkassen« und den »Spitzenorganisationen der Apotheker« auf Bundesebene zum 1. Januar 2021 vereinbart werden. 

Weiterentwicklung der EPA ist vorgesehen

Zudem erläuterte Bunar, dass die Nutzungsmöglichkeiten der EPA zum 1. Januar 2021 zwar starte, eine Weiterentwicklung jedoch Schritt für Schritt vorgesehen ist. Unter der Abkürzung »EPA 2.0« sollen so die Anwendungsmöglichkeiten bis 2022 erweitert werden. Der Impfpass, der Mutterpass oder das Zahn-Bonusheft sollen dann in die elektronische Akte integriert werden, weitere Leistungserbringer wie beispielsweise Hebammen werden zudem angebunden. Im nächsten Schritt sollen in der »EPA 3.0« ab 2023 die bis dato gesammelten Daten zu Forschungszwecken genutzt werden können, zudem sei dort auch ein mobiler Zugriff für Leistungserbringer vorgesehen. In der letzten Entwicklungsstufe soll die EPA in vier Jahren auf europäischer Ebene vernetzt werden und somit auch grenzüberschreitend nutzbar sein.

Mit der Einführung der EPA ist Deutschland keineswegs Vorreiter. »Wir sind das 18. Land in Europa, dass einen Service wie die EPA bereitstellt«, erklärte Leyck Dieken. Dass die EPA allerdings von Nutzen sein und auch genutzt werden wird, da sind sich die Experten einig. Lediglich in der Frage, wie viele Patienten von Anfang an die digitale Akte nutzen werden, unterscheiden sich die Ansichten. Gilbert Mohr, TI-Experte bei der KV Nordrhein geht von einer Verzögerung von sechs bis neun Monaten aus, bis die EPA flächendeckend genutzt werden könne. Jörg Debatin vom Health Innovation Hub ist da optimistischer, dass den Patienten der Vorteil der EPA relativ schnell klar wird und sie die Akte daher auch nutzen werden. Der Abteilungsleiter für Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium (BMG), Gottfried Ludewig, geht von einem »höheren einstelligen Millionenbereich an Patienten aus«, die die EPA im ersten Jahr nutzen werden. Frank Bergmann von der KV Nordrhein erwartet, dass vor allem Patienten auf die EPA zurückgreifen werden, die mehrfach schwer erkrankt sind und dadurch viele Befunde zusammentragen und organisieren müssen.

Der zweistündige Livestream der KV Nordrhein mit der gesamten Demonstration der EPA und der Diskussion mit den Experten aus der Gesundheitsbranche kann auch im Nachgang angesehen werden:

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