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Corona-Tote

Erkrankte sterben meist an Covid, nicht mit Covid

Den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge gab es im Januar fast 30 Prozent mehr Sterbefälle bei den Über-80-Jährigen als zu erwarten. Derweil berichten Pathologen aus Kiel, dass die meisten von ihnen obduzierten Menschen, die sich vor ihrem Tod mit Corona infiziert hatten, tatsächlich an Covid-19 gestorben sind. Obduktionen sollen helfen, die Krankheit besser zu verstehen.
dpa
PZ
10.02.2021  10:30 Uhr

Auch im Januar haben die Sterbefallzahlen in Deutschland über dem Durchschnitt der Vorjahresmonate gelegen. Nach einer am Dienstag veröffentlichten Hochrechnung des Statistischen Bundesamtes starben in diesem Januar 103.804 Menschen, 18 Prozent mehr als durchschnittlich im Januar der vier Vorjahre.

Zurückzuführen sei dies auf eine Zunahme von Sterbefällen in der Altersgruppe ab 80 Jahren. Bei ihr sei die Zahl um 29 Prozent gestiegen. Bei den Menschen unter 80 Jahren liege das Plus bei 4 Prozent. Ein Vergleich mit der Zahl der beim Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldeten Covid-19-Todesfälle sei derzeit bis einschließlich 10. Januar möglich, erklärte das Bundesamt. In der ersten Kalenderwoche des neuen Jahres seien 4881 Menschen mehr als im Durchschnitt der vier Vorjahre gestorben, registriert worden seien zugleich 4966 Covid-19-Todesfälle, 375 Fälle weniger als noch in der Vorwoche. Einen Höchststand habe die Zahl der bestätigten Covid-19-Todesfälle kurz vor dem Jahreswechsel in der Woche zwischen dem 21. bis 27. Dezember mit 5453 Fällen erreicht. Auch bei den gesamten Sterbefallzahlen habe das Plus im Vergleich zu den Vorjahren in dieser Woche mit 6620 einen Höchststand erreicht.

Auffällig sei die Entwicklung weiterhin vor allem in Sachsen, erklärte das Bundesamt. In der ersten Woche des neuen Jahres hätten die Sterbefallzahlen dort 77 Prozent oder etwa 887 Fälle über dem Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2020 gelegen. Thüringen verzeichnete demnach ein Plus von 55 Prozent (334 Fälle), Brandenburg von 53 Prozent (353 Fälle), Sachsen-Anhalt von 39 Prozent (273 Fälle) und Hessen von 34 Prozent (468 Fälle).

Kieler Pathologen: Covid-19 meist auch die Todesursache

Der Großteil der von Kieler Pathologen obduzierten Menschen, die sich vor ihrem Tod mit Corona infiziert hatten, ist tatsächlich an Covid-19 gestorben. «Bei 85 Prozent der Fälle konnten wir wirklich bestätigen, dass sie an Covid-19 verstorben sind», sagte der Direktor des Instituts für Pathologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Professor Dr. Christoph Röcken. In Kiel wurden bislang mehr als 50 Menschen im Alter von 53 bis über 90 Jahre obduziert, die sich vor ihrem Tod mit SARS-CoV-2 angesteckt hatten. Nur ein kleiner Teil sei mit statt an Covid-19 gestorben, sagte Röcken.

Röcken und sein Team obduzieren aktuell zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben täglich zwei Menschen, die an oder mit Covid-19 gestorben sind. Ihr Ziel: Wissen sammeln über einen Erreger und eine Krankheit, die derzeit überall auf der Welt wüten. Die Ergebnisse werden im Rahmen einer bundesweiten Initiative von 34 Unikliniken systematisch zusammengetragen. In einem Obduktionsregister werden die Daten aus ganz Deutschland gesammelt und ausgewertet sowie Gewebeproben von an Covid-19 Verstorbenen aufbewahrt. Bislang liegen bundesweite Daten aus dem Obduktionsregister noch nicht vor. Aber er höre von anderen Pathologen bundesweit, dass diese zu ähnlichen Ergebnissen kämen, sagte Röcken.

Das Robert-Koch-Institut verzeichnete bislang mehr als 60.000 Corona-Todesfälle. In die Statistik gehen dabei sowohl Menschen ein, die unmittelbar an der Erkrankung verstorben sind, also auch solche mit Vorerkrankungen, bei denen sich nicht abschließend nachweisen lässt, was die Todesursache war.

Obduktionen helfen, Covid-19 besser zu verstehen

Pathologe Röcken hält die Obduktion von Menschen, die an oder mit Corona gestorben sind, für wichtig, um die Krankheit besser zu verstehen. «Nur durch eine Obduktion lässt sich Gewissheit darüber erlangen, woran ein Mensch wirklich gestorben ist.» Nicht alle Symptome sehe man bei jedem Patienten. «Sie haben nicht einen hundertprozentigen Phänotyp.» Es könne sein, dass bei einem kleinen Teil der Patienten Besonderheiten auftreten und die erfasst man erst, wenn man hohe Fallzahlen hat. «Dann kann man sie als Komplikation einer Covid-19-Erkrankung erkennen und ist dann darauf vorbereitet und weiß, wie man handeln muss.»

Das Virus macht nach Angaben Röckens relativ typische Veränderungen an der Lunge, die es unterscheidet von anderen Entzündungsformen der Lunge. Oftmals haben die Menschen, die an einer Covid-19 verursachten Lungenentzündung gestorbenen sind, auch eine Lungenembolie. «Das beobachten wir leider auch.»

Die Struktur des Lungengewebes verändere sich. Normalerweise sei eine Lunge poröser, wie ein Schwamm. Bei den obduzierten Organen sei oft keine Schwammstrukturen mehr erkennbar. Röcken vergleicht es mit einem Ballon, der eigentlich Luft im Zentrum hat. Bei Covid-19 füllt sich dieser Luftraum mit Gewebe aus und

beeinträchtigt damit die Belüftung der kleinen Lungenbläschen.

Warum versterben auch immer wieder jüngere Menschen ohne Vorerkrankungen?

Obwohl ein Großteil der an Covid-19-Verstorbenen ältere Menschen mit Vorerkrankungen gewesen sind, gibt es immer wieder auch Fälle, bei denen junge, sportliche Menschen ohne Vorerkrankungen an Covid-19 sterben. «Keiner von uns weiß, gehöre ich zu denen, die es schwer erwischen wird oder gehöre ich nicht dazu», sagt Röcken. «Das ist wie Russisch Roulette. Sie drehen die Kammer und sie wissen nicht, ist die Kugel jetzt im Lauf oder nicht.» Es sei eine noch wenig bekannte Krankheit. «Wir wissen zwar, das meistens ältere Menschen von schweren oder tödlichen Verläufen betroffen sind und jüngere seltener. Man findet auch Blutgruppenassoziationen. Aber ich würde darauf nicht wetten.»

Man könne die aktuelle Pandemie vielleicht mit Impfungen und Lockdown am Ende in den Griff kriegen, «aber damit werden wir das Virus nicht aus der Welt schaffen». Es werde wieder Ausbrüche geben. «Und dann sind wir gut beraten, wenn wir möglichst viel von diesem Virus wissen; wie wir es behandeln, welche Konsequenzen es hat, welche Nebenerkrankungen es vielleicht mitverursacht, was Risikokonstellationen sind.» Man müsse das Wissen einfach sammeln. Auch weil es immer wieder zu Pandemien kommen könne, sagt Röcken.

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