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Interleukin-6

Entzündungsmarker geben Hinweise auf Suizidalität 

Chronische Entzündungen, Regulationsstörungen im Stoffwechsel und Depressionen könnten einen gemeinsamen genetischen Hintergrund haben. Der Entzündungsmarker Interleukin-6 (IL-6) scheint ein potenzieller Risikofaktor für Suizidalität zu sein.
PZ
23.10.2020  16:28 Uhr

Haben Entzündungen und depressive Symptome einen gemeinsamen genetischen Hintergrund und sind sie sogar für deren Entstehung mitverantwortlich? Dieser Frage gingen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie (MPI) in München, der Ludwig-Maximilians-Universität München und der University of Cambridge in einer Analyse von genomweiten Assoziationsstudien nach. Sie analysierten eine Reihe genetischer Varianten, die mit erhöhten Entzündungswerten und dem Body-Maß-Index (BMI) als Marker für Übergewicht und Regulationsstörungen des Stoffwechsels in Verbindung stehen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal »JAMA Psychiatry« veröffentlicht. 

Das Team um Nils Kappelmann konnte die These bestätigen, dass Regulationsstörungen des Immunsystems und des metabolischen Stoffwechsels eine gemeinsame genetische Basis mit depressiven Symptomen haben. So scheint ein hoher BMI mit vier Depressionssymptomen ursächlich in Zusammenhang zu stehen: Freud- und Interessenlosigkeit, Appetitveränderungen, Erschöpfung und Unzulänglichkeitsgefühlen. Zudem fanden die Forscher, dass eine genetische Hochregulation von Interleukin-6 (IL-6) auf ein erhöhtes Risiko für Suizidalität hinweisen kann. IL-6 spielt bei der Regulation des Immunsystems eine Schlüsselrolle und ist ein Marker für das Entzündungsgeschehen im Körper.

Depressionen äußern sich bei Menschen ganz unterschiedlich mit teils widersprüchlichen Symptomen, heißt es in einer Pressemeldung des MPI. Eine Subgruppe, die als immuno-metabolische Depression bezeichnet wird und circa ein Viertel aller Patienten umfasst, weise Regulationsstörungen des Immunsystems und des Stoffwechsels auf. Diese Patienten sprächen in der Regel schlechter auf klassische Antidepressiva oder Psychotherapie an. Entzündungshemmer wie IL-6-hemmende Medikamente könnten hier einen neuen Ansatz zur Therapie der Depression und Prävention von Suizidalität bieten.

»Diese Erkenntnisse haben klinische Relevanz, da sie dazu beitragen können, frühzeitig jene Patienten zu identifizieren, die auf eine Immuntherapie besser ansprechen als auf Antidepressiva«, sagt Professor Dr. Elisabeth Binder, Direktorin des MPI. »Außerdem könnte die Behandlung von Suizidalität verbessert werden.« Hierfür sei aber noch weitere klinische Forschung nötig. 

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