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Infektionen bei Kindern

Eltern fordern noch zu oft Antibiotika ein

Zwar sind die Antibiotika-Verordnungen bei Kindern in den letzten zehn Jahren deutlich zurückgegangen – doch noch nicht genug. Vor allem Eltern und Ärzte sind gefragt, aber auch Apotheker können durch Aufklärung beisteuern, unnötige Antibiotika-Gaben zu vermeiden.
Christiane Berg
21.06.2021  07:00 Uhr

Fälschlicherweise werden bei Erkältungen noch immer häufig Antibiotika verschrieben, obwohl diese hier wirkungslos sind. »Antibiotika wirken nur gegen Bakterien und nicht gegen Viren. Dennoch werden sie in der Pädiatrie nach wie vor viel zu häufig bei banalen Atemwegsinfekten verordnet, die durch Viren verursacht werden«, konstatierte Professor Dr. Johannes Hübner, München, im Rahmen des 15. Kongresses für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) in Assoziation mit der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie (DGPI). Nicht nur das: Aus Gründen der Bequemlichkeit und Verträglichkeit werden in der Kindermedizin viel zu oft auch Wirkstoffe wie Cephalosporine verschrieben, die praktisch bei allen Indikationen im ambulanten Bereich lediglich als Mittel der zweiten Wahl gelten, kritisierte er.

Als häufiges Argument seitens Ärzten und Ärztinnen für den Griff nach wenig zielgerichteten Breitbandantibiotika werden diagnostische Unsicherheiten angegeben. Hier müssten im Vorfeld der Therapieentscheidung mehr als bislang neue Point of-Care (POC)-Diagnostika für den schnellen Erregernachweis zum Einsatz kommen, meint Hübner. Vor allem aber müssten die Kenntnisse zur adäquaten Antibiotikatherapie im Rahmen ärztlicher Fortbildungsmaßnahmen weiter gestärkt werden. Dabei müssten den Ärzten insbesondere Kommunikationsstrategien in der Interaktion mit den Eltern vermittelt werden. Viele Mütter und Väter, so Hübner, zeigen sich verärgert, wenn der Arzt bei einer Erkältung des Kindes kein Antibiotikum verschreibt.

Zu erklären, warum im speziellen Fall kein Antibiotikum notwendig ist, beziehungsweise zu erläutern, dass der überbordende und falsche Einsatz von Antibiotika bei viralen Infektionen mit Blick auf Resistenzbildung fatale Konsequenzen hat, koste Zeit, die – wie auch die dringend im ambulanten Bereich auszubauende POC-Diagnostik – seitens der Krankenkassen refinanziert werden müsse.

Vorsorgliche Verordnung: Rezept erst nach ein bis zwei Tagen einlösen

Die Ärzte müssten zudem angehalten werden, verstärkt auch auf die Möglichkeit einer verzögerten Verordnung (Delayed Prescribing) zurückzugreifen. Der zumeist unnötige Einsatz von Antibiotika könne gemindert werden, wenn Eltern ein Rezept mit der Maßgabe erhalten, es erst nach ein bis zwei Tagen bei Verschlechterung oder ausbleibender Besserung der Symptome einzulösen. Studien weisen daraufhin, dass diese Vorgehensweise mehr Vor- als Nachteile hat. Hier kommt auch den Apothekerinnen und Apothekern eine aufklärende Rolle zu.

Bakterielle Infektionskrankheiten galten bereits als besiegt. Heute gehören sie weltweit wieder zu den häufigsten Todesursachen. Ob Ärzte oder Patienten, in diesem Fall Eltern erkrankter Kinder: Um die Wirksamkeit und Verfügbarkeit von Antibiotika auch in Zukunft sicherzustellen, sind alle in der Verantwortung. »Daran müssen wir gemeinsam weiter arbeiten«, unterstrich Hübner mit Verweis auch auf die Zuständigkeit der Gesundheitspolitik und der pharmazeutischen Industrie, die sich dringend über die Problematik der unzureichenden Antibiotika-Forschung verständigen müsse.

Antibiotika-resistente Keine drohen zur erdumfassenden Todesursache Nr. 1 zu werden. Die WHO geht davon aus, dass 2050 mehr Menschen durch resistente Infektions-Erreger als durch Krebserkrankungen sterben. Mit den sich ausweitenden Antibiotikaresistenzen, so heißt es, kommen Gesundheitsrisiken bislang unbekannter Größe auf die Menschheit zu.

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