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Volle Apothekenlager

Eingelagerten Grippe-Impfungen droht der Verfall

Bis Ende vergangenen Jahres war Impfstoff gegen Grippe zwischenzeitlich ein knappes Gut, doch inzwischen hat sich die Situation deutlich entspannt – so sehr, dass Apotheken teils auf vorbestellten Dosen sitzenbleiben. In Nordrhein etwa lagern derzeit mehr als 100.000 Grippeimpfungen im Wert von 1,2 Millionen Euro in den Offizinen.
Cornelia Dölger
02.02.2021  15:30 Uhr

Etwa 80 Prozent aller Apotheken in der Region Nordrhein hielten Grippeimpfstoffe der aktuellen Impfsaison im Wert von insgesamt 1,2 Millionen Euro vor, teilte der Apothekerverband Nordrhein (AVNR) am heutigen Dienstag mit und bezog sich dabei auf eine Blitzumfrage unter den AVNR-Mitgliedsapotheken. Demnach sind alle Packungsgrößen – Einzelimpfstoffe sowie Großpackungen mit zehn bis 20 Impfdosen – noch ausreichend vorrätig. Der Verband geht davon aus, dass sich bundesweit ein vergleichbares Bild ergibt.

Tatsächlich laufen die Vakzine derzeit vielerorts Gefahr, in den Apotheken zu Ladenhütern zu werden, denn viele Apotheker hatten angesichts der hohen Nachfrage im Herbst und zwischenzeitlicher Engpässe noch einmal großzügig nachbestellt, um Arztpraxen zuverlässig mit Grippeimpfstoff versorgen zu können. Verbindliche Abnahmezusagen hatte es von den Praxen aber nicht gegeben, so dass die Apothekenlager nun in den meisten Regionen mehr als gut gefüllt sind, weil es kaum noch Nachfrage gibt. Gegenüber der PZ hatte AVNR-Chef Thomas Preis schon Mitte Januar bestätigt, dass viele Apotheken »vorerst auf den Dosen sitzen bleiben«.

Impfdosen im Wert von zehn Millionen Euro in den Apotheken

Falls die Portionen nicht bis zum baldigen Ende der Impfsaison verimpft seien, müssten viele Apotheker mit finanziellen Verlusten rechnen, so der AVNR. Mehr als zehn Millionen Euro seien die rund eine Million Impfdosen wert, die derzeit deutschlandweit in den Apotheken lagerten und denen in wenigen Wochen der Verfall drohe. Ein Grund für den Überschuss sei auch die späte Auslieferung der nationalen Impfstoffreserve. Diese Rücklage war ab Mitte November schrittweise auf den Markt gekommen – aus Sicht vieler Apotheker viel zu spät.

Die Apothekerschaft sieht sich hierbei von der Politik im Stich gelassen. Teils habe die vom Bund organisierte Impfstoffreserve die Apotheken erst Anfang Dezember erreicht – also zu einem Zeitpunkt, als es seitens der Ärzte kaum noch Nachfrage nach den Vakzinen gab, so AVNR-Chef Preis. »Dass die Apotheken jetzt auf ihren Kosten sitzen bleiben sollen, nur weil sie aus Versorgungssicht richtig gehandelt haben, ist absolut inakzeptabel.« Das Risiko, das Apotheken bei der Vorratslagerhaltung auf sich nähmen, müsse auch von Kassen, Politik und Impfstoffproduzenten mitgeschultert werden. Insgesamt hätten 2020 im Vergleich zum Vorjahr 30 Prozent mehr Impfstoffe zur Verfügung gestanden.

Apothekerschaft fordert faire Bedingungen

Auch aus Hessen kommen Mahnungen an die Politik. »Wer die Durchimpfungsrate der Bevölkerung für Grippe steigern will, muss sich auf das Engagement der Apotheken verlassen können« schrieb Holger Seyfarth, Vorsitzender des hessischen Apothekerbands, in einer Mitteilung. Dafür bräuchten Apotheken aber faire Bedingungen. Blieben sie auf ihren Kosten sitzen, wirke das demotivierend. »Dann wird es nur noch Impfstoffversorgung nach Plan geben«, so Seyfarth.

Zwar gebe es auch jetzt noch die Möglichkeit, weitere Dosen zu verimpfen, denn in der aktuellen Situation sei eine Grippeimpfung nach wie vor sehr sinnvoll. Grundsätzlich ändere dies aber nichts an der Tatsache, dass Apotheken »durch die Sicherstellung der Versorgung mit Grippeimpfstoffen ein erhebliches finanzielles Risiko eingehen«.

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