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Covid-19-Impfstoff

Eine Zulassung für Kinder ist noch keine Empfehlung

Bald steht mit Comirnaty® der erste Covid-19-Impfstoff für Kinder von fünf bis elf Jahren zur Verfügung. Die Zulassung steht kurz bevor, das Präparat soll im Dezember kommen, ebenso wie eine STIKO-Empfehlung. Das Erwachsenenprodukt sollte bis dahin nicht für Kinder verwendet werden.
Christina Hohmann-Jeddi
26.11.2021  15:46 Uhr

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat sich für eine Erweiterung der Zulassung des Covid-19-Impfstoffs Comirnaty für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren ausgesprochen. Diese Nachricht kommt inmitten der stärksten Coronawelle, die Deutschland bisher erlebt hat. Entsprechend hoch ist das Bedürfnis vieler Eltern, ihre Kinder vor einer Infektion zu schützen. Doch wie nötig sind Covid-19-Schutzimpfungen für Kinder? Darüber sprachen Experten heute bei einer Veranstaltung des Science Media Center Deutschland.

»Es ist eine gute Nachricht, dass wir einen Impfstoff für diese Altersgruppe haben«, sagte Professor Dr. Fred Zepp, Pädiater und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO). Denn auch in dieser Altersgruppe gebe es Kinder, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf hätten und konkret von der Impfung profitierten. Doch die Zulassung für diese Altersgruppe sei noch keine Empfehlung zur Impfung, betonte der Pädiater.

Die Frage, inwieweit alle Kinder in dieser Altersgruppe einen Impfschutz benötigen, werde von der STIKO derzeit bearbeitet. Eine entsprechende Empfehlung werde voraussichtlich Ende Dezember, wenn der Kinder-Impfstoff der Unternehmen Biontech und Pfizer in die EU-Länder geliefert wird, vorliegen. Vermutlich werde es zunächst eine Empfehlung nur für Kinder mit erhöhtem Risiko aufgrund von Vorerkrankungen wie Adipositas, Trisomie 21, weiteren Fehlbildungen, Lungenvorerkrankungen und Immunschwäche geben sowie für solche, die im Haushalt mit besonders vulnerablen Personen leben, die sich selbst nicht durch Impfung schützen können.

Hierfür gebe es zwei Gründe: Zum einen seien die Daten der Zulassungsstudie mit etwa 2500 Kindern dieser Altersgruppe nicht ausreichend, um das Risiko für sehr seltene Nebenwirkungen, etwa die Myokarditis, abzuschätzen. Hier könnten Daten aus den USA, wo bereits kleine Kinder geimpft werden, weiterhelfen. Zum anderen sei die Krankheitslast in der Gruppe der Fünf- bis Elfjährigen zumindest in Deutschland sehr gering, so Zepp.

»Es gibt für das einzelne zu impfende Kind wenig zu gewinnen«, betonte auch Professor Dr. Philipp Henneke von der Klinik für allgemeine Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Freiburg. In der ambulanten Pädiatrie sehe man derzeit viele Coronainfektionen, doch im Krankenhaus spielten diese »praktisch keine Rolle«. Auch das postvirale Hyperinflammations-Syndrom bei Kindern (Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome, PIMS) trete derzeit im Vergleich zu früheren Wellen eher seltener auf, berichtete der Pädiater. Da der individuelle Nutzen der Impfung gering sei, müsse die Sicherheit des Impfstoffes »über jeden Zweifel erhaben« sein. Eine gründliche Bewertung aller Daten durch die STIKO sei daher zu begrüßen und könne verhindern, dass die Impfkampagne einen holprigen Start nehme.

Keinen Erwachsenen-Impfstoff für kleine Kinder einsetzen

Zepp und Henneke betonten, dass sich die jetzt erfolgte Zulassung auf ein eigenes Comirnaty-Präparat für Fünf- bis Elfjährige bezieht. Dieses weist eine geringe Dosierung auf als das Erwachsenen-Präparat (10 statt 30 µg Wirkstoff) und enthält auch andere Puffer. Während in der Erwachsenen-Formulierung Kaliumchlorid, Kaliumphosphat, Natriumchlorid und Natriumphosphatdihydrat sowie Sucrose vorhanden sind, sind es in der Kinderformulierung lediglich Sucrose, Tromethamin sowie Tromethaminhydrochlorid.

Bis zur Auslieferung des Kinder-Impfstoffs den für Erwachsene zu verwenden, lehnten beide Pädiater ab. Das Risiko einer Fehldosierung sei bei den geringen Volumina, mit denen man hantiere, zu hoch. Durch diesen Off-Label-Use könnte letztlich das Kind gefährdet werden, da ihm ein Impfschutz suggeriert werde, der unter Umständen nicht bestehe, zumal gerade jetzt vermutlich Risikokinder geimpft würden, die einen verlässlichen Impfschutz benötigten.

Epidemiologischer Effekt der Kinderimpfung

Inwieweit die Impfungen in dieser Altersgruppe das Infektionsgeschehen in Deutschland insgesamt beeinflussen könnten, sei schlecht abzuschätzen, sagte Dr. Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Modellierungen speziell zu den Fünf- bis Elfjährigen gebe es bisher keine. Doch die Modellierung des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu den Zwölf- bis 17-Jährigen habe gezeigt, dass eine gewisse Durchimpfung in dieser Altersgruppe Infektionen und Hospitalisierungen direkt in dieser Altersgruppe verhindern könne. Auf den Verlauf der vierten Welle insgesamt habe die Impfung der Jugendlichen kaum Einfluss, schrieb das RKI im August im »Epidemiologischen Bulletin«

Entsprechend dürfte auch der Einfluss der Durchimpfung der Fünf- bis Elfjährigen auf das Infektionsgeschehen gering ausfallen, so Lange. Zumal der Kinder-Impfstoff und die STIKO-Empfehlung für Ende Dezember erwartet würden. Selbst wenn dann die Impfkampagne der Kinder zügig starte, käme sie vermutlich zu spät, um einen starken Einfluss auf die vierte Welle zu haben: Deren Höhepunkt wird für Mitte bis Ende Dezember erwartet.

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