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Reportage

Echtes Teamwork im Impfzentrum

Im Impfzentrum Münster herrscht reges, aber ruhiges Treiben: Fast 1000 Impfdosen werden hier pro Tag verabreicht. Die PZ hat das pharmazeutische Team einen Nachmittag lang begleitet.
Daniela Hüttemann
16.03.2021  18:00 Uhr

Es ist 18:00 Uhr am 8. März 2021. PTA Ali Akdag und Apothekerin Dr. Julia Podlogar stehen in voller Schutzausrüstung im Apothekencontainer des Impfzentrums Münster auf Abruf bereit. Etwa 180 Dosen des Covid-19-Impfstoffs Comirnaty® von Biontech und Pfizer haben die beiden während der letzten fünf Stunden bereits rekonstituiert, aufgezogen und der Apothekerin Dr. Claudia Brüning durch ein Fenster gereicht. Brüning ist heute als sogenannte Orga-Approbierte für die Endkontrolle und Dokumentation zuständig und hält Kontakt zu den ärztlichen Koordinatoren. »Ab dem späten Nachmittag stellen wir nur noch passgenau her«, erläutert die Apothekerin. »Wir müssen dabei stets den Überblick behalten, wie viel wir bereits hergestellt haben und wie viele Impflinge schon da waren.«

Immer wieder kommt die Koordinatorin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe vorbei, um durchzugeben, wenn ein weiteres Fläschchen rekonstituiert werden soll. Denn mal sind es mehr, mal weniger Impflinge als ursprünglich geplant. Dann holt Brüning rechtzeitig ein Vial aus dem Kühlschrank, weil das enthaltene Konzentrat vor der Verdünnung nach Angaben des Herstellers Raumtemperatur erreichen muss. So steigt auch die Chance, sieben Dosen herauszubekommen. Dazu nehmen die Apotheker und Apothekerinnen die Ampullen mit dem Konzentrat, die täglich bereits aufgetaut an das Impfzentrum geliefert werden, etwa 20 Minuten vor der Verdünnung aus dem Kühlschrank. Im Schnitt schaffen sie 6,8 Dosen pro Vial, so die interne Statistik, auf die hier alle sehr stolz sind.

Besser Sorgfalt als falscher Ehrgeiz

PTA Akdag ist so geschickt und routiniert, dass er aus den Fläschchen nach Verdünnung so gut wie immer jeweils sieben Dosen ziehen kann. »Man sollte hier keinen falschen Ehrgeiz zeigen, aber es ist natürlich schon ein Ansporn, dass möglichst viele Menschen geimpft werden können«, sagt Akdag, der vormittags in der Qualitätssicherung einer Pharmafirma arbeitet und derzeit fast jeden Nachmittag ins Impfzentrum kommt, »einfach um zu helfen und weil es eine schöne und sinnvolle Abwechslung ist«.

Die pharmazeutischen Leiter Angelika Plassmann und Max Lewe sind froh über herstellungserfahrene Helfer wie den PTA, die mit dem aseptischen Arbeiten vertraut sind, freuen sich aber über alle Freiwilligen. »Wir haben mittlerweile rund 50 pharmazeutische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alle aus Münster und näherer Umgebung«, erklärt Plassmann. »Bei der Einsatzplanung mischen wir dabei bereits eingearbeitete und neue Helfer oder setzen auch Teams einer Apotheke gemeinsam ein, darunter auch Pharmazeuten im Praktikum.«

Lewe hat umfassende Anweisungen für alle einzelnen Schritte geschrieben, mit denen sich neue Mitarbeiter vertraut machen können, denn die anfangs allgemein verfügbaren Dokumente seien zu unspezifisch gewesen. Die Anweisungen reichen vom richtigen Anziehen der Handschuhe über die eigentliche Arbeit an der Werkbank bis zur Dokumentation. Die beiden leitenden Pharmazeuten betonen: Es gebe keinen Zeitdruck oder Zwang, immer sieben Dosen pro Vial aufzuziehen. Wichtig sei nur sorgfältiges Arbeiten. So könne Verdünnung und Aufziehen bei erfahrenen Helfern nur fünf Minuten dauern, bei Neulingen auch mehr als 15. »Das haben wir mit einkalkuliert«, so Lewe.

PTA Barbara Bauer arbeitet ebenfalls regelmäßig im Impfzentrum mit (hier bei der Verdünnung des Biontech-Impfstoffs). / Foto: Max Lewe
Die Vials werden bereits aufgetaut an das Impfzentrum geliefert. Etwa 20 bis 30 Minuten vor der Verdünnung nimmt sie ein Apotheker aus dem Kühlschrank. / Foto: Max Lewe
Der Anstich erfolgt vorsichtig durch das Septum. Zunächst wird isotone Kochsalzlösung zugegeben. / Foto: Max Lewe
Verdünnt ist der Impfstoff milchig-grauweiß. Er soll vorsichtig zehnmal geschwenkt werden. / Foto: Max Lewe
Beim Aufziehen der einzelnen Dosen ist ein genaues Augenmaß gefragt. / Foto: Max Lewe
Bei jedem einzelnen Vial wird festgehalten, wie viele Impfdosen entnommen werden konnten. / Foto: Max Lewe

Kapazität könnte deutlich erhöht werden

Derzeit wird nur einer von zwei Herstellungscontainern genutzt und auch nur die Hälfte der neun Impfstraßen. Wenn mehr Impfstoffdosen zur Verfügung stehen, können die Kapazitäten hochgefahren werden – von derzeit 360 verimpften Dosen Comirnaty und (bis zum Impfstopp) 560 Dosen Astra-Zeneca-Vakzine auf bis zu 2400 Impflinge pro Tag. Genügend freiwillige pharmazeutische Mitarbeiter, die sich über ein speziell eingerichtetes Portal der Apothekerkammer gemeldet haben, stünden jedenfalls bereit.

Das Impfzentrum arbeitet seit dem 8. Februar, seit letzter Woche im Zweischichtbetrieb. Geimpft wird sieben Tage die Woche zwischen 8:00 Uhr morgens und 20:00 Uhr abends. Zwei pharmazeutische Teams stehen für die Vorbereitung des Biontech-Impfstoffs von 7:00 bis 13:00 Uhr und 13:00 bis 20:00 Uhr bereit. Diese Vakzine erhalten in Münster derzeit nur die Über-80-Jährigen.

Zusätzlich wurde bis vor Kurzem der Impfstoff von Astra-Zeneca verimpft, den die sogenannten besonders begründet Impfberechtigten, vor allem Berufsberechtigte wie Polizistinnen, Grundschullehrer und Erzieher,  bekommen sollen. Auch Apothekenpersonal, das in ausgewiesenen Testzentren mit der Durchführung von Corona-Tests beauftragt ist, kann sich hier in Zukunft impfen lassen.

Viele Vordrängler und Bestechungsversuche

Dazu gibt es bereits bei der Anmeldung am Eingang des Kongresszentrums separate Schalter. Zunächst erfolgt eine Sicherheitskontrolle sowie die Prüfung der Impfberechtigung und der Voranmeldung, was hier momentan vor allem derzeit von Kurzarbeit betroffene Reisebüromitarbeiter übernehmen. Dann erhalten die Impflinge und gegebenenfalls ihre Begleiter eine Dokumentenmappe mit Aufklärungsbögen und verschiedene Bänder. »Damit kein Unberechtigter sich eine Impfung erschleicht«, erklärt Berufsfeuerwehrmann Jörg Rosenkranz, Einsatzleiter und Mitglied der Geschäftsführung, bei einem Rundgang. »Wir hatten hier schon ein ganzes Praxisteam aus Dortmund, das es einfach mal versucht hat. Manche haben es zwar auch mit einem Trick geschafft, über das Vergabesystem an einen Termin zu kommen, scheitern aber dann spätestens am Ankunftsschalter, wenn sie keine echte Berechtigung haben.«

Auch Bestechungsversuche von Begleitpersonen kämen regelmäßig vor, daher dürfen diese mittlerweile nicht mehr mit in die Impfkabinen. Hier erhalten die älteren Menschen den vom pharmazeutischen Team vorbereiteten Biontech-Impfstoff, den das Sicherheitspersonal im Apothekencontainer abholt. Zuvor hat Brüning dort die sieben aufgezogenen Spritzen einer Ampulle in eine sorgfältig mit Schaumstoff gepolsterte Kiste gelegt, samt Aufklebern mit Charge für Impfausweis und ärztliche Dokumentation. Auf jeder Kiste sind eine interne Chargennummer, der Zeitpunkt der Verdünnung sowie in Rot die Aufbrauchfrist vermerkt.

Den Astra-Zeneca-Impfstoff holten sich die medizinischen Mitarbeiter dagegen bislang selbst aus dem Apothekenkühlschrank, was die Apotheker ebenfalls sorgfältig dokumentierten. Medizinische Fachangestellte, Medizinstudierende sowie Ärztinnen und Ärzte zogen diesen Impfstoff dann selbst in den Impfkabinen auf und verimpften direkt. Sie bekommen in der Regel zwölf Dosen pro Ampulle heraus, wobei offiziell zehn Dosen deklariert sind. 

Nichts wird verworfen

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern befürwortet das zuständige Ministerium in Nordrhein-Westfalen es ausdrücklich, möglichst viele Impfdosen aus den Fläschchen herauszuholen. »Hier wird nichts verworfen«, betont Plassmann. Seien am Ende des Tages angebrochene Ampullen übrig, riefen einige Arztpraxen noch ihre berechtigten mobilen Patienten an, die spontan kommen könnten, oder nähmen die aufgezogenen Impfspritzen zu Hausbesuchen mit. »Und auch hier wird dokumentiert, wo jede einzelne Impfdosis geblieben ist«, so Plassmann. Alle leeren Ampullen gehen zurück ans Impfzentrum, wo sie am Ende des Tages vom Sicherheitspersonal zertrümmert werden, damit sie nicht in den Schwarzmarkt gelangen und Fälschern in die Hände fallen.

Der Besuch im Impfzentrum dauert für jeden Impfling von der Anmeldung bis nach Ablauf der 30-minütigen Beobachtungszeit nach der Impfung etwa eine Stunde. Im Warteraum stehen Sanitäter bereit, falls jemand medizinische Hilfe benötigen sollte – »was aber bislang noch nicht vorgekommen ist«, so Feuerwehrmann Rosenkranz.

»Apotheker veredeln Impfstoff«

Aufsteller der #unverzichtbar-Kampagne verweisen auf die Mitarbeit der Apotheker und PTA, die in einem abgetrennten Teil der Messehalle Nord stattfindet und ansonsten von den Impflingen unbemerkt bleiben würde. »Für die Impflinge soll der Durchlauf möglichst geräuschlos erfolgen, doch sie sollen auf jeden Fall wissen, dass wir Apothekerinnen und Apotheker mit an Bord haben«, erklärt Dr. Peter Münster, niedergelassener Hausarzt und ärztlicher Leiter des Impfzentrums. »Wir haben hier eine hervorragende Zusammenarbeit mit dem pharmazeutischen Team. Da hilft uns neben der gleichbleibend hohen Qualität bei der Impfstoffrekonstitution auch der Servicegedanke weiter, den Apothekenmitarbeiter verankert haben, denn vom Ablauf muss alles gut ineinandergreifen. Der Impfstoff muss auf den Punkt genau und ohne Reste da sein.«

Neben dem fachlichen Know-how des pharmazeutischen Personals schätzt der Arzt auch dessen Mithilfe als psychologischen Faktor. »Der Apotheker veredelt gewissermaßen den Impfstoff durch seine Anwesenheit, da Apotheker ein großes Maß an Vertrauen in der Bevölkerung genießen«, so Münster. »Sie gelten als akkurat und sind hochqualifiziert – das ist auch gut für die Akzeptanz der Impfung.«

Apotheken können auch beim Impfen in den Arztpraxen helfen

Als Hausarzt wünscht er sich auch ein breites Engagement der Apotheken, wenn demnächst die Impfungen in den Arztpraxen starten. »Auch hier brauchen wir neben ihrer ausgefeilten Logistik weiterhin den pharmazeutischen Sachverstand bei der Handhabung der Impfstoffe, von denen wir in absehbarer Zeit noch andere bekommen werden«, so Münster. Es sei gut, wenn Arztpraxen bei Fragen zum Impfstoff auch mit den benachbarten Apotheken sprächen.

Der ehemalige Bundeswehr-Arzt ist überzeugt, dass die breite Impfung der Bevölkerung »bis in den letzten Winkel des Landes« nur über die regionalen Arztpraxen und Apotheken gelingen kann. »Im Übrigen haben wir hier noch niemanden von Doc Morris oder der Shop-Apotheke gesehen – von denen stellt keiner die Versorgung sicher, das machen die Münsteraner Apotheker für die Münsteraner. Wir bekämpfen hier die Krise vor Ort als Gemeinschaft.«

»Wir sind Teil von etwas Großem«

Auch die Apothekerinnen und PTA im Impfzentrum sagen: »Wir sind hier Teil von etwas Großem.« Es sei »eine sehr gute Stimmung – echter Teamgeist, nicht nur unter uns Pharmazeuten, sondern unter allen Mitarbeitern im Impfzentrum«, schwärmt Apothekerin Brüning. »Wir haben hier unseren festen Platz auf Augenhöhe mit den Ärzten – ein sehr schönes Gefühl! Mir ist es ein großes Anliegen, dass wir dieser Aufgabe nicht nur nachkommen, sondern in diesem großen interdisziplinären Team als kompetenter und unverzichtbarer Partner mitarbeiten und wahrgenommen werden.«

»Die gegenseitige Wertschätzung wird auf jeden Fall bleiben«, ist sich Leiterin Plassmann sicher. Leiter Lewe meint: »Wir sollten uns als Berufsgruppe auch weiterhin mehr mit ins Spiel bringen – und bei der Bevölkerung dauerhaft ein Bewusstsein schaffen, wie wichtig eine qualitativ hochwertige Arzneimittelversorgung ist.«

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