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Coronavirus-Pandemie

Dunkelziffer erschwert Erkennen der Infektionsketten

Ein erweitertes Thesenpapier gibt Empfehlungen, wie die Coronavirus-Pandemie weiter bewältigt werden kann. Die sechs Autoren, darunter Professor Dr. Gerd Glaeske, haben dazu 23 Thesen formuliert.
Anja Köhler
06.05.2020  10:44 Uhr

Anfang April erschien das »Thesenpapier zur Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19«. Einer der sechs Autoren – Franz Knieps vom BKK-Dachverband – sagte damals auf Nachfrage der PZ: »Wir wollen ausdrücklich nicht die Politik unter Druck setzen, oder Personen und Maßnahmen kritisieren, sondern abbilden, was aus unserer Sicht bisher gut und was weniger gut gelaufen ist. Denn inzwischen haben wir andere Zahlen vorliegen als noch vor vier Wochen.«

Nun gibt es ein Thesenpapier 2.0. Dessen Umfang ist 50 Seiten stärker, aus einst drei sind 23 Thesen geworden, und in der Autorenschaft hat es einen Wechsel gegeben. Anstelle von Dr. Matthias Gruhl, Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen in Hamburg und Bremen, hat Professor Dr. Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, am Thesenpapier mitgewirkt. Püschel ist jener Pathologe, der die Diskussion um Corona als (Nicht-)Todesursache in Gang brachte.

Worum geht es? »Die Pandemie SARS-CoV-2/Covid-19 hat sich in den letzten Wochen dynamisch weiterentwickelt, sodass es angezeigt erschien, eine Version 2 des erstmals am 5.4.2020 veröffentlichten Thesenpapiers auszuarbeiten«, schreiben die Autoren. Unverändert sei die Dreiteilung in Epidemiologie, Prävention und gesellschaftspolitische Implikationen. Allerdings habe insbesondere die Problematisierung der sozialen und politischen Konsequenzen zahlreiche positive Reaktionen hervorgerufen, »sodass wir uns in der grundsätzlichen Haltung bestärkt fühlen, dass adäquate Lösungen der derzeitigen Krise nur durch eine möglichst breit aufgestellte Argumentation erreicht werden können«.

Corona-Lage weder beschönigen noch dramatisieren

Wichtig sei auch die Art der Kommunikation. Demnach sei in der gegenwärtigen Situation »ein sachlicher und gelassener Austausch von Argumenten geboten, der nichts beschönigt, aber auch nichts unnötig dramatisiert«. Alle Beteiligten müssten darauf hinwirken, geschlossene Argumentationsketten zu vermeiden, die anders lautenden Nachrichten keinen Raum mehr geben können.

Laut den Autoren bestehen nach wie vor Probleme, was die Zahlen angeht. Vor allem fehlten »energisch vorangetriebene Kohorten- und Clusterstudien, die Daten zur Prävalenz von SARS-CoV-2/Covid-19 in einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe und in Hochrisikogebieten (…) verfügbar machen, zunehmend auch begleitet von Antikörperbestimmungen (Seroprävalenz)«. Da es sich bei der Durchführung der Tests aktuell um ein anlassbezogenes Vorgehen handle, sei bei den täglich gemeldeten Fallzahlen nicht abzulesen, ob es sich dabei um tatsächlich neu aufgetretene Fälle oder um den Effekt der Ausweitung der Stichprobe handle.

Ein Fortschritt wäre der Bezug auf die Zahl der täglich durchgeführten Tests. »Der Anteil der positiven Testergebnisse fällt wohl ab, aber die Zahlenangaben sind widersprüchlich und verwirrend.« Um die Sachlage zu beurteilen, sei insbesondere die Zahl der asymptomatisch Infizierten notwendig, weil sie »als Kennzahl der Krankheitslast und als Treiber der Epidemie eine besondere Rolle spielen«. Irreführend sei hingegen der Bericht über die Genesenen, weil die Zahl der Erkrankten nicht bekannt sei. Die Öffentlichkeit müsse zudem hinsichtlich der Sterbefälle besser informiert werden, heißt es weiter.

Für die allgemeine Teststrategie sind laut den Autoren zwei Ansätze zu unterscheiden: zum einen die repräsentative Stichprobe, zum anderen die Nachverfolgung der Infektionswege. Die repräsentative Stichprobe sei zwar der Standard, um eine epidemiologische Situation zu beurteilen. Sie werde in Deutschland allerdings immer noch zu wenig vorangetrieben, wenngleich erste Ansätze erkennbar seien.

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