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Nationale Diabetes-Strategie

Druck auf Union steigt

Weniger Zucker und verschärfte Auflagen für Werbung für Kinder-Lebensmittel – das will die SPD um jeden Preis in die Nationale Diabetes-Strategie drücken. Doch der Koalitionspartner spielt da nicht mit. Fachgesellschaften und Verbraucherschützer erhöhen jetzt den Druck auf die Union.
Christina Müller
23.01.2020
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Die Nationale Diabetes-Strategie droht offenbar zu scheitern. Der Grund: Die Ernährungspolitiker der Union blockieren die Anstrengungen der SPD, die Regeln für die Vermarktung von Kinderlebensmitteln zu verschärfen und den Zuckergehalt zu begrenzen. Die Gesundheitspolitiker der Sozialdemokraten wiederum lehnen es ab, die Strategie ohne einen Ernährungsteil auf den Weg zu bringen. »Wir brauchen eine wirksame Diabetesstrategie«, schrieb die SPD-Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas heute via Twitter. »Dafür braucht es zwingend strikte Regeln zur Ernährung. Eine Beschränkung des Zuckergehalts in Süßgetränken und der Werbung für Kinderlebensmittel sind unverzichtbar.«

Fachgesellschaften und Verbraucherschützer machen der Großen Koalition jetzt Dampf. In einer gemeinsamen Mitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und von diabetesDE – Deutschen Diabetes-Hilfe warnt der Arzt und Vorstandsvorsitzende der Diabetes-Hilfe Jens Kröger die Regierung davor, ihre Glaubwürdigkeit zu verspielen. Immerhin sei die Nationale Diabetes-Strategie im Koalitionsvertrag von 2018 verankert. »Es ist unverantwortlich, dass anscheinend einseitige Interessen der Lebensmittelindustrie einen größeren Stellenwert haben als dringend notwendige Strukturveränderungen in der Diabetesversorgung und -prävention und dadurch das gesamte Vorhaben zu kippen droht«, kritisiert der Mediziner.

Auch DDG-Präsidentin Professor Monika Kellerer mahnt zur Eile. »Es ist seit Jahren bekannt, dass die Prävention, Früherkennung, Erforschung und Versorgung der Volkskrankheit Diabetes politisch konsequent angegangen werden muss und keinen Aufschub mehr duldet.« Eine Pflicht zur Zuckerreduktion sowie ein Werbeverbot für zuckerhaltige Lebensmittel für Kinder halten die Experten für essenziell, um die beständig steigende Zahl der Erkrankungen in Deutschland einzudämmen.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fordert die Regierung ebenfalls zum Handeln auf. Laut einer Umfrage befürworten dem Verband zufolge 83 Prozent der Teilnehmer Obergrenzen bei Zucker, Fett und Salz, wenn Lebensmittel speziell für Kinder vermarktet werden. Im Dezember hatte das Meinungsforschungsinstitut KantarEmnid im Auftrag des vzbv mehr als 1.000 Menschen ab 14 Jahren zu diesem Thema interviewt.

»Wenn Produkte nicht den Anforderungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entsprechen, dürfen sich Werbung und Aufmachung nicht speziell an Kinder richten«, verlangt vzbv-Vorstand Klaus Müller. Die WHO spricht sich etwa dafür aus, dass nur Lebensmittel mit bestimmten Nährwertkriterien an Kinder beworben werden dürfen. Joghurts sollen demnach nicht mehr als 10 g Zucker pro 100 g enthalten. Für Frühstückscerealien gilt ein Grenzwert von maximal 15 g Zucker pro 100 g.

 

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