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Medikamenten-Plattform

Doc Morris will sich mit Vor-Ort-Apotheken verbünden

Doc Morris will nach eigenen Angaben die Arzneimittelversorgung revolutionieren. Dazu reicht der niederländische Versandhändler nun den Offizinen die Hand zur Versöhnung. Im Rahmen seiner geplanten Medikamenten-Plattform will er mit ihnen kooperieren und sogar auf Rx-Boni verzichten, wie das »Handelsblatt« berichtet. Skeptiker trauen dem Frieden nicht.
Jennifer Evans
24.02.2020  16:22 Uhr

Eigentlich steht Doc Morris immer auf Konfrontationskurs mit den Vor-Ort-Apotheken. Hauptstreitpunkt: Rabatte auf verschreibungspflichtige Medikamente. Diese sind hierzulande wegen der Preisbindung verboten, bei Arzneimittelsendungen aus dem europäischen Ausland nach Deutschland aber erlaubt. Die Konflikte mit den Apothekern seien in den vergangenen Jahren der Marktsituation geschuldet gewesen und man habe dabei auch Fehler gemacht, gibt Doc-Morris-Chef Olaf Heinrich im Interview mit dem »Handelsblatt« zu. Jetzt hat sich der Wind offenbar gedreht: Mit der geplanten neuen digitalen Medikamenten-Plattform strebt der niederländische Versender nämlich »eine partnerschaftliche Zusammenarbeit« mit den stationären Apotheken an. Heinrichs Angebot: »Beim E-Rezept, welches über den Marktplatz kommt, verzichten wir auf den Bonus auf verschreibungspflichtige Arzneimittel.« In seinen Augen ist das Konzept für die Offizinen auch hinsichtlich der Reichweite attraktiv. Demnach erreicht Doc Morris sechs Millionen Kunden in Deutschland und verfügt darüber hinaus über eine Markenbekanntheit von 62 Prozent. Zudem erwartet Heinrich, dass »der Umsatz mit elektronischen Rezepten auf unserer Plattform zu 90 Prozent über die stationären Apotheken laufen wird und nur zu zehn Prozent über unseren Versandhandel«.

Nach der Vorstellung von Doc Morris sollen Kunden sich künftig über die neue Plattform ihre Medikamente bestellen und dann bei einer Apotheke vor Ort abholen beziehungsweise per Botendienst liefern lassen können. Ein Rx-Bonus soll lediglich weiterhin für Bestandskunden gelten, die ihr Papierrezept bei der klassischen Doc Morris-Versandapotheke einreichen. Denn der Doc-Morris-Chef geht ohnehin davon aus, dass die Boni-Diskussion sich in drei oder vier Jahren erübrigt haben wird.

Der Patient entscheidet

Der Versender und die Apotheken kämen durch ihr gemeinsames Know-how außerdem »schneller voran als jeder allein«, hebt Heinrich gegenüber dem »Handelsblatt« einen weiteren Pluspunkt einer möglichen Kooperation hervor. »Wer vor Ort beraten werden möchte, kann natürlich zukünftig in eine stationäre Apotheke des Marktplatzes gehen – der Patient entscheidet.« Einen zusätzlichen Vorteil  für die Vor-Ort-Apotheker sieht er darin, dass eine Offizin dank des weitergeleiteten E-Rezepts schon weiß, welcher Patient kommt und so mehr Zeit für die Beratung bleibt. Der neue Marktplatz soll nach Angaben von Doc Morris bereits 2020 eine erste Lösung für das E-Rezept liefern, noch bevor die elektronische Verordnung ab 2021 gesetzlich eingeführt wird.

Die Konkurrenz zeigt sich besorgt: So befürchtet etwa die Initiative Pro Apotheke vor Ort (Pro AvO), der niederländische Versender könnte auf seiner Plattform künftig Patienten zum eigenen Vorteil steuern, beispielsweise bei markenstarken OTC-Präparaten. Auch die Motivation des börsennotierten Anbieters steht in der Kritik, sich nicht am Patienten, sondern verstärkt an wirtschaftlichen Interessen zu orientieren. Gegenüber dem »Handelsblatt« verspricht Doc Morris jedoch, trotz gewisser wirtschaftlicher Ziele, die Kunden künftig nicht steuern zu wollen.

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