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Geriatrie

Diese Arzneimittel sollten Senioren meiden

Arzneimittel können bei alten Menschen bestimmte Krankheiten verstärken oder gar auslösen. Manche Arzneistoffgruppen sollten daher bei Senioren zurückhaltend eingesetzt werden.
Helan Omar
18.11.2021  07:00 Uhr

Eine Krankheit, bei der Betroffene bestimmte Medikamente meiden sollten, ist Parkinson. Sie ist auf einen Untergang dopaminerger Neurone zurückzuführen. Vor diesem Hintergrund sind die meisten Antipsychotika bei Morbus Parkinson kontraindiziert. Der Grund: Eine zusätzliche Blockade von Dopamin-Rezeptoren wirkt sich ungünstig auf den Krankheitsverlauf aus.

Antipsychotika bewirken extrapyramidal-motorische Nebenwirkungen wie Dyskinesien, die verzögert auftreten und zum Teil irreversibel sein können. Eine Ausnahme in dieser Arzneimittelgruppe ist das atypische Antipsychotikum Clozapin, das aufgrund einer schwachen D2-Rezeptoraffinität keine extrapyramidal-motorischen Störungen herbeiführt. Bei Psychosen im Rahmen von Morbus Parkinson ist dieses Arzneimittel daher Mittel der ersten Wahl.

Eine weitere Erkrankung des höheren Lebensalters ist Morbus Alzheimer, die häufigste Form der Demenz. Wie Morbus Parkinson gehört diese Krankheit zu den degenerativen Erkrankungen, weshalb die Hirnatrophie ein gemeinsames Merkmal aller Alzheimer-Patienten ist. Die Ätiologie des Neuronen-Untergangs ist bis heute ungeklärt. Unter den unterschiedlichen Hypothesen dominiert die Annahme einer Neurodegeneration infolge von toxischen Proteinablagerungen. Da Letztere aber auch eine Folge der Neurodegeneration sein können, ist auch diese Theorie umstritten.

Bei der Alzheimer-Demenz gehen cholinerge Nervenzellen zugrunde. Anticholinerg wirkende Medikamente können demzufolge das Demenzrisiko erhöhen. Die Gruppe anticholinerg wirkender Medikamente ist groß: Sie reicht von Antipsychotika und trizyklischen Antidepressiva über Mydriatika wie Atropin und Scopolamin bis hin zu H1-Antihistaminika. Vor allem Letztere sollten daher von älteren Menschen gemieden werden, auch wenn sie unter Schlafstörungen leiden.

NSAR-induzierte Ulzera

Die Magenschleimhaut im höheren Alter ist dadurch gekennzeichnet, dass sie schlechter durchblutet ist und ihre Schutzfunktion abnimmt. Durch die Einnahme von nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) nimmt die schützende Funktion der Magenschleimhaut weiter ab: Infolge der COX-1-Hemmung werden weniger Prostaglandine gebildet, die eine Verringerung der Magensäure-Produktion sowie eine verstärkte Bildung von Magenschleim bewirken. Durch das Fehlen der schützenden Faktoren erhöht sich im Rahmen einer NSAR-Therapie das Risiko für Erosionen und Ulzera der Schleimhäute im Bereich des Magens und des Duodenums.

Eine kurz andauernde NSAR-Therapie – also maximal sieben Tage – ist beim Gesunden in der Regel unproblematisch. Erst bei längerfristiger Therapie und höheren Dosierung steigt das Risiko von ulzerierenden Gewebedefekten im oberen Teil des Gastrointestinaltrakts. Vor allem eine Polymedikation mit Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmern und Bisphosphonaten ist ungünstig. Die nicht selten gewählte Kombination von NSAR und Glucocorticoiden kann das Ulkusrisiko um bis zu 15-fach erhöhen. Ein Wechsel auf selektive COX-2-Hemmer ist nicht immer zielführend: Das kardiovaskuläre Risiko steigt, Gastropathien sind zwar seltener, aber nicht ausgeschlossen.

Sekundärer Diabetes

Corticoide sollten gleich bei zwei häufig im Alter vorkommenden Erkrankungen mit Vorsicht eingesetzt werden: Diabetes und Osteoporose. Bei Osteoporose handelt es sich um eine systemische Skeletterkrankung, die unter anderem durch die Estrogenabnahme in den Wechseljahren begünstigt wird. Die Erkrankung ist durch eine reduzierte Knochenmasse und eine Verschlechterung der Mikroarchitektur definiert, aus der ein erhöhtes Frakturrisiko resultiert.

Eine iatrogene Osteoporose entsteht durch eine längere Therapie mit Glucocorticoiden. Eine verminderte Vitamin-D-Produktion, begleitet von einer verringerten Calciumresorption aus dem Darm und eine gesteigerte Ausscheidung über die Nieren, mündet in eine Hypocalciämie. Zusätzlich kommt es zur direkten Hemmung der Osteoblasten-Aktivität, wodurch die Produktion der Knochengrundsubstanz signifikant verhindert wird. Bei einer Glucocorticoid-Therapie für länger als drei Monate besteht daher stets die Notwendigkeit einer Osteoporose-Prophylaxe mit Vitamin D und Calcium.

Diabetes ist eine Stoffwechselerkrankung, die durch erhöhte Blutzuckerspiegel charakterisiert ist. Auch hier ist eine Dauermedikation mit Glucocorticoiden kritisch zu betrachten, denn sie wirken über eine Steigerung der Gluconeogenese und vermehrte Glucosefreisetzung diabetogen. Dies gilt jedoch nur für die Langzeittherapie, im Rahmen einer kurzzeitigen Therapie sind relevante Nebenwirkungen auch bei hohen Dosierungen nicht zu erwarten.

Erhöhte Sturzgefahr

Stürze im Alter können zu schwerwiegenden Verletzungen führen. Besonders gefürchtet sind dabei Oberschenkelhalsfrakturen. Sie führen zu starken Schmerzen, einer eingeschränkten Immobilität und haben eine Letalitätsrate von bis zu 25 Prozent. Diese folgenschweren Stürze werden durch verschiedene Wirkstoffe begünstigt, darunter Benzodiazepine, Antihypertensiva und Diuretika.

Die Wirkung von Benzodiazepinen basiert auf der allosterischen Modulation am GABAA-Rezeptor. Dadurch nimmt die Öffnungswahrscheinlichkeit des Chlorid-Kanals zu, es kommt zur Hyperpolarisation und die Erregbarkeit sinkt. Dadurch wirken Benzodiazepine anxiolytisch und antikonvulsiv, aber auch sedierend, hypnotisch und muskelrelaxierend. In der Folge steigt die Sturzgefahr. Auch Antihypertensiva und Diuretika können Stürze infolge einer orthostatischen Dysregulation begünstigen. Zu den Symptomen gehören Schwindel und eine Abnahme der Sehfunktion.

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