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Verwirrung um den R-Wert

Die Reproduktionszahl hat ihre Tücken

In Corona-Zeiten lernen Laien Fachvokabular. Inzwischen geht vielen das Wort Reproduktionszahl leicht von den Lippen. Doch die Berechnung ist komplex – und es gibt nicht nur eine. Und dann und wann wird auch noch an der Datenbasis geschraubt.
dpa
02.05.2020
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Da hatten wir uns endlich an R gewöhnt als ein Maß der Dinge. Als einen Wert, dessen Sinken eine ganze Republik ersehnt. Neben der Zahl erfasster Neuinfektionen, der Sterberate und der Verdopplungszeit stand zuletzt die sogenannte Reproduktionszahl R im Fokus, wenn es um Fragen ging wie: Bringen die Gegenmaßnahmen was? Können wir lockern? Doch es wird deutlich: R ist nicht gleich R.

Grundsätzlich ist die Reproduktionszahl R einer der zentralen Werte zur Beurteilung des Verlaufs einer Infektionswelle. Sie gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter in einem bestimmten Zeitraum im Durchschnitt ansteckt. Je niedriger R ist, desto besser. Liegt R unter 1, steckt ein Infizierter im Schnitt weniger als einen anderen Menschen an und die Epidemie läuft aus. Liegt R über 1, steckt ein Infizierter im Mittel mehr als einen anderen Menschen an – die Zahl der täglichen Neuinfektionen wird größer.

Für die Schätzung von R gibt es Änderungen im Detail, wie gerade erst vom Robert-Koch-Institut (RKI) vorgenommen. Es gibt aber auch völlig unterschiedliche Ansätze zur Berechnung, die zu sehr abweichenden Werten führen können. Aufgefallen war das Anfang der Woche, als CSU-Chef Markus Söder nach einer Parteivorstandssitzung R für Bayern mit 0,57 bezifferte. FDP-Landtagsfraktionschef Martin Hagen forderte unter anderem auf dieser Grundlage eine deutliche Lockerung der Ausgangsbeschränkungen. Doch die Zahl passte nicht so recht zu dem vom RKI genannten bundesweiten Wert von etwa 0,9. Die Ursache: Söders R von 0,57 hat eine ganz andere Grundlage.

Ein Sprecher des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) erläutert dazu auf Anfrage: Nach einem Ansatz des Helmholtz-Zentrums für Infektiologie (HIZ) in Braunschweig und der Ludwig-Maximilians-Universität München werde R infektionsepidemiologisch anhand typischer Krankheitsverläufe modelliert. Das RKI berechne R hingegen statistisch als geschätzten Trend auf Basis unter anderem eines sogenannten Nowcastings, das Diagnose-, Melde- und Übermittlungsverzug berücksichtigen soll. Grundlage dieses Verfahrens sei das in den Meldungen angegebene Erkrankungsdatum – das liegt etwa zwei Wochen früher.

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