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Saison 2020/2021

Die Grippeimpfstoffe im Überblick

Die verfügbaren Impfstoffe für die Influenzasaison 2020/21 haben eins gemeinsam: Sie sind alle tetravalent. Es gibt aber auch Unterschiede, etwa bezüglich der Eignung speziell für Kinder, Schwangere oder für Personen mit Hühnereiweißallergie.
Nicole Schuster
17.09.2020  07:00 Uhr

Gesundheitsexperten sehen mit Spannung auf den Herbst: Die Corona-Pandemie trifft dann auf die Grippesaison. Eine Influenza-Impfung gilt dieses Jahr als besonders wichtig, um Doppel­infektionen zu vermeiden und das ­Gesundheitssystem zu entlasten. Die Hersteller haben sich auf die Saison 2020/2021 vorbereitet. Dazu sagt Professor Dr. Eberhard Hildt, Abteilungs­leiter Virologie im Paul-Ehrlich-Institut (PEI): »In dieser Saison sind verschiedene Influenza-Impfstoffe in Deutschland verfügbar. Mit ihnen kann eine Impfung für alle Personenkreise abgedeckt werden.«

Die allgemeine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) ist dieselbe wie im Vorjahr. Sie gilt für Personen über 60 Jahre sowie für Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel, Bewohner von Alten- oder Pflegeheimen, chronisch Kranke und medizinisches Personal. Ebenso gilt die Empfehlung für Menschen, die viel Kontakt mit anderen haben wie Busfahrer, Erzieher oder Lehrpersonal, sowie für alle, die als mögliche Infek­tionsquelle für Risikopatienten fungieren. Auch Menschen mit direktem Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln legen die Experten der STIKO die Impfung nahe.

Speziell für Kinder und Jugendliche steht ein nasal zu verabreichender Impfstoff zur Verfügung. Der Lebend­impfstoff Fluenz® Tetra 2020/2021 kann ab einem Lebensalter von zwei Jahren bis einschließlich 17 Jahren verwendet werden. Alle anderen Impfstoffe sind Totimpfstoffe und intramuskulär oder subkutan anzuwenden.

Extra hoch dosierte (Efluelda®) oder adjuvantierte Impfstoffe (Fluad® Tetra) für Senioren kommen dieses Jahr nicht auf den deutschen Markt. Zum ersten Mal ist diese Saison aber mit Vaxigrip® Tetra 2020/2021 ein Vakzin ausdrücklich auch für Schwangere zugelassen. Lassen sich Frauen während der Schwangerschaft impfen, schützen sie damit auch ihr Kind. Die gebildeten Anti­körper gehen über die Plazenta auf das Ungeborene über und bieten ihm von der Geburt bis zu einem Alter von sechs Monaten einen passiven Schutz.

Auch für Menschen mit schwerer Hühnereiweißallergie gibt es einen Impfstoff: Die Virenstämme für Flucelvax® Tetra 2020/2021 wurden in Zellkulturen angezüchtet und nicht in Hühnereiern. Bei Menschen mit nur leichter Hühnereiweißallergie gilt aber in der Regel, dass sie sich mit allen Impfstoffen immunisieren lassen können. Alle für die Vermarktung diese Saison zugelassenen Impfstoffe erkennt man an der Jahreszahl als Namenszusatz (Impfstoff XY 2020/2021, siehe Tabelle).

 

Bezeichnung Art des Impfstoffes Herstellung in Applikation Indikationsgruppe
Afluria Tetra 2020/2021 Influenza-Spaltimpfstoff
(Virusimpfstoff, inaktiviert)
Hühnereiern intramuskulär ab 18 Jahre
Flucelvax Tetra 2020/2021 Influenza- Untereinheiten-Impfstoff aus Oberflächenantigen
(Virusimpfstoff, inaktiviert, aus Zellkulturen)
Zellkultur intramuskulär ab 2 Jahre
Fluenz Tetra 2020/2021 Influenza-Impfstoff
(Virusimpfstoff, lebend-attenuiert)
Hühnereiern nasal ab 2 Jahre bis einschließlich 17 Jahre
Influsplit Tetra 2020/2021 Influenza-Spaltimpfstoff
(Virusimpfstoff, inaktiviert)
Hühnereiern intramuskulär ab 6 Monate
Influvac Tetra 2020/2021 Influenza- Untereinheiten-Impfstoff aus Oberflächenantigen
(Virusimpfstoff, inaktiviert)
Hühnereiern intramuskulär oder tief subkutan ab 3 Jahre
Vaxigrip Tetra 2020/2021 Influenza-Spaltimpfstoff
(Virusimpfstoff, inaktiviert)
Hühnereiern intramuskulär oder subkutan ab 6 Monate, auch für Schwangere zugelassen
Xanaflu Tetra 2020/2021 Influenza- Untereinheiten-Impfstoff aus Oberflächenantigen
(Virusimpfstoff, inaktiviert)
Hühnereiern intramuskulär oder tief subkutan ab 3 Jahre
Impfstoffe mit Stammanpassung für die Saison 2020/2021

Versorgung gesichert

Selbst wenn, wie angeregt, Kinder verstärkt geimpft werden, soll die Menge an Impfstoff reichen. Professor Dr. Isabelle Bekeredjian-Ding, Abteilungs­leiterin Mikrobiologie im PEI, erklärt: »Wir erwarten für die kommende Impfstoffsaison circa 26 Millionen Dosen an Grippeimpfstoff für Deutschland. Diese Einschätzung basiert auf den Erfahrungswerten der Vorjahre, Informationen zu geplanten Impfstoffmengen für Deutschland für die kommende Grippe­saison und den Angaben des Bundes­gesundheitsministeriums über zusätzlich bestellte Influenza-Impfstoffdosen. Stand heute ist damit zu rechnen, dass die Grippeimpfstoffe für die Saison 2020/21 ausreichen werden.«

Wie groß der Run auf die Influenza-Impfung tatsächlich sein wird, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Oktober und November gelten als die beste Zeit für die Präventionsmaßnahme, da es nach der Impfung noch 10 bis 14 Tage dauert, bis ein ausreichender Schutz aufgebaut ist. Wie gut die Vakzine dieses Jahr wirkt, wird sich allerdings erst dann zeigen, wenn die Grippewelle uns erreicht hat. Ihre Zusammensetzung haben Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) schon vor Monaten festgelegt und seitdem können sich die Viren verändert haben.

Tetravalent für alle

Anders als in den Jahren zuvor sind diese Saison ausschließlich tetravalente Impfstoffe in Deutschland zugelassen. Sie enthalten die Antigene von vier Influenza-Typen. Bisher waren es überwiegend nur drei (trivalent). Von der zusätzlichen Komponente erhofft man sich eine erhöhte Schutzwirkung.

Die vier Bestandteile der Impfstoffe für diese Saison sind zwei Typ-A-Sub­typen und zwei B-Typen. Dabei bleibt die zweite Influenza-B-Komponente des tetravalenten Impfstoffs des Vorgängerimpfstoffs erhalten, nämlich B/Phuket/3073/2013 aus der B/Yamagata-Linie. Für die andere B-Komponente wurde B/Washington/02/2019 aus der B/Victoria-Linie ausgewählt. Als H3N2-Komponente ist A/Hong Kong/2671/

2019 (H3N2) enthalten. Die H1N1-Komponente unterscheidet sich in den Impfstoffen erstmals, je nachdem ob es sich um einen aus der Kultur auf Hühnereiern gewonnen oder einen zellbasierten Impfstoff handelt. Für Letzteren wird A/Hawaii/70/2019 (H1N1)pdm09 eingesetzt, für die aus Hühnereiern gewonnene Vakzine A/Guangdong-Maonan/SWL1536/2019 (H1N1)pdm09.

Sobald die Zusammensetzung steht, beginnt bei den Herstellern die Arbeit. Das dafür benötigte Saatmaterial erhalten sie über die Referenzlaboratorien der WHO. Die Belieferung direkt über die Referenzlaboratorien soll sicherstellen, dass alle Hersteller mit dem gleichen Ausgangsmaterial arbeiten.

Zellbasiert statt Hühnerei

Bei der klassischen Produktion in Hühnereiern bringen Hersteller zunächst die Saatviren in Hühnereier ein. Die Eier werden bebrütet, wobei sich die Viren vermehren. Nach einigen Tagen gewinnen Laboranten die Viren aus den Eiern, reinigen sie auf und inaktivieren sie. Diese Arbeitsschritte müssen sie für jeden der vier von der WHO empfohlenen Virenstämme getrennt durchführen. Liegen alle einzelnen Bestandteile vor, mischen die Produzenten diese, um die endgültige Impflösung zu erhalten.

Bei der Herstellung in Zellkultur wird in Bioreaktoren mit einigen 1000 Litern Fassungsvermögen gearbeitet. Die größeren Produktionskapazitäten und kürzeren Herstellungszeiten machen es möglich, schnell auf einen gesteigerten Bedarf zu reagieren. Zudem könnte die Wirksamkeit besser sein als bei hühnereibasierten Grippeimpfstoffen.

Hühnereier sind kein natürlicher Wirt für menschliche Grippeviren. Für die Vermehrung muss sich das Virus erst an die Spezies Huhn anpassen, wobei sich die Antigenität des charakteristischen Oberflächenproteins Hämagglutinin leicht verändern könnte. Das wirkt sich möglicherweise auf die Immunantwort des Körpers aus, er stellt dann der Hypothese zufolge Antikörper her, die weniger wirksam sind. Die ungewünschte Eiadaption geschieht nicht, wenn sich die Viren in Säugetierzellen vermehren.

Bevor die hergestellten Impfstoffe an Apotheken ausgeliefert werden dürfen, prüft das PEI diese chargenweise und gibt sie frei. Welche Chargen aktuell freigegeben sind, veröffentlicht das PEI auf seiner Website. Details zur Verträglichkeit liefern die jeweiligen Fach- und Gebrauchsinformationen, auf die das PEI in seiner Liste der zugelassenen Influenza-Impfstoffe verlinkt.

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