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Covid-19-Impfungen für Kinder 

»Die Dringlichkeit ist nicht gegeben«

Die STIKO hat sich gegen generelle Covid-19-Impfungen von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren ausgesprochen. Dazu bestehe derzeit keine Notwendigkeit, betonen Experten. Vielmehr würden damit gefährdeteren Gruppen Impfdosen entzogen.
Christina Hohmann-Jeddi
12.06.2021  14:00 Uhr

Mit Comirnaty® von Biontech/Pfizer ist der erste Covid-19-Impfstoff für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung aber nicht generell, sondern nur vorerkrankten Kindern. Was hinter dieser Entscheidung steckt, erklärten Experten am Freitag bei einer Veranstaltung des »Science Media Center« Deutschland.

»Eine STIKO-Empfehlung ist nicht die Weiterreichung einer Zulassung«, stellte STIKO-Mitglied Professor Dr. Fred Zepp, ehemaliger Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Mainz, klar. Die Kommission entscheide, wie zugelassene Impfstoffe am besten in der Bevölkerung eingesetzt werden können. Dabei stelle sie auf Basis der verfügbaren Daten eine Nutzen-Risiko-Abwägung für das Individuum an und beziehe auch einen möglichen Public-Health-Effekt mit ein.

»Der Individualschutz bei einer Covid-19-Impfung für Kinder und Jugendliche ist gering«, sagte Zepp. »Die Kinderimpfung zu empfehlen, um Dritte zu schützen, also eine fremdnützige Empfehlung, wäre nur gerechtfertigt, wenn man einen markanten Effekt hätte.« So lange die verfügbare Impfstoffmenge aber noch begrenzt sei, würde eine solche Empfehlung Impfstoff von Menschen abziehen, die selbst davon profitierten, was diesen Effekt mindern würde. Solange die gefährdete ältere Population nicht vollständig geimpft sei, sollte man den Impfstoff daher dort einsetzen, sagte Zepp.

Kinderärzte freuen sich über die Zulassung

Professor Dr. Reinhard Berner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden, freute sich über die Zulassung der Corona-Vakzine für Kinder: »Unabhängig von der Frage, ob er generell empfohlen wird, sind wir Kinderärzte froh, einen Impfstoff zu haben, den wir Risikokindern anbieten können.« Als gefährdet gelten Kinder mit zwölf Vorerkrankungen darunter Adipositas, angeborene Herz-Kreislauf-Anomalien, schlecht eingestellter Diabetes und chronische Lungenerkrankungen. Laut einer Berechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland betrifft dies rund eine halbe Million Kinder und Jugendliche. Etwa 11 Prozent aller Personen in der fraglichen Altersgruppe weisen demnach mindestens eines der Risikomerkmale auf.

Diese Kinder benötigen laut STIKO einen Covid-19-Schutz. Für gesunde Kinder reiche die momentane Datenlage zur Sicherheit der Impfstoffe nicht aus, um eine Impfempfehlung auszusprechen, betonte auch Berner. Auch die häufig vorgebrachten Argumente wie ein mögliches Long-Covid-Risiko oder das Risiko für das pädiatrische inflammatorische Multiorgan-Syndrom (PIMS) nach einer Corona-Infektion änderten daran nichts.

Denn zu Long-Covid bei Kindern seien noch viele Fragen offen, so gebe es bislang keine belastbaren Daten zur Häufigkeit. Seine und die Erfahrungen von Kollegen hätten gezeigt, dass es sich um seltene Ereignisse handele. Sein Fazit: Long Covid komme bei Kindern definitiv vor, die Häufigkeit werde in der Öffentlichkeit aber deutlich überschätzt. PIMS wiederum sei eine relevante Erkrankung, die aber ausgesprochen selten auftrete. Bislang seien 350 Fälle an das deutsche Register gemeldet worden, davon etwa 100 in der fraglichen Altersgruppe ab zwölf Jahren. Die Inzidenz liege somit etwa bei 1 zu 5000 bis 1 zu 10.000.

Empfehlung kann angepasst werden

Dass die Datenlage derzeit nicht für eine generelle Impfempfehlung für Kiner ausreiche, liege aber nicht an der Höhe des Risikos, das eine Impfung mit sich bringt, sondern an den fehlenden Daten zur Sicherheit bei Kindern, betonte der STIKO-Vorsitzende Professor Dr. Thomas Mertens. Comirnaty sei zweifelsfrei wirksam bei Kindern, aber die Daten zur Sicherheit seien noch unzureichend. So könnten Impfreaktionen, die seltener als 1 zu 100 aufträten, aufgrund der geringen Probandenzahl nicht entdeckt werden.

Auch Langzeitdaten fehlten noch, so Mertens. Hier helfe auch der Hinweis nicht, dass in den USA oder Großbritannien soundso viele Kinder und Jugendliche bereits geimpft seien. Die alleinige Zahl der Geimpften ergebe keinen Erkenntnisgewinn, sondern die Analyse der Daten dieser Kinder, so Mertens. Sobald neue Daten zur Sicherheit des Covid-19-Impfstoffs vorlägen oder sich die Pandemielage verändere, könne die Empfehlung auch angepasst werden. Das habe aber nichts mit einer »Meinungsänderung« der STIKO zu tun, wie das zum Teil medial transportiert worden sei, sondern mit einer veränderten Datenlage. Die STIKO konferiere wöchentlich, um neue Erkenntnisse auszuwerten.

Die STIKO-Empfehlung sei die einzig richtige Entscheidung, die man zurzeit treffen könne, betonte auch Professor Dr. Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau-Universität in Krems, Österreich. »Die Dringlichkeit, Zwölfjährige jetzt im Juni oder Juli zu impfen, ist einfach nicht gegeben.« Er wünsche sich, dass die Politik die wissenschaftliche Evidenz berücksichtige, bevor sie mit euphorischen Versprechungen vorpresche. Diesem Wunsch werde derzeit aber weder in Deutschland noch in Österreich entsprochen.

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