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Diagnostik

Deutsche Forscher entwickeln Bluttest für Brustkrebs

Noch in diesem Jahr soll erstmals ein zuverlässiger Bluttest zum Erkennen von Brustkrebs auf den Markt kommen. Der Test soll anhand 15 verschiedener Biomarker auch Frühformen identifizieren und zeigen, wie gut eine Therapie anschlägt.
Daniela Hüttemann
21.02.2019
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Entwickelt wurde der »HeiScreen« genannte Bluttest am Universitätsklinikum Heidelberg. Die Markteinführung durch ein Spin-off-Unternehmen der Uniklinik ist noch für dieses Jahr geplant, teilte die Universität jetzt mit. Derzeit durchläuft der Test die CE-Zertifizierung. Er soll es ermöglichen, Brustkrebserkrankungen nicht invasiv zu diagnostizieren.

Der Test erfasst 15 verschiedene Biomarker wie miRNA und Methylierungsmarker im Blut von Frauen mit Brustkrebs. Damit sollen auch kleine Tumoren aufgespürt werden können. Es sind nur wenige Milliliter Blut erforderlich; die Analyse soll von jedem Labor durchgeführt werden können, heißt es in der Pressemitteilung.

»Der Test kann bei Frauen aller Altersgruppen durchgeführt werden; besonders profitieren jüngere Frauen unter 50 Jahren und Frauen mit familiärer Hochrisikosituation für eine Brustkrebserkrankung, bei denen eine Mammografie beispielsweise aufgrund des dichten Brustdrüsengewebes wenig Aussagen liefert oder aufgrund anderer Risikofaktoren herkömmliche bildgebende Verfahren kontraindiziert sind«, teilt die Uniklinik mit. Hier konnte eine Sensitivität von 80 bis 90 Prozent erreicht werden.

Insgesamt liegt die Sensitivität bei 75 Prozent; das heißt bei drei von vier Frauen mit Mammakarzinom wird der Tumor erkannt. Das sei vergleichbar mit der Sensitivität der Mammografie, die bei 78 Prozent liegt, sagte Projektleiter Professor Dr. Christof Sohn, Geschäftsführender Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg, der Zeitung »Bild«. »Das neue blutbasierte Verfahren ist deutlich weniger belastend für Frauen, weil es weder schmerzhaft ist noch mit einer Strahlenbelastung einhergeht«, betonte Projektleiterin Professor Dr. Sarah Schott.

Auch geeignet zur Therapieüberwachung

Der Test wurde in einer noch laufenden Kohortenstudie mit bislang 500 Brustkrebspatientinnen und 400 gesunden Frauen überprüft. Die Studie ist auf eine Teilnehmerzahl von 2.000 ausgelegt und wird als Multicenterstudie fortgeführt. Laut Uniklinik zeigten die Interimsergebnisse eine Sensitivität von 75 Prozent bei den 500 Frauen mit diagnostisch anders nachgewiesenem Mammakarzinom. Bei den Unter-50-Jährigen lag die Sensitivität höher (86 Prozent), bei den Über-50-Jährigen niedriger (60 Prozent). Der Test könnte sich daher vor allem zur Früherkennung bei jüngeren Frauen eignen.

Zudem untersuchen die Forscher, ob der Test auch zur Früherkennung von Eierstockkrebs dienen kann. Hier hätten vorläufige Ergebnisse von rund 200 untersuchten Patientinnen eine Sensitivität von 80 Prozent ergeben. Derzeit gibt es kein routinemäßiges Screening auf Ovarialkarzinome. Sie sind eher selten, werden aber häufig spät entdeckt und weisen daher eine niedrige Fünf-Jahres-Überlebensrate auf. 

Neben der Diagnose soll die neue Liquid Biopsy, wie Diagnoseverfahren durch Körperflüssigkeiten auch genannt werden, auch Hinweise auf Metastasenbildung liefern. Rezidive sollen früher als bislang erkannt werden können. Der Test soll auch für die Langzeitüberwachung von (ehemaligen) Brustkrebspatientinnen geeignet sein.

Zudem könnte die Analyse der Biomarker dabei helfen, zu überprüfen, ob die Patientin auf eine Behandlung anspricht oder die Tumorzellen Resistenzen bilden. Erste Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass das individuelle Ansprechen auf eine Chemotherapie über die Liquid Biopsy überwacht werden und so langfristig personalisiertere Chemotherapiebehandlungen erfolgen könnten.

Die bisherigen Screening-Maßnahmen wie die Mammografie wird der Test in absehbarer Zukunft aber nicht ersetzen. Dazu müsste HeiScreen seine Zuverlässigkeit in Studien mit mehr Probandinnen beweisen und der Gemeinsame Bundesausschuss über eine Änderung des Screenings entscheiden. »Der Test soll ein Frühwarnsystem sein, um Frauen zu weiteren Untersuchungen zu überweisen«, sagte Sohn der Bild-Zeitung. Vorteile des Bluttests seien, dass auch kleine Tumoren unter 5 Millimeter diagnostiziert werden können, die in der Mammografie aufgrund ihrer Größe unentdeckt bleiben. Auch sei die Falsch-Positiven-Rate niedriger als bei der Mammografie.

Die Fachwelt reagierte verhalten auf die Meldung und kritisierte die Art der Vorstellung des Tests. Neben der Pressemitteilung präsentierten die Projektleiter ihn bislang nur beim Fortbildungskongress der Frauenärztlichen Bundesakademie am 21. Februar in Düsseldorf. Die Studienergebnisse sind noch nicht in einem Fachjournal mit Peer-Review-Verfahren veröffentlicht worden. Während die offensichtlich vorab informierte »Bild«-Zeitung von einer »Weltsensation« sprach, sind viele Gynäkologen und Onkologen noch skeptisch, weil ihnen unter anderem Detailangaben zur Sensitivität in verschiedenen Untergruppen von Patientinnen und Brustkrebsarten fehlen. Auch zur Falsch-Positiven-Rate ist noch nichts bekannt. Selbst nach einer wissenschaftlichen Veröffentlichung vielversprechender Daten müsste sich der Brustkrebs-Bluttest noch in der Praxis mit Millionen Frauen beweisen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Erst im Januar hatten US-Forscher einen potenziellen Bluttest vorgestellt, der acht Krebsarten in frühen Stadien erkennen soll, darunter auch Brust- und Eierstockkrebs. Sie hatten ihre Ergebnisse im  renommierten Fachjournal »Science« veröffentlicht. Der Test »CancerSEEK« ist allerdings noch nicht anwendungsreif. An der zuverlässigen Frühdiagnose von Krebs allein durch Biomarker-Bestimmung wird derzeit intensiv geforscht, bislang konnte aber noch keine Liquid Biopsy die derzeit praktizierten Screeningmaßnahmen ersetzen. So ist beispielsweise die Bestimmung des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) zur Früherkennung von Prostatakrebs umstritten, während die PSA-Blutspiegelkontrolle zur Verlaufskontrolle bei Patienten mit dieser Krebsart genutzt wird. Andere Liquid-Biopsy-Verfahren helfen bereits nach der traditionellen Diagnose, den Krebs genauer zu bestimmen und maßgeschneiderte Therapiemöglichkeiten auszuwählen.

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