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Verbesserte Versorgungslage 

Der Sonderfall Tamoxifen

Dank der zahlreichen Importe hat sich die Versorgungslage beim Brustkrebs-Medikament Tamoxifen etwas entspannt. Nach Informationen der PZ dürfte sich die Lage weiter verbessern, weil der Hersteller Hexal in Deutschland mehrere Millionen Tagesdosen in einer außerordentlichen Produktion hergestellt hat. Ein Blick auf die Details zeigt, dass beim Tamoxifen-Engpass viele besondere Umstände zusammenkamen.
Benjamin Rohrer
03.05.2022  18:00 Uhr

Der selektive Estrogenrezeptor-Modulator Tamoxifen ist wichtiger Bestandteil der Therapie des Hormonrezeptor-positiven Mammakarzinoms. Mehr als 100.000 Patientinnen und Patienten sind auf das Präparat angewiesen, weil es nur schwer zu ersetzen ist. Im Januar dieses Jahres wurden dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erste Lieferschwierigkeiten gemeldet. Dann ging alles recht schnell: Am 11. Februar gab der beim BfArM angesiedelte Lieferengpass-Beirat erste Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungslage bekannt. Eine Woche später stellte das Bundesgesundheitsministerium einen offiziellen Versorgungsmangel fest. In der Folge wurden zahlreiche Importe erlaubt, insbesondere aus der Schweiz und dem Vereinigten Königreich.

20 Millionen Tabletten aus zusätzlicher Hexal-Produktion

35 Import-Erlaubnisse hat das BfArM seitdem für Tamoxifen-Tabletten in den Wirkstärken 10 und 20 Milligramm ausgegeben – die Versorgung der Patienten hat sich in den vergangenen Wochen somit wieder verbessert. Und nach Informationen der PZ ist auch die mittelfristige Versorgungssituation mit Tamoxifen gesichert. Denn der Generika-Hersteller Hexal hat am Standort Barleben (Sachsen-Anhalt) seines Tochterunternehmens Salutas im Februar und März insgesamt 20 Millionen zusätzliche Tagesdosen des Brustkrebsmedikaments hergestellt, die ersten Auslieferungen sind laut Hexal bereits erfolgt. Konkret hat die Hexal-Tochter laut einer Sprecherin 20 Millionen Fertigtabletten mit der Wirkstärke 20 Milligramm produziert.

MTX-Produktion wurde verschoben für Tamoxifen

Laut Hexal wurde die Produktionskampagne im Februar außerordentlich aufgenommen. In der Regel produziert der Generika-Hersteller in Barleben demnach stets gegen Ende des Jahres Tamoxifen, auch in diesem Jahr ist im Dezember erneut eine Herstellung geplant, dann auch wieder mit andere Wirkstärken. Für die Tamoxifen-Herstellung hat das Unternehmen sogar die Produktion von MTX-Fertigtabletten verschoben. Auf die Frage der PZ, ob diese Entscheidung dann wiederum in der Methoextrat-Versorgung für Engpässe sorgen werde, antwortete die Sprecherin: »Wir werden hier Lieferengpässe in Kauf nehmen müssen, gehen aber davon aus, dass es zu keinem Versorgungsengpass im Markt kommen wird.«

Tamoxifen-Engpass: Ein europäisches Problem

Die Sonderproduktion von Tamoxifen in Barleben ist  jedoch nicht die einzige Besonderheit beim Lieferengpass des Brustkrebsmittels. Insbesondere fällt auf, dass der Estrogenrezeptor-Modulator nicht wie viele andere Generika in China oder Indien hergestellt wird. Laut einer vom Branchenverband Pro Generika veröffentlichten Studie stammt der Wirkstoff der in Deutschland abgegebenen Fertigarzneimittel zu 95 Prozent aus Europa. Nur etwa 5 Prozent der gesamten Versorgungsmenge kommen aus Indien, in China wird Tamoxifen gar nicht produziert. Und auch die Hexal-Sprecherin bestätigte gegenüber der PZ, dass man Tamoxifen-Filmtabletten bereits seit 1997 am Standort Barleben produziere, allerdings nicht den Wirkstoff selbst, sondern nur die Tamoxifen-haltigen Fertigarzneimittel.

Aristo und Hexal blieben lieferfähig

Hinzu kommt, dass beim Tamoxifen-Lieferengpass offenbar kein typischer Domino-Effekt vorliegt. Zur Erklärung: Größere, gesamt-systematische Engpässe entstehen häufig, weil alle Generika-Firmen Wirkstoffe beim selben Hersteller beziehen. Muss dieser die Produktion einstellen oder einschränken, können die vertreibenden Firmen in der Regel alle nicht mehr ausliefern. Bei Tamoxifen ist das nicht der Fall. Der PZ liegt eine Marktanalyse für das Jahr 2021 vor, die zeigt, dass sowohl Hexal als auch Aristo bis Ende des Jahres dauerhaft lieferfähig waren. Aristo lieferte im Jahr 2021 monatlich stetig zwischen 5000 und 6000 Packungen aus. Hexal weitete seine Verkäufe sogar aus: Während die Novartis-Tochter bis Juni 2021 pro Monat zwischen 16.000 und 17.000 Packungen abgab, waren es im Dezember schon knapp 43.000. Denn: Alle anderen Firmen (unter anderem Heumann, Ratiopharm) stellten ihre Lieferungen an die Großhändler in den Herbstmonaten fast ein. Über die Gründe dazu liegen der PZ derzeit noch keine konkreten Angaben vor.

Klar ist aber: Auch die kontinuierlichen Lieferungen von Hexal und Aristo reichten nicht aus, um die Versorgung der Patientinnen und Patienten zu gewährleisten. Nur die Importe konnten die entstandene Lücke auffüllen. Hexal-Deutschlandchef Peter Stenico fordert daher eine Aussetzung der Rabattverträge. Gegenüber der PZ erklärte er: »Hexal hat in den letzten Monaten alles geleistet, um die Marktversorgung mit Tamoxifen in Deutschland aufrecht zu erhalten. Angenommen unsere Mitbewerber können in den kommenden Monaten nicht wie gewohnt liefern, gehen wir davon aus, dass es zu keinem weiteren Engpass kommen wird. Wichtig ist es jetzt, mit der Politik zusammenzuarbeiten und einen Lösungsansatz zu finden, wie wir einen attraktiven Markt schaffen, sodass wieder vermehrt Anbieter zurückkommen. Konkret heißt das: Die Festbeträge für Tamoxifen müssen angehoben und die Rabattverträge zumindest bis auf Weiteres ausgesetzt werden.«

Pro Generika moniert massiven Preisdruck

Ende April äußerte sich auch Bork Bretthauer, Geschäftsführer des Branchenverbands Pro Generika, auf einer Konferenz der Deutschen Krebsgesellschaft zu den wirtschaftlichen Ursachen des Tamoxifen-Lieferengpasses. Nach der Erfindung  des Wirkstoffes in den USA im Jahr 1970 und dem Wegfall des Patents gab es in den 1990er Jahren Bretthauer zufolge knapp zwei Dutzend Unternehmen, die das Brustkrebsmittel hergestellt hatten. Aufgrund massiven Preisdrucks seien davon heute nur noch vier Generika-Unternehmen übrig. Bretthauer wies darauf hin, dass nun auch Aristo die Produktion eingestellt habe und mit Hexal somit nur noch ein lieferfähiger Hersteller im Markt sei. Die Unternehmen würden aus der Herstellung des Brustkrebsmittels vor allem deswegen aussteigen, weil die Zulieferer ihre Preise erhöhen oder selbst ganz aussteigen und weil die Produktionskosten bei diesem Medikament sehr hoch seien. Auch die Hexal-Sprecherin betonte, dass die Tamoxifen-Herstellung sehr anspruchsvoll sei, in Reinräumen stattfinde. Es gehöre zu den »highly active drugs«, für die man besondere Produktionskapazitäten brauche. Bretthauer bemängelte, dass diese Faktoren sich kaum in dem hierzulande aktuell gezahlten Preis von 8,80 Euro für die dreimonatige Versorgung mit Tamoxifen widerspiegeln würden.

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