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Corona-Lockdown

Depressionen verschlechtern sich – jetzt dagegen angehen

Die Corona-Krise mit all ihren Einschränkungen hat massive Auswirkungen auf Menschen mit Depressionen, wie eine neue Erhebung zeigt. Was sollten Betroffene auch in Hinsicht auf den bevorstehenden Winter jetzt tun?
Daniela Hüttemann
13.11.2020  16:40 Uhr

Mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen. Wie erging es ihnen während des ersten Lockdowns im Frühjahr und danach? Das fragte die Stiftung Deutsche Depressionshilfe gemeinsam mit der Deutsche Bahn Stiftung und stellte die Ergebnisse dieses vierten »Deutschland-Barometers Depression« diese Woche vor. Professor Dr. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe warnte vor massiven Einschränkungen bei der Versorgung der Betroffenen, die sich nun im zweiten Teil-Lockdown und möglicher weiterer Maßnahmen im Winter, einer ohnehin besonders harten Zeit für Depressive, nicht wiederholen dürften.

Insgesamt wurden 5178 Deutsche im Alter von 18 bis 69 Jahren im Juni und Juli befragt, darunter Gesunde und Patienten mit Depression. Dabei stellte sich heraus, dass depressiv Erkrankte zwar nicht mehr Angst hatten, sich mit dem Coronavirus anzustecken als die Allgemeinbevölkerung (43 versus 42 Prozent), doch erlebten sie den ersten Lockdown als deutlich belastender (74 versus 59 Prozent). Patienten in einer depressiven Phase fühlten sich deutlich häufiger einsam und isoliert (73 versus 34 Prozent), hatten keine richtige Tagesstruktur mehr (75 versus 39 Prozent), die Grübeleien nahmen zu (89 versus 41 Prozent), der Schlaf verschlechterte sich (63 versus 26 Prozent), während sich die Zeit im Bett verlängerte (55 versus 35 Prozent) und die Bewegung fehlte (80 versus 62 Prozent).

»Menschen in einer Depression sind hoffnungslos und erschöpft«, erklärte Hegerl. Die häusliche Isolation habe diese Gefühle noch verstärkt. »Eine fehlende Tagesstruktur erhöht das Risiko, dass sich Betroffene grübelnd ins Bett zurückziehen. Lange Bettzeiten können die Depression jedoch weiter verstärken. Ein Teufelskreis beginnt«, so der Psychiater, denn vieles, was den Betroffenen zusätzlich zu Psycho- und Arzneimitteltherapie geraten wird, wie weniger Schlaf, geregelter Tagesablauf, mehr Sport und soziale Kontakte fielen auf einmal weg.

Und nicht nur das: 48 Prozent der Befragten mit Depressionen gaben an, dass Termine beim Facharzt oder Psychotherapeuten ausfielen. Sogar geplante Klinikaufenthalte wurden verschoben. Und selbst nach dem Lockdown fanden bei 36 Prozent manche Sitzungen nicht statt. 13 Prozent der Betroffenen gaben an, aus Angst vor Ansteckung Behandlungstermine abgesagt zu haben.

Selbsthilfegruppen durften sich nicht mehr treffen. Es dauerte eine Weile, bis sich Video- und Telefonsprechstunden etabliert hatten und die Nutzerzahlen von etablierten Online-Programmen gegen Depressionen steigen. »Die, die es genutzt haben, haben diese Angebote zum Großteil positiv empfunden«, berichtete Hegerl. Online-Programme wie IFight Depression seien eine gute Ergänzung, aber kein Ersatz für eine Psychotherapie. 

Experten fürchten Zunahme der Suizidversuche

Angesichts des aktuellen Teil-Lockdowns und möglicher weiterer Einschränkung diesen Winter über warnte Hegerl vor einer längeren und dauerhaften Verschlechterung der Versorgung von depressiv Erkrankten und in der Folge zwar nicht mit mehr Neudiagnosen, wohl aber mit häufigeren, längeren und stärkeren depressiven Episoden bei den bereits Erkrankten. »Menschen mit psychischen Erkrankungen werden derzeit große Opfer abverlangt – hier besteht Diskussionsbedarf zur Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen«, meint Hegerl.

Dabei verwies der Psychiater auch auf einen befürchteten Anstieg der Suizidalität. »Die deutliche Verschlechterung der Versorgung wird sich vermutlich hier auch auswirken«, befürchtet der Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Er rechnet mit mehr Suizidversuchen, die jedoch im Gegensatz zu vollendeten Suiziden nicht offiziell erfasst würden, daher gebe es bislang keine Daten dazu. »Wir müssen verhindern, dass Menschen so verängstigt sind, dass sie keine medizinische Hilfe suchen, das gilt bei Depressionen genauso wie bei Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Krebs.« Die antidepressive Behandlung sei besser als ihr Ruf – »da müssen wir unsere Möglichkeiten weiterhin voll ausnutzen«.

Was Betroffene selbst tun können

Von ihren Erfahrungen im ersten und jetzt auch zweiten Lockdown berichteten auch zwei Betroffene. Eine Patientin lebt bereits seit 15 Jahren mit der Erkrankung. »Es war ein langer Weg, damit umzugehen. Durch die Therapie, meine Arbeit und meine sozialen Kontakte war die Erkrankung bislang handelbar«, so die freiberuflich tätige Patientin. »Sport, Beruf, Freunde, Alltagsstruktur – durch den ersten Lockdown sind plötzlich viele Bausteine weggefallen, da habe ich mich sehr isoliert gefühlt und habe eine Schub bekommen.« Die depressive Episode sei stärker und länger gewesen als sonst. »Ich habe mich so hilflos gefühlt und wusste nicht, wie es weitergehen soll.« Immerhin fanden schnell Video-Therapiestunden mit der vertrauten Therapeutin statt. Ein Online-Programm habe ihr zusätzliche Impulse gegeben.

»Über den Sommer habe ich wieder Struktur in mein Leben geholt und fühlte mich besser«, so die Betroffene. Auf die kommende Zeit sei sie nun besser eingestellt und habe einen Plan: Statt ins Fitnessstudio will sie joggen gehen, statt sich mit Freunden im Restaurant zu treffen einen kleinen Spieleabend zu Hause machen. »Wichtig für mich ist, dass mein Sozialleben stabil bleibt.« Zudem habe sie ihren Nachrichtenkonsum auf einmal am Tag beschränkt. Nicht zuletzt bleiben die Therapiestunden und das ergänzende Online-Programm.

Ähnliche Erfahrungen machte ein anderer Patient, der seit Jahrzehnten an Depressionen leidet und frühverentet ist. »Ich habe meine Kontakte von selbst eingeschränkt, da es mir schlechter ging, aber ich mich niemandem aufdrängen und so zeigen wollte.« Ihm hätte vor allem die Selbsthilfegruppe gefehlt, die sich mittlerweile aber online organisiert hat. Auch er nutzt eine Online-Programm, bei dem er festhält, wie die einzelnen Tage liefen, was ihm gut tat, was schlecht. Zwar falle der Reha-Sport weiter aus, aber er habe sich fest vorgenommen, regelmäßig an die frische Luft zu gehen. 

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