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Postpartale Depression

Den Seelenschmerz zügig behandeln

Viele Frauen kennen den »Baby Blues« nach der Geburt ihres Kindes. Etwa 10 bis 15 Prozent erkranken postpartal an einer Depression. Das hat weitreichende Folgen für Mutter und Kind. Je nach Schwere der Depression sind rasche Psycho- und Pharmakotherapie sowie soziale Unterstützung nötig.
Martina Hahn
Sibylle C. Roll
26.07.2020  08:00 Uhr

Als postpartale psychische Erkrankung bezeichnet man Symptome und psychische Leiden, die nach der Geburt auftreten. Sie werden von solchen unterschieden, die bereits vor der Schwangerschaft bestanden haben. Darauf bezieht sich der Begriff »post partum«, also »nach der Trennung von dem Kind«. Im Wesentlichen lassen sich die postpartalen psychischen Erkrankungen vier Gruppen zuordnen:

  • postpartales Stimmungstief, umgangssprachlich »Baby Blues« oder »Heultage« genannt,
  • postpartale Depression, die auch mit Angst- und Zwangsstörungen einhergehen kann,
  • postpartale Psychose,
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), ausgelöst durch eine als traumatisierend erlebte Geburt.

Der durch den starken Estrogen-Abfall etwa drei bis fünf Tage nach der Geburt einsetzende »Baby Blues« betrifft etwa 25 bis 70 Prozent der Mütter (1). Er dauert wenige Stunden bis maximal eine Woche und kann sich durch Traurigkeit, Ängstlichkeit, Stimmungsschwankungen, Gereiztheit, starke Erschöpfung sowie Konzentrations-, Appetit- und Schlafstörungen äußern. In der Regel klingt das Stimmungstief ohne weitere Behandlung folgenlos innerhalb von Stunden oder Tagen wieder ab. Bleiben die Symptome über einen Zeitraum von mehr als zwei Wochen bestehen, handelt es sich möglicherweise um den Beginn einer postpartalen Depression (Wochenbettdepression). Diese sollte so schnell wie möglich konsequent behandelt werden, damit die Bindung zum Kind nicht gestört wird und die Versorgung des Kindes sichergestellt ist.

Ungefähr 10 bis 15 Prozent der Mütter leiden unter einer postpartalen Depression, die somit die mit Abstand häufigste psychische Erkrankung nach der Geburt darstellt (2). Die meisten Frauen fühlen sich sehr erleichtert, wenn sie erfahren, dass nahezu jede zehnte Mutter bis zu einem Jahr nach der Geburt von einer postpartalen Erkrankung betroffen ist und sie somit nicht alleine sind. Die Hospitalisierungshäufigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen bei Frauen im gebärfähigen Alter ist in den ersten 30 Tagen nach der Entbindung um das 35-Fache (!) erhöht, in den ersten 90 Tagen post partum immer noch um den Faktor 12,7 (2).

Die genauen Ursachen einer postpartalen Depression können individuell ganz verschieden sein. In der Regel führt ein Zusammentreffen unterschiedlicher Faktoren wie hormonelle, körperliche (Schlafmangel, Schmerzen nach der Geburt) sowie psychische Belastungen (Verlust alter Rollen und Bindungen) zum Ausbruch der Erkrankung. Insbesondere der schnelle Abfall der Estrogen-Spiegel wird bei Frauen mit depressiver Prädisposition als Auslöser diskutiert (1). Daneben können auch psychosoziale Faktoren entscheidend sein, zum Beispiel die Veränderung des Selbst- und Körperbilds, Umstellung auf die Rolle als Mutter, Veränderung der partnerschaftlichen Beziehung (Mann – Frau) hin zu einer triadischen Beziehungsstruktur (Mutter – Vater – Kind).

Als Risikofaktoren für eine postpartale Depression werden traumatische Ereignisse in der Kindheit der Frau, Stressbelastung in der Schwangerschaft, sozioökonomische Faktoren, geringe soziale Unterstützung sowie eine geringe Partnerschaftszufriedenheit diskutiert (1). Zudem gibt es einen Zusammenhang zwischen postpartaler Depression und hormoninduzierten Stimmungsauffälligkeiten wie prämenstrueller dysphorischer Störung (PMDS) oder Stimmungsveränderungen unter oralen Kontrazeptiva (3).

Auch genetische Faktoren sind nachgewiesen: Liegt das 5-HTTLPR-Gen des Serotonin-Transporters in der SS-Variante vor, steigt das Risiko für eine Depression bei einem starken Estrogen-Abfall, wie es postpartal der Fall ist (5).

Depressionen in der Vorgeschichte und das Auftreten von Baby Blues in den ersten Tagen nach der Geburt erhöhen ebenfalls das Risiko, an einer postpartalen Depression zu erkranken (4). Bei Frauen, die zuvor an einer Depression gelitten haben, liegt das Risiko für einen Rückfall nach der Geburt bei 30 Prozent, bei Frauen, die bei einer vorherigen Schwangerschaft an einer postpartalen Depression gelitten haben, sogar bei 50 Prozent (6). Es gibt auch eine Korrelation zwischen geringer Oxytocin-Plasmakonzentration im zweiten Trimenon und Verdacht auf eine postpartale Depression zwei Wochen nach der Entbindung (7).

Ein Abbruch der Antidepressiva-Einnahme und Rauchen während der Schwangerschaft stellen ebenso wie die neurologische Erkrankung Epilepsie Risikofaktoren dar (4).

Symptome und langfristige Folgen

Ab einer Symptomdauer von zwei Wochen und bei einem Beginn innerhalb von vier Wochen nach der Entbindung spricht man von einer postpartalen Depression. Die Diagnosekriterien unterscheiden sich nicht von denen anderer Depressionen und sind im ICD-10 auch nicht gesondert spezifiziert (Kasten).

Viele Frauen berichten von einer starken Antriebsschwäche (»Energielosigkeit«), Lustlosigkeit, Gefühlsleere und häufigem Weinen. Auch Konzentrations-, Appetit- und Schlafstörungen sowie Kopfschmerzen, Schwindel, Herz- und andere psychosomatische Beschwerden werden häufig genannt. Zudem kann es zu Ängsten, starker Reizbarkeit, Panikattacken oder Zwangsgedanken (zwanghafte destruktive Vorstellungen und Bilder, zum Beispiel dem Kind etwas anzutun) kommen.

Als besonders belastend empfinden viele Frauen die zwiespältigen Gefühle gegenüber ihrem Kind, die sie sich selbst gar nicht erklären können. Oft haben sie das Gefühl, ihr Kind nicht richtig lieben und seinen Bedürfnissen nicht gerecht werden zu können, und sagen: »Alle freuen sich über das Kind, nur ich nicht.« Sie glauben, eine schlechte Mutter zu sein, und fühlen sich mit ihrer Situation hoffnungslos überfordert. Im Extremfall können die damit verbundenen Schuldgefühle und der Leidensdruck so stark werden, dass die Frauen sogar darüber nachdenken, ihrem Leben ein Ende zu setzen. »Das Kind ist besser dran ohne mich.« Versuchen sie, ihr Kind mitzunehmen, spricht man von einem »erweiterten Suizid«. 89 Prozent der Patientinnen haben Suizidgedanken und 39 Prozent unternehmen einen Suizidversuch.

Depressive Mütter kommunizieren verbal und visuell weniger mit ihren Säuglingen. Bei den Kindern sind Schlaf- und Stillprobleme, Vermeidungsverhalten mit Abwendung des Blicks und des Körpers, verringerte Affektregulation sowie Fütter- und Gedeihstörungen häufiger als bei einer Vergleichsgruppe (8). Je schneller der Mutter geholfen wird, desto besser geht es den Kindern im Alter von einem bis zwei Jahren (9).

Langfristig sind ein unsicherer Bindungsstil und bis in die Pubertät hinein verminderte kognitive, emotionale, verbale und soziale Fähigkeiten bei den Kindern zu beobachten (10). Noch bei 16-Jährigen war das Risiko für eine eigene affektive Erkrankung vierfach erhöht, wenn die Mutter von einer postpartalen Depression betroffen war (11). Eine schnelle Behandlung der Frau kann das Kind vor langfristigen Folgen schützen.

Zur Erkennung von postpartalen Depressionen hat sich insbesondere die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS-Skala) bewährt, die auch auf Deutsch verfügbar ist (12). Die Patientin füllt den Fragebogen aus, und die Summe der Punkte ergibt einen Hinweis auf eine postpartale Depression. Niederschwelliger kann man ein Risiko auch mit zwei Fragen detektieren:

  • Fühlten Sie sich im letzten Monat häufiger niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?
  • Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Werden beide Fragen bejaht, ist eine klinische Erfassung der formalen Diagnosekriterien erforderlich.

Gynäkologen und Geburtshelfer sollten idealerweise jede Frau nach der Entbindung bei den Untersuchungen nach ihrem psychischen Befinden fragen oder zumindest einen Selbst-Screening-Fragebogen (EPDS) aushändigen. Bei Bedarf und Verdacht wird an den Hausarzt oder einen Psychiater verwiesen. Kurzfristigere Termine sind meist in den Institutsambulanzen psychiatrischer Kliniken möglich, die in der Regel auch psychotherapeutische Hilfen vorhalten.

Schwangerenberatungsstellen bieten eine niederschwellige und meist rasche psychosoziale Unterstützung der Frau bis zum dritten Lebensjahr des Kindes an.

Dennoch bleiben postpartale Depressionen bei vielen Frauen unerkannt und unbehandelt, da es kein flächendeckendes Screening nach jeder Geburt gibt. Zu groß sind oft Scham, Schuldgefühle und Angst, als dass Betroffene aktiv Hilfe suchen. Das kann langfristige Folgen haben. Bei Nichtbehandlung ist mit einer Chronifizierung, einem erhöhten Suizidrisiko und beim Säugling mit Bindungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten sowie Störungen in der emotionalen und kognitiven Entwicklung zu rechnen (1). Eine schnelle Behandlung ist unbedingt erforderlich.

Psychotherapie und soziale Hilfen

Neben einer sorgsam ausgewählten Psychopharmakotherapie mit Antidepressiva, meist mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI), haben eine begleitende Psychotherapie und die Entlastung der Mutter durch angemessene Hilfen im sozialen Umfeld einen hohen Stellenwert. Leichtere Formen der postpartalen Depression lassen sich ambulant psychotherapeutisch behandeln.

Um die Mutter-Kind-Beziehung zu verbessern, hat sich eine videogestützte interaktionszentrierte Mutter-Kind-Behandlung nach Downing und Wortmann-Fleischer als besonders hilfreich erwiesen. Hierbei werden mit Einverständnis der Mutter Beziehungsszenen zwischen Mutter und Kind wie Wickeln, Spielen oder Füttern auf Video aufgenommen und später von der Therapeutin gemeinsam mit der Patientin analysiert. Ziel ist, im Verlauf eine problematische Mutter-Kind-Interaktion positiv verändern zu können.

Vor dem gemeinsamen Betrachten des Bildmaterials wählt die Therapeutin Beispielsequenzen positiver und auch problematischer Mutter-Kind-Interaktion aus. Zunächst werden die positiven Sequenzen in Hinblick auf beispielsweise Zugewandtheit betrachtet und analysiert, sodass es den Müttern bei Betrachtung der eher problematischen Szenen häufig selbst auffällt, an welcher Stelle sie ihr Verhalten dem Kind gegenüber anpassen sollten. Wichtig ist ein sehr vorsichtiger, nicht wertender und empathischer Umgang mit den Frauen. Keinesfalls sollten diese für problematisches Verhalten angeklagt werden.

Bei schwereren Verläufen müssen meist zusätzlich Medikamente eingesetzt werden. Da es kein in der Schwangerschaft oder Stillzeit zugelassenes Antidepressivum gibt, führt die Lektüre des Beipackzettels häufig zur Verunsicherung der Schwangeren. Hier kann der Apotheker relativieren und sachlich-fachlich Auskunft geben. Am häufigsten haben Schwangere Angst vor geistigen Fehlentwicklungen des Kindes, die jedoch nur für wenige Wirkstoffe und kein Antidepressivum bekannt sind.

Wichtig ist es daher, die Frauen darüber aufzuklären, dass das Risiko für Störungen in der Organogenese vom Zeitpunkt der Einnahme abhängt. Da Schwangerschaften meist erst in der fünften bis sechsten Woche bekannt werden, ist die Organogenese schon wenige Wochen später (etwa in Woche 8 bis 9) abgeschlossen und das Risiko für Fehlbildungen durch Medikamente sinkt deutlich.

Der Einsatz von Antidepressiva unterliegt immer der individuellen Risiko-Nutzen-Abwägung. Der Schwangeren sollte man daher neben den Risiken der Arzneimitteltherapie auch Risiken bei Nichteinnahme, zum Beispiel Verschlechterung der Depression, Suizid, Verhaltensauffälligkeiten des Kindes oder erhöhtes Risiko des Kindes für psychische Erkrankungen, aufzeigen, damit sie die Entscheidung selbst treffen kann. Antidepressiva zeigen insgesamt ein sehr geringes Fehlbildungsrisiko. SSRI stellen die Antidepressiva der Wahl in der Schwangerschaft und Stillzeit dar.

Bei der postpartalen Depression entfallen die Fehlbildungsrisiken. Das Risiko liegt hier in der direkten Toxizität der Substanzen, wenn diese in den kindlichen Organismus gelangen. Die kindliche Dosis kann errechnet werden (siehe Formel relative Dosis) und ist meist sehr gering.

Die Therapie mit Antidepressiva sollte mit der Anfangsdosis begonnen und im Verlauf schrittweise auf die Standarddosis aufdosiert werden. Die Aufdosierung sollte so schnell wie möglich erfolgen – unter Berücksichtigung der individuellen Verträglichkeit. Eine Wirklatenz von zwei bis vier Wochen ist bei jedem Antidepressivum vorhanden; dies sollte den Patientinnen erläutert werden, um einem vorzeitigen Therapieabbruch entgegenzuwirken.

In den ersten beiden Behandlungswochen ist das Auftreten von Nebenwirkungen am wahrscheinlichsten. Die meisten gehen jedoch im Verlauf von wenigen Wochen zurück, bis dann die Wirkung einsetzt. Unter SSRI treten in den ersten Tagen beispielsweise manchmal Kopfschmerzen, Übelkeit, Tremor und vermehrtes Schwitzen auf.

Die antidepressive Therapie dauert für gewöhnlich sechs bis zwölf Monate. Ein Absetzen sollte schrittweise unter ärztlichen Kontrollen erfolgen.

Unter den SSRI zeigen Sertralin, Paroxetin und Fluvoxamin nicht nachweisbare, Escitalopram und Citalopram geringfügige und Fluoxetin die höchsten Konzentrationen (bis in den therapeutischen Bereich) im kindlichen Plasma, wenn die Mutter stillt (13).

Experimentelle Ansätze gibt es für Estrogen, Progesteron und synthetisches Oxytocin. Eine kleine Studie zur transdermalen Estrogen-Therapie bei Frauen mit schwerer postpartaler Depression zeigte einen stärkeren Rückgang der Depressionswerte als unter Placebo. Aufgrund der schwachen singulären Evidenz und unter Berücksichtigung Estrogen-assoziierter Risiken sprechen jedoch weder das britische NICE (National Institute for Health and Care Excellence) noch die deutsche S3-Leitlinie »Unipolare Depression« eine positive Empfehlung zur Estrogen-Therapie aus.

Da die systemische Gabe von Progesteron in einer Studie mit Verschlechterung der Depressivität und allgemeiner Erschöpfung assoziiert war, wird auch davon derzeit abgeraten.

Dies gilt ebenfalls für Oxytocin: Zwar ist ein niedriger Oxytocin-Spiegel vor der Entbindung ein Risikofaktor, allerdings erhöhte die prophylaktische Gabe eines synthetischen Hormons das Risiko für eine Depression oder Angsterkrankung nach der Entbindung um 32 Prozent (14).

Generell sollte eine anhaltende Trennung von Mutter und Kind vermieden werden. Einige psychiatrische Kliniken bieten für notwendige stationäre Aufenthalte spezielle Mutter-Kind-Einheiten. Allerdings ist der Bedarf in Deutschland wohl nur zu einem Fünftel gedeckt (15). Es gibt auch stationäre sechswöchige Therapieprogramme für die Behandlung der Mütter und ihrer Kinder bis zum zweiten Lebensjahr (16).

Im März 2019 hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA Brexanolon (Zulresso™, SAGE Therapeutics) zur Behandlung der postpartalen Depression zugelassen. Dies ist die synthetische Form des neuroaktiven Steroids Allopregnanolon, ein Metabolit des Hormons Progesteron. Brexanolon ist ein positiver allosterischer Modulator synaptischer und extrasynaptischer GABAA-Rezeptoren, der die Aktivität der Rezeptoren in einem unterschiedlichen Ausmaß verändert. In zwei Phase-III-Studien wurde 2017 eine signifikante Wirksamkeit auf Angst und Depression beim Menschen gegenüber Placebo belegt (18).

Im Verlauf einer Schwangerschaft steigen die Konzentrationen von Progesteron und in der Folge Allopregnanolon stetig an und erreichen im dritten Trimenon die höchsten Werte, um dann bei Geburt abrupt abzufallen. Dieser Prozess scheint für die Entstehung postpartaler Depressionen kausal zu sein. Hier könnte Brexanolon seine Wirkung entfalten. Es wird über 60 Stunden als Dauerinfusion appliziert. Die Frauen dürfen die Infusion aufgrund einer stark sedierenden Wirkung nur in bestimmten Zentren erhalten. In Deutschland ist Brexanolon noch nicht zugelassen.

In der Schwangerschaft und nach der Geburt sind pharmakokinetische Veränderungen zu beachten, die eine Pharmakotherapie erheblich beeinflussen können. In der Schwangerschaft nimmt die gastrointestinale Motilität ab. Dies gilt auch für die Plasmaproteine, während Plasmavolumen, Körperflüssigkeit und Fettmasse zunehmen.

Auch die CYP-Aktivität verändert sich im Verlauf der Schwangerschaft stark. CYP3A4, CYP2D6 und CYP2C9 sowie UGT-Enzyme 1A4 und 2B7 sind in ihrer Aktivität erhöht (17). Beispielsweise steigt die Lamotrigin-Clearance vom ersten bis zum dritten Trimenon um 300 Prozent; die Dosis muss also im Lauf der Schwangerschaft stark erhöht und nach der Entbindung wieder stark reduziert werden. Die Aktivität der Isoenzyme CYP1A2 und 2C19 hingegen lässt in der Schwangerschaft nach.

Die Rückbildung der Veränderungen beginnt bereits 24 Stunden nach der Entbindung. Daher muss die Dosierung vieler Medikamente, die in der Schwangerschaft angesetzt oder dosisadaptiert wurden, postpartal erneut angepasst werden, um Wirkungsverlusten oder Intoxikationen vorzubeugen. Idealerweise kann therapeutisches Drug Monitoring (TDM) dazu eingesetzt werden, eine neue Erhaltungsdosis festzulegen. Ein TDM sollte in Abhängigkeit von der Halbwertszeit und des sich nach fünf Halbwertszeiten neu einstellenden Steady-States wenige Tage postpartum stattfinden.

Psychopharmaka in der Stillzeit: Exposition des Kindes

Für den Einsatz von Psychopharmaka in der Stillzeit gilt, dass das Kind auf jeden Fall auf mögliche Nebenwirkungen hin beobachtet werden sollte. Aktuelle Informationen und Einschätzungen finden Apotheker und Ärzte auf Embryotox.

Arzneistoffe können über zwei Mechanismen in die Muttermilch gelangen:

  • Einschleusen über wassergefüllte Poren im Drüsenepithel, vor allem bei kleinen hydrophilen Substanzen,
  • passive Diffusion für größere und/oder lipophile Substanzen.

Besonders rasch treten Arzneistoffe mit folgenden Charakteristika in die Muttermilch über: geringe Molekularmasse (kleiner 200 Da), gute Fettlöslichkeit (lipophile Wirkstoffe), nicht-ionisierte (ungeladene) Wirkstoffe, alkalische Stoffe und solche, die nur zu einem geringen Anteil proteingebunden vorliegen. Eine Kumulationsgefahr und damit Toxizität für das Neugeborene ergeben sich für

  • alkalische Substanzen wegen des tieferen pH-Werts der Milch im Vergleich zum Plasma, zum Beispiel Morphin, Codein, Promethazin;
  • lipophile Substanzen (Fettgehalt der Milch: 3 bis 5 Prozent), zum Beispiel Diazepam, Barbiturate, Itraconazol;
  • Arzneistoffe mit langer Halbwertszeit, zum Beispiel Diazepam, Aripiprazol, Fluoxetin;
  • bei unreifer Leber- und Nierenfunktion des Säuglings (cave: Frühgeborene).

Welcher Arzneistoffmenge das Kind ausgesetzt ist, hängt von der Zusammensetzung der Muttermilch (pH-Wert, Fettgehalt), dem Stillintervall und der Trinkmenge sowie aufseiten des Säuglings von der Resorption des Arzneistoffs im kindlichen Darm, der Verteilung des Arzneimittels im Körper, der Reife des kindlichen Verdauungsapparates und dem Metabolismus sowie der Reife der kindlichen Nieren für die Elimination ab (Kasten und Tabelle). Das Risiko für unerwünschte Wirkungen ist bei Frühgeborenen daher deutlich größer und Stillen wird eher nicht empfohlen, wenn die Mutter Psychopharmaka einnimmt.

Der Milch/Plasma-Quotient (M/P-Quotient) entspricht dem Verhältnis der Konzentration Medikament in der Milch zur Konzentration Medikament im mütterlichen Plasma. Er liefert Informationen darüber, wie sich der Arzneistoff in der Muttermilch gegenüber dem mütterlichen Plasma anreichert oder verdünnt.

Wirkstoff (alphabetisch) Halbwertszeit (in Stunden, wenn nicht anders angegeben) Relative Dosis (RID in Prozent) M/P-Quotient
Amitriptylin 10 bis 28, aktiver Metabolit Nortriptylin 30 1 bis 2,5 1 bis 3,7
Bupropion 9 bis 25, aktive Metaboliten bis 37 0,14 bis 10,6 0,72 bis 8,58, für die aktiven Metaboliten 0,09 bis 1,57
Citalopram 36 3 bis 5 1,16 bis 3,0
Clomipramin 16 bis 60, aktiver Metabolit 36 1,8 bis 4,3 0,4 bis 1,6
Doxepin 15 bis 20, aktive Metaboliten 80 0,3 bis 2,5 1,2
Duloxetin 8 bis 17 < 1 0,27 bis 1,3
Escitalopram 30 5,2 2,2
Fluoxetin 1,7 Tage, Metabolit bis 19 Tage 6,5 0,25
Fluvoxamin 17 bis 22 0,5 bis 1,6 0,3
Mirtazapin 20 bis 40 1,5 0,76
Nortriptylin 27 1 bis 3 < 1 bis 3,7
Opipramol 11 0,3 0,1
Paroxetin 24 0,5 bis 2 0,2
Sertralin 26 2 0,89
Trimipramin 24 ? ?
Venlafaxin (und aktive Metaboliten) 5, aktive Metaboliten 11 3,2 bis 13,3 1,8 bis 4,5
Tabelle: Parameter zur Abschätzung der kindlichen Exposition mit Antidepressiva in der Stillzeit (Embryotox, Stand 20. März 2020)

Zur Risikobeurteilung eines Medikaments ist allerdings die relative Dosis besser geeignet. Diese ist der Anteil an der gewichtsbezogenen Tagesdosis der Mutter, den ein vollgestillter Säugling pro Kilogramm Körpergewicht in 24 Stunden mit der Milch erhält (Formel siehe Kasten).

Zur weiteren Risikoabschätzung ist zudem die Halbwertszeit wichtig: Dies ist die Zeitspanne, in der die Konzentration eines Arzneistoffs im Organismus beziehungsweise Blut auf die Hälfte absinkt. Eine komplette »Dekontamination« der Milch durch Abpumpen und Verwerfen ist nicht möglich. Da das Anfluten in der Milch nicht gut abschätzbar ist, hat auch der Einnahme-Still-Abstand keinen Effekt auf die Arzneimittelexposition des Kindes.

Instrumente zur Risikoabschätzung sind also die Anreicherung in der Milch (M/P-Quotient) und die Exposition des Kindes (relative Dosis) (Kasten). Diese beiden Größen ergeben Informationen über die erwartete Konzentration im kindlichen Organismus.

Dazu ein Beispiel: Bei gegebener Trinkmenge eines Säuglings (150 ml/kg Körpergewicht) wird insgesamt wenig Gesamtmenge eines Arzneistoffs über die Muttermilch aufgenommen. Wenn die Konzentration eines Arzneistoffs 10 ng/ml in der Muttermilch beträgt und ein zehn Wochen alter Säugling (5 kg) im Mittel 750 ml trinkt, so liegt die AID bei 0,0075 mg.

Es gibt derzeit keine validen Informationen über den Abbau von Arzneistoffen im kindlichen Organismus. Relevant für den Metabolismus bei der Mutter ist die Halbwertszeit. Ein therapeutisches Drug Monitoring beim Kind ist geeignet, um die Konzentration des Arzneistoffs im Plasma des Kindes zu bestimmen.

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