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RKI-Bericht und Drosten

Delta-Variante wird im Juli schon dominieren

Die problematische Delta-Variante des Coronavirus breitet sich in Deutschland schnell aus. Diese Entwicklung ist ernst zu nehmen, so Professor Dr. Christian Drosten. Es müsse weiter so viel geimpft werden wie möglich.
Annette Rößler
24.06.2021  12:02 Uhr

Wie mittlerweile jeden Mittwoch veröffentlichte das Robert-Koch-Institut (RKI) gestern seinen aktuellen Bericht über die Häufigkeit der Varianten des Coronavirus in Deutschland. Unter Beobachtung stehen dabei insbesondere die Alpha-Variante (B.1.1.7), die erstmals in England nachgewiesen wurde und mittlerweile in Deutschland das Infektionsgeschehen dominiert, sowie die Varianten Beta (B.1.351, aus Südafrika), Gamma (P.1, aus Brasilien) und Delta (B.1.617.2, aus Indien). Sie gelten als besorgniserregend (Variants of concern), weil sie verschiedene Mutationen erworben haben, die gegenüber dem Wildtyp von SARS-CoV-2 die Übertragbarkeit erhöhen oder die Immunantwort abschwächen (Immunescape).

Wie das RKI berichtet, ist Alpha mit einem Anteil von 75 Prozent der sequenzierten Fälle nach wie vor die klar dominierende Variante in Deutschland. Sie wird jedoch zunehmend von Delta verdrängt, die in der Kalenderwoche 23 (7. bis 13. Juni) einen Anteil von 15 Prozent hatte. Gegenüber der Vorwoche stellt das eine Verdopplung dar: Zwischen dem 31. Mai und 6. Juni hatte der Anteil von Delta bei 8 Prozent gelegen; die im letzten RKI-Bericht angegebenen 6,2 Prozent wurden nachträglich leicht nach oben korrigiert. Der Anteil von Beta und Gamma bleibt wie in den letzten Wochen weiter konstant niedrig bei unter 1 Prozent.

Das also offenbar gerade stattfindende Kräftemessen zwischen Alpha und Delta ist aus Sicht des RKI bereits entschieden: Es sei damit zu rechnen, dass die Delta-Variante sich gegenüber den anderen Varianten, also auch gegenüber der Alpha-Variante, durchsetzen werde, schreibt das Institut.

Drostens Einschätzung zur Delta-Variante

Professor Dr. Christian Drosten von der Berliner Charité erwartet, dass das bereits im Juli der Fall sein könnte. Beim virtuellen Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (KIT) sagte der Coronavirus-Spezialist am 18. Juni die jetzt vom RKI beobachtete exponentielle Zunahme der Delta-Variante bereits voraus. Bliebe es bei einer stetigen Verdopplung ihres Anteils – ein derzeit noch spekulatives Szenario –, »hätten wir Anfang Juli die Dominanz der Delta-Variante und dann würden Anfang Juli auch die Meldezahlen wieder hochgehen«, sagte Drosten.

Wie rasch sich die Delta- gegenüber der Alpha-Variante durchsetzen könne, habe man in Großbritannien gesehen. Dort seien die Fallzahlen etwa ab dem 25. Mai wieder angestiegen. Zu diesem Zeitpunkt seien die Impfraten im Vereinigten Königreich etwa so hoch gewesen, wie sie in Deutschland für die erste Juliwoche zu erwarten seien: 57 Prozent einmalig und 35 Prozent zweimalig Geimpfte. Zwei Unterschiede zwischen der Situation in Deutschland und in Großbritannien gäben aber Anlass zu Optimismus. Das ist zum einen die niedrigere Sieben-Tage-Inzidenz, die derzeit in Deutschland bei 7 pro 100.000 Einwohnern liegt, in Großbritannien Ende Mai aber 25 betrug. Man starte also von einem deutlich niedrigeren Niveau. Als zweiten Faktor nannte Drosten die in Deutschland jetzt beginnenden Schulferien. Denn in Großbritannien sei ein Großteil des Infektionsgeschehen von Bildungseinrichtungen und der Gastronomie ausgegangen.

Impfen, impfen, impfen

Um im Wettrennen gegen die Delta-Variante die Nase vorn zu haben, müssen möglichst viele Menschen möglichst schnell vollständig geimpft werden. Denn Delta ist laut Drosten wohl eher keine Immunescape-Variante, die den durch Impfung oder durchgemachte Infektion erworbenen Immunschutz stark unterläuft, wie es etwa die Gamma-Variante tut. »Wahrscheinlich ist der Zuwachs der Nachweisrate bei der Delta-Variante wie bei der Alpha-Variante auch nur auf die Fitness zurückzuführen«, sagte Drosten. »Bis vor Kurzem hätte man gesagt: Da ist auch noch jede Menge Immunescape im Spiel, aber das wird immer unwahrscheinlicher.«

Sowohl gegen die Alpha- als auch gegen die Delta-Variante ist dabei die zweite Impfdosis entscheidend. Drosten zeigte Daten der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE), wonach der Schutz vor Covid-19-bedingter Krankenhauseinweisung bei der Alpha-Variante nach einmaliger Impfung 78 Prozent und nach zweimaliger Impfung 92 Prozent beträgt. Bei Delta lauteten die entsprechenden Zahlen 75 Prozent (Erstimpfung) und 94 Prozent (Zweitimpfung).

Ein Erfolg der Impfkampagne ist laut Drosten bereits jetzt zu sehen, nämlich die deutliche Senkung der Hospitalisierungsrate. Durch die priorisierte Impfung der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen sei es gelungen, diese Rate von anfangs etwa 10 Prozent auf jetzt um die 5 Prozent zu drücken. Auf diesen Wert habe sie sich jetzt eingependelt. Um sie noch weiter herunterzubekommen, müsste man noch sehr viel mehr impfen, sagte Drosten.

Positiv sei, dass die Fallsterblichkeit der Delta-Variante derzeit noch deutlich unter der der Alpha-Variante liege. Laut PHE verstürben von den Infizierten mit der Alpha-Variante 2 Prozent innerhalb von 28 Tagen, von den Delta-Infizierten aber nur 0,3 Prozent. Zwar sei zu erwarten, dass sich die Fallsterblichkeit von Delta in den nächsten Wochen mit steigenden Fallzahlen noch erhöhen werde, dennoch sei das »eine gute Nachricht«, so Drosten.

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