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Screening auf Schwangerschaftsdiabetes

DDG fordert Erstattung von Glucose-Fertiglösungen

4,30 Euro pro Patientin – sparen die Krankenkassen, wenn sie die Lösung für den oralen Glucose-Toleranztest (oGTT) von den Arztpraxen selbst anrühren lassen, statt das Fertigpräparat zu nehmen. Das Verfahren ist jedoch fehleranfällig, so die Deutsche Diabetes-Gesellschaft. Sie warnt neben den Gefahren für Mutter und Kind vor Haftungsrisiken und einem endgültigen Aus der Fertiglösung.
Julia Endris
PZ
29.11.2019
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Aus Kostengründen erstatten viele Krankenkassen die Glucose-Fertiglösung für das Screening auf Schwangerschaftsdiabetes nicht mehr. Stattdessen soll die Lösung mit reiner Glucose aus der Apotheke in der Arztpraxis selbst hergestellt werden. Die vermeintliche Ersparnis von 4,30 Euro pro Test könne jedoch die Gesundheit von Schwangeren und ihrer ungeborenen Kinder gefährden, warnt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und fordert deshalb die Erstattung der Glucose-Fertiglösung von allen Kassen.

Die Selbstanmischung berge nicht nur das Risiko für Verunreinigungen, mahnt die DDG, auch könnten Ungenauigkeiten in der Anwendung zu falschen Testergebnissen führen. Erschwerend komme hinzu, dass der Sparkurs der Kostenträger die dauerhafte Verfügbarkeit der Fertiglösung bedrohe. Die Fachgesellschaft rät deshalb von der Selbstherstellung ausdrücklich ab und fordert die kassenärztlichen Vereinigungen und den GKV-Spitzenverband auf, die Fertiglösung im Sinne der Gesundheit von Schwangeren und ihrer ungeborenen Kinder zu erstatten. Durch die versehentliche Verunreinigung der Glucose mit Lidocain für einen selbst angerührten oGTT aus einer Kölner Apotheke starben im September dieses Jahrs eine Schwangere und ihr Kind.

Laut Mutterschaftsrichtlinien wird seit 2012 das Screening auf Schwangerschaftsdiabetes – auch Gestationsdiabetes genannt (GDM) – von den Krankenkassen erstattet. Der zweistufige Test wird zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche durchgeführt. Dazu trinkt die werdende Mutter zunächst eine Lösung mit 50 Gramm Glucose. Werden daraufhin erhöhte Blutzuckerwerte gemessen, folgt ein Nüchtern-Test mit 75 Gramm Glucose.

Einige Krankenkassen haben laut DDG aus Kostengründen beschlossen, Fertiglösungen nicht mehr zu erstatten. »Stattdessen sollen Praxen die benötigte Glucose in Pulverform aus Apotheken beziehen und die Lösung für den oGTT selbst zubereiten«, berichtet Professor Dr. Ute Schäfer-Graf, Sprecherin der DDG-Arbeitsgruppe »Diabetes und Schwangerschaft«. Bereits 2016 wies die DDG in einer Stellungnahme auf den dadurch erhöhten organisatorischen Aufwand in Praxen sowie auf gesundheitliche Risiken für die Patientinnen und ihre ungeborenen Kinder hin.

Fehleranfälliges Verfahren

Bis zum Erstattungs-Aus bezogen die meisten diabetologischen und gynäkologischen Praxen die oGTT-Fertiglösung als 300-Milliliter-Flasche für 5,53 Euro in der Apotheke. Die in Tütchen abgefüllte Einzelportion Glucose, die in Wasser aufgelöst wird, kostet hingegen nur etwa 1,21 Euro.

»Skandalös ist, dass mit der Entscheidung einzelner Krankenkassenverbände die Kostenträger aufgrund einer Ersparnis von rund vier Euro pro Patientin und Screening die diagnostische Sicherheit und auch die Gesundheit der Mutter und des ungeborenen Kindes aufs Spiel setzen«, kritisiert der Mediziner Nikolaus Scheper, Vorsitzender des Bundesverbands niedergelassener Diabetologen (BVND). Denn die Zubereitung der Glucoselösung in der Praxis berge diverse Fallstricke.

»Zunächst ist es nicht einfach, die Tütchen mit der abgewogenen Menge Glucosemonohydrat vollständig zu leeren und eventuell an den Plastikoberflächen haftendes Pulver in den Trinkbecher zu füllen«, erklärt der niedergelassene Diabetologe. Auch müsse die zugegebene Flüssigkeit präzise abgemessen werden, um das Mischverhältnis nicht zu verfälschen. Zudem müsse für die vollständige Lösung der Glucose einige Minuten gerührt werden, was bei mehreren gleichzeitigen Tests eine Herausforderung sei.

»Trotz aller Mühen und optimaler Bedingungen verbleibt immer wieder ein Rest Glucose im Behältnis, der sich nicht auflöst und so zu einer falsch negativen Interpretation des Testes führen kann«, erläutert Scheper die Problematik. Zudem stünden in kleineren Praxen häufig keine Räume zu Verfügung, die den Hygiene-Anforderungen entsprechen, was wiederum zu Verunreinigungen führen könne.

Ärzte haften für selbst hergestellten Test

Auch rechtliche Bedenken sprechen gegen eine Selbstherstellung der Testlösung: »Gemäß Produkthaftungsgesetz können behandelnde Ärztinnen und Ärzte dafür haften, wenn Probleme bei den in der Praxis hergestellten Lösungen auftreten. Sie sind in diesen Fällen rechtlich als Hersteller eines Arzneimittels anzusehen«, erklärt DDG-Pressesprecher Professor Dr. Baptist Gallwitz.

Darüber hinaus greife der Werkvertrag, bei dem der Arzt bei einer Falschdiagnose gegenüber seinen Patienten haftet. »Wird bei einer Patientin im Schwangerschaftsverlauf ein Gestationsdiabetes diagnostiziert, der bei einem selbst angemischten oGTT vorher nicht erkannt wurde, kann sie den Arzt auf fehlerhafte Durchführung des Tests verklagen«, gibt Gallwitz zu bedenken. »Aufgrund dieser Haftungsfragen und organisatorischer Schwierigkeiten ist zu befürchten, dass Arztpraxen das Diabetes-Screening wieder seltener durchführen.«

Schätzungen zufolge entwickeln 5 bis 10 Prozent aller Schwangeren Gestationsdiabetes. Derzeit wird die Erkrankung mittels oGTT jährlich bei rund 45.000 Schwangeren diagnostiziert.  »Dank einer kontinuierlich verbesserten, standardisierten und frühzeitigen Diagnostik können immer mehr Patientinnen identifiziert werden«, so Professor Dr. Michael Hummel, Sprecher der DDG-Arbeitsgemeinschaft »Diabetes und Schwangerschaft«.

Die Kassen riskierten, mit einer wirtschaftlich fragwürdigen Entscheidung diesen Prozess zulasten der Gesundheit Betroffener umzukehren. Außerdem sei der ungerichtete Sparkurs der Kostenträger beinahe eine Aufforderung an den bislang einzigen Hersteller des Fertigproduktes, die Produktion einzustellen.

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