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Von einfach bis komplex

Das sind die pharmazeutischen Dienstleistungen

Die ersten fünf pharmazeutischen Dienstleistungen, die Apotheken anbieten dürfen und vergütet bekommen, sind Blutdruckmessen, Betreuung von Patienten nach Organtransplantation sowie unter oraler Antitumortherapie, Schulungen zu Inhalativa und eine Beratung bei Polymedikation.
Daniela Hüttemann
10.06.2022  14:02 Uhr

Endlich steht fest, welche fünf pharmazeutischen Dienstleistungen Apotheken ab sofort anbieten dürfen: die erweiterte Medikationsberatung von Patienten mit Polymedikation, die pharmazeutische Betreuung von Patienten nach Organtransplantation sowie von Patienten unter oraler Antitumortherapie, die standardisierte Risikoerfassung bei Hypertonie-Patienten sowie eine standardisierte Einweisung in die korrekte Arzneimittelanwendung und das Üben der Inhalationstechnik bei Patienten ab einem Alter von sechs Jahren mit Atemwegserkrankungen.

Mit der Blutdruckmessung, einer Inhalationsschulung und der Medikationsberatung befindet sich wie von den Apothekern gewünscht jeweils eine Leistung aus den Bereichen Prävention von Volkskrankheiten, Adhärenzförderung (insbesondere bei schwierig anzuwendenden Medikamenten) und Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) bei Patienten mit Polymedikation im Portfolio der pharmazeutischen Dienstleistungen. Auch in Bezug auf das erforderliche Know-how und den Aufwand sind sie breit gefächert. 

In jedem Fall gilt, dass pharmazeutische Dienstleistungen in einem diskreten Setting, am besten in einem Beratungsraum, stattfinden sollten. Sie müssen ins Qualitätsmanagementsystem der Apotheke eingepflegt werden. Eine genaue Dokumentation ist auch für die Abrechnung wichtig, die quartalsweise über den Nacht- und Notdienstfonds erfolgen soll. Apotheke und Patient müssen zuvor einen Behandlungsvertrag schließen.

Durchgeführt werden dürfen pharmazeutische Dienstleistungen nur vom pharmazeutischen Personal; die Medikationsanalyse und pharmazeutische Betreuung nur von einem Apotheker oder einer Apothekerin, die dafür eine entsprechende Qualifikation haben; die Risikoerfassung Bluthochdruck und Inhalativa-Schulung darf auch anderes pharmazeutisches Personal vornehmen. Dafür ist keine gesonderte Schulung nötig.

Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände will in Kürze entsprechendes Informations- und Arbeitsmaterial auf einer eigenen neuen Website bereitstellen. Da es sich ja aber nicht um gänzlich neue Aufgaben für die Apotheken handelt, ist anhand der bestehenden Leitlinien und Arbeitsanweisungen relativ klar, wie die Dienstleistungen zu gestalten sind.

Blutdruck messen und dokumentieren

Sicherlich am einfachsten sofort umsetzbar ist die standardisierte Blutdruckmessung inklusive Erfassung von Risikoparametern. Dafür steht neben einer Standardarbeitsanweisung (SOP) der »Informationsbogen Blutdruck (bei bestehendem Bluthochdruck)« als Arbeitsmaterialien auf der ABDA-Website bereit. Er erleichtert ein strukturiertes Vorgehen und die Risikoeinschätzung des ermittelten Werts mithilfe eines Ampelsystems.

Der ausgefüllte Bogen wird dem Kunden am Ende ausgehändigt beziehungsweise digital zugesandt, eine Kopie verbleibt in der Apotheke. Diese pharmazeutische Dienstleistung ist für Hypertonie-Patienten mit mindestens einem blutdrucksenkenden Medikament gedacht. Benötigt wird ein validiertes Blutdruckmessgerät mit einem Gütesiegel der Hochdruckliga oder vergleichbarem Siegel, am besten ein Oberarm-Messgerät mit verschiedenen Manschettengrößen.

Der Patient sollte zunächst fünf Minuten in Ruhe sitzen, bevor ein Apothekenmitarbeiter dreimal hintereinander im Abstand von ein bis zwei Minuten misst, sofern das Gerät dies nicht automatisch tut. Der erste Wert wird verworfen und aus dem zweiten und dritten der Mittelwert gebildet. Welche Empfehlung aus dem gemessenen Wert folgt, hängt vor allem vom Alter und von bestehenden Vorerkrankungen ab. 

»Das Erkennen eines nicht kontrollierten Bluthochdrucks durch öffentliche Apotheken bietet ein großes Präventionspotenzial«, heißt es in der Kurzbeschreibung der Leistungen. »Ziel ist eine frühzeitige Anpassung beziehungsweise Intensivierung einer antihypertensiven Therapie bei Patient*innen, deren Blutdruck nicht kontrolliert ist. Langfristig sollen vor allem blutdruckbedingte Endorganschäden wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Nierenfunktionsstörungen vermieden werden.«

Anspruch auf diese Dienstleistung haben alle Patienten mit diagnostiziertem Bluthochdruck und Verordnung eines Antihypertensivums einmal alle zwölf Monate. Bei Änderungen der Blutdruckmedikation darf diese Dienstleistung auch häufiger erbracht werden. Abrechnen können die Apotheken hierfür 11,20 Euro netto.

Richtig inhalieren immer wieder üben

Bereits 2007 konnte die ABDA mit der VITA-Studie zeigen, dass vier von fünf Asthmatikern Fehler bei der Anwendung ihres Inhalators machen. Eine Schulung hilft nicht nur dabei, die Fehlerquote zu reduzieren, sondern kann auch die Adhärenz fördern. Dass Apotheker dabei eine wichtige Rolle spielen können, ist seit 2009 in der Nationalen Versorgungsleitlinie Asthma ausdrücklich erwähnt. Bei der Erstverordnung sowie bei  jedem Wechsel des Inhalationssystems soll demnach eine Einweisung des Patienten erfolgen.

Apotheken bekommen nun eine Vergütung in Höhe von 20 Euro netto für jede Einweisung in die Inhalationstechnik und das gemeinsame Üben. Das gilt für alle Patienten mit Atemwegserkrankungen unter inhalativer Therapie ab sechs Jahren mit einer Neuverordnung eines Inhalationsgeräts (Devices) oder bei einem Device-Wechsel. Eine Wiederholung ist alle 12 Monate möglich. Außerdem kann diese Dienstleistung angeboten werden, wenn laut Selbstauskunft in den vergangenen 12 Monaten keine Einweisung mit praktischer Übung stattgefunden hat und die Patienten laut Selbstauskunft nicht in das Disease Management Programm (DMP) Asthma und COPD eingeschrieben sind.

Auch hier gibt es bereits seit Langem Arbeitshilfen der ABDA. Ausgangspunkt ist, dass der Apotheker sich vom Patienten erst einmal zeigen lässt, wie dieser seinen Inhalator anwendet. Auf einer Checkliste hakt der Apotheker dann Schritt für Schritt ab, was korrekt und was falsch ausgeführt wurde. Insgesamt sind dabei (je nach Inhalationssystem) bis zu 19 Punkte zu beachten. Anwendungsfehler bespricht der Apotheker dann ausführlich mit dem Patienten und übt praktisch mit ihm mit einem entsprechenden Dummy. 

Polymedikation analysieren

Mit der erweiterten Medikationsberatung von Patienten mit Polymedikation ist im Kern die Medikationsanalyse vom Typ 2a gemeint. Polymedikation ist definiert als die regelmäßige Anwendung von mindestens fünf verschreibungspflichtigen Medikamenten. Laut Leistungsbeschreibung müssen es mindestens fünf verordnete Arzneimittel sein, die systemisch wirken, darunter gegebenenfalls auch Inhalativa. Es sollen arzneimittelbezogene Probleme erkannt, verhindert oder gelöst werden und die Adhärenz gefördert werden. Dafür gibt es einmalig 90,00 Euro netto.

Tausende Apothekerinnen und Apotheker haben sich in den vergangenen Jahren bereits zur Durchführung von Medikationsanalysen fortgebildet, zum Beispiel indem sie die ATHINA-, ARMIN-, ApoAMTS- oder ähnliche Schulungen durchlaufen haben. Zum konkreten Vorgehen gibt es eine Leitlinie der Bundesapothekerkammer mit einem Flussdiagramm und zahlreiche Arbeitshilfen, darunter auch ein Praxisbeispiel.

Bei der Medikationsanalyse vom Typ 2a führt der Apotheker nach Terminvereinbarung ein Anamnesegespräch mit dem Patienten, zu dem dieser am besten alle seine Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel mitbringt. Eine solche Brown-Bag-Analyse nennt auch die Leistungsbeschreibung. Falls vorhanden, werden auch die Daten aus der Kundendatei und Arztbriefe einbezogen. Der Apotheker erfasst, wann welche Präparate wie angewendet werden und ob der Patient weiß, wofür er sie anwendet. Außerdem sollte der Patient nach möglichen Problemen wie Nebenwirkungen und Anwendungsproblemen befragt werden. Dabei darf auch priorisiert werden, was den Patienten am meisten beeinträchtigt.

Nach diesem Termin folgt die eigentliche Medikationsanalyse, die sogenannte pharmazeutische AMTS-Prüfung durch den Apotheker. Dabei legt er einen besonderen Fokus auf Interaktionen und schätzt deren klinische Relevanz ein. Geprüft werden aber unter anderem auch (Pseudo-)Doppelmedikationen, Kontraindikationen, Dosierung und Einnahmezeitpunkte. Bei Arzneimitteln aus der Selbstmedikation überprüft der Apotheker auch die Indikation und Eignung. 

Hat der Patient sein Einverständnis zuvor erteilt, kann der Apotheker nun gegebenenfalls die gefundenen arzneimittelbezogenen Probleme (ABP) und mögliche Lösungsvorschläge mit dem verordnenden Arzt besprechen. Anschließend erstellt der Apotheker einen aktuellen, vollständigen Medikationsplan.

Follow-up-Gespräche gehören dazu

Bei einen zweiten Termin erläutert der Apotheker dem Patienten etwaige Änderungen im Medikationsplan und erklärt ihm die korrekte Anwendung der aktualisierten Medikation. Zum Schluss erhält der Patient seinen neuen Medikationsplan. Die Umsetzung im Apothekenalltag wird deutlich leichter durch entsprechende Software-Unterstützung. Hier sind schon mehrere Anbieter im Markt, unter anderem die AMTS-Software »MediCheck« von Pharma4u.

Die pharmazeutische Betreuung von Patienten nach Organtransplantation, also unter immunsuppressiver Therapie, sowie von Patienten unter oraler Antitumortherapie wie den sogenannten Zytoralia, umfasst ebenfalls das Erkennen, Lösen und Verhindern von ABP und wird mit 90 Euro netto honoriert. Zudem soll die Therapietreue des Patienten und die Zusammenarbeit der Heilberufler gefördert werden. Hier ist nicht die Anzahl der eingenommenen Medikamente für die Auslösung der Dienstleistung entscheidend. Anders als bei der Polymedikation gibt es für das Follow-up-Gespräch mit den beiden besonderen Patientengruppen eine zweite Vergütung in Höhe von 17,55 Euro netto. 

Auf Sorgen der Patienten zur Therapie eingehen

Einen Anspruch auf diese Leistungen haben zum einen Patienten mit verordneten Immunsuppressiva im ersten Halbjahr nach einer Organtransplantation und bei einer Neuverordnung eines Immunsuppressivums. Die Leistung umfasst wie bei der Polymedikation eine erweiterte Medikationsberatung unter Berücksichtigung der Besonderheiten der immunsuppressiven Therapie nach Organtransplantation plus ein weiteres Beratungsgespräch zwei bis sechs Monate später. Die Folgeberatung soll sich unter anderem auf Anwendungsprobleme sowie aktuelle Bedenken und Sorgen des Versicherten bezüglich seiner Therapie fokussieren.

Ähnlich lautet die Beschreibung für Patienten, die eine orale Antitumortherapie erhalten. Anspruch auf eine erweiterte Medikationsberatung haben sie innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Beginn sowie bei einer neuen Folgetherapie. Werden parallel mehrere orale Antitumortherapeutika verordnet, soll die Dienstleistung für alle Arzneimittel gemeinsam angeboten und abgerechnet werden. Das Folgeberatungsgespräch soll zwei bis sechs Monate später erfolgen. Auch hier soll sich der Apotheker unter anderem auf Anwendungsprobleme sowie aktuelle Bedenken und Sorgen des Versicherten bezüglich der Therapie fokussieren.

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