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Covid-19

Das Für und Wider zum Mundschutz

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie ist eine Diskussion um das Tragen von Schutzmasken entbrannt. Wie argumentieren Experten? Wie effektiv sind selbst genähte Masken? Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nimmt Stellung.
Carolin Lang
01.04.2020
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In Österreichwurde kürzlich die Mundschutzpflicht beim Einkaufen angekündigt. In Deutschland ist solch eine Regelung bisher noch nicht angedacht, wird aber reichlich diskutiert. Trotz umstrittenen Nutzens tragen auch hierzulande viele Menschen einen Mund-Nasen-Schutz (MNS). Die Nachfrage in Apotheken ist groß, doch wegen des immer noch herrschenden Mangels kann ihr in der Regel nicht nachgekommen werden. Das pharmazeutische Personal sollte die Kunden darüber aufklären, wie sinnvoll die Masken sind, welche Nachteile sie eventuell mit sich bringen und wie sich die Kunden anderweitig schützen können.

Argumentation pro und kontra

Nach wie vor gibt es keine Evidenz dafür, dass das Tragen von MNS das Infektionsrisiko für Gesunde signifikant reduzieren kann. Vielmehr birgt das Tragen die Gefahr, ein falsches Sicherheitsgefühl zu vermitteln und dadurch andere Schutzmaßnahmen zu vernachlässigen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) vertritt den Standpunkt (Stand 23. März 2020), dass in der normalen Bevölkerung das Tragen von MNS hauptsächlich für Infizierte geeignet ist, um das Risiko einer Ansteckung anderer Personen durch Tröpfchen zu minimieren. Dabei ist es wichtig, dass der MNS korrekt sitzt und bei Durchfeuchtung gewechselt wird. Das Tragen von MNS sollte aber in keinem Fall dazu führen, Abstandsregeln nicht mehr einzuhalten oder Händehygiene weniger akribisch zu betreiben. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät der Allgemeinbevölkerung nicht grundsätzlich zum Tragen einer Maske.

Der Virologe Professor Dr. Christian Drosten von der Berliner Charité sagte Mitte März in seinem NDR-Podcast, man gehe davon aus, dass das Einatmen eines »mittelgroben Aerosols«, das nach dem Husten eines Gegenübers in der Luft stehe, durch das Tragen von MNS nicht verhindert werden könne. Er betonte, dass ein potenzieller Nutzen sich nur auf den Nahbereich beschränkt – also den nahen Kontakt zu Infizierten. Deshalb sind MNS insbesondere für medizinisches Personal so wichtig. Die Überlegung sei, dass das Aerosol immer feiner werde, je weiter man sich aus dem Nahbereich bewege. Ein feines Aerosol werde auch beim Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes vor allem an den Seiten eingeatmet. Die Maske müsse möglichst nah an der Quelle sein, nicht am Empfänger.

Als infizierte Person ist es dagegen sinnvoll, einen MNS zu tragen, um die Umgebung zu schützen. Das erklärt Drosten dadurch, dass beispielsweise beim Niesen kleinste Tröpfchen in die Umgebung verteilt werden. Ist nun eine Barriere, in welcher Form auch immer, vor Mund und Nase, werden größere Tröpfchen dadurch abgefangen. Außerdem habe das Tragen positive psychologische Effekte. Da man nicht immer wisse, ob man infiziert sein könnte, symbolisiere man durch das Tragen von MNS in der Öffentlichkeit Höflichkeit und Engagement. Außerdem erinnere das Tragen andere Mitmenschen an den Ernst der Lage.

»Was eben nicht so einleuchtend ist, dass ich mich in der Öffentlichkeit mit einer Maske nicht selber schützen kann. Das ist einfach vielleicht ein bisschen schwer zu vermitteln. Aber es gibt einfach in der Literatur entweder keine oder – je nachdem, wie man es interpretieren will – fast keine Evidenz dafür, dass das helfen könnte«, sagte er.

Würde die gesamte Bevölkerung ausnahmslos MNS tragen, könnte das laut Drosten eine Infektionsausbreitung im Nahbereich möglicherweise etwas eindämmen. Allerdings bezweifelt er stark, dass so ein Verhaltenswechsel hierzulande möglich wäre. Deshalb müsse man genau überlegen, ob es sinnvoll sei, für diesen potenziell geringen Nutzen großen Aufwand zu betreiben. Durch die herrschende Knappheit an MNS wäre es ohnehin nicht möglich, die gesamte Bevölkerung ausreichend mit solchen Masken zu versorgen.

Auch wenn es keine Evidenz für einen persönlichen Schutz durch MNS gibt, werden die Stimmen lauter, die sich mit dem Argument »Ein schwacher Schutz ist besser als gar kein Schutz« dafür aussprechen. So sagte beispielweise der Infektiologe Professor Dr. Johannes Bogner vom Klinikum der Universität München gegenüber dem WDR, es sei logisch, dass ein Schutz vor Mund und Nase gegen das Einatmen eines Virus helfe. Selbst ein einfacher Papier- oder Textilschutz sei besser als nichts.

Ein weiterer Aspekt ist, dass das Tragen eines MNS verhindern kann, dass man sich unbewusst ins Gesicht fasst. Doch auch hier gibt es wieder ein Gegenargument: Es könne auch dazu führen, dass man sich in falscher Sicherheit fühlt oder sich gerade wegen der Maske, beispielsweise zum Zurechtrücken, vermehrt ins Gesicht greift.

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