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Ab dem 1. Juli

Das E-Rezept startet in der Modellregion Berlin-Brandenburg

Die Gematik will das E-Rezept zunächst regional begrenzt in der Region Berlin-Brandenburg testen. Gematik-Geschäftsführer Markus Leyck-Dieken bestätigte gegenüber der PZ, dass nach einer dreimonatigen Testphase ab dem 1. Juli dieses Jahres ein bundesweiter Roll-out im vierten Quartal geplant sei. Die geplante Smartphone-App der Gematik für die E-Rezept-Weiterleitung werde aber pünktlich zum 1. Juli verfügbar sein, so Leyck-Dieken.
Benjamin Rohrer
29.04.2021  16:35 Uhr

Die Gesetzeslage in Sachen E-Rezept-Einführung sieht Folgendes vor: Bis zum 1. Juli dieses Jahres muss die Gematik die technische Infrastruktur für die digitalen Verordnungen zur Verfügung stellen. Dazu gehört der gesamte Fachdienst (Server) mit seinen Schnittstellen zur Telematikinfrastruktur und somit in die Arztpraxen und Apotheken. Dazu gehört aber auch die staatliche E-Rezept-App, mit der Patienten in Zukunft ihre E-Rezept-Codes an die Apotheke ihrer Wahl weiterleiten können. Ab dem 1. Januar 2022 zündet dann die zweite gesetzlich vorgesehene Stufe des E-Rezeptes: Denn dann sind die Ärzte gesetzlich verpflichtet, Arzneimittel-Verordnungen nur noch über diese neue technische Infrastruktur zu verordnen.

Unklar war bislang allerdings, wie genau der Start des E-Rezeptes zum 1. Juli dieses Jahres aussehen soll. Denn das Gesetz gibt nicht vor, in welchem Rahmen die neue Infrastruktur in dem Halbjahr vor der E-Rezept-Pflicht zur Anwendung kommen soll. Genau bei dieser Frage will die vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) kontrollierte Gematik nun für Klarheit sorgen. Denn nach Informationen der PZ will die Gematik ihrer Gesellschafterversammlung in den kommenden Tagen eine Beschlussvorlage präsentieren, in der die regionale Testung des E-Rezeptes vorgesehen ist. Zuerst hatte das Nachrichtenportal »Apotheke Adhoc« über einen regionalen Roll-out des E-Rezeptes berichtet.

Leyck-Dieken: Bundesweiter Roll-out im vierten Quartal

Gematik-Geschäftsführer Markus Leyck-Dieken erklärte gegenüber der PZ: »Meldungen, nach denen sich die Einführung des E-Rezeptes verzögert, sind falsch. Richtig ist, dass wir das E-Rezept ab dem 1. Juli zunächst in der Region Berlin-Brandenburg testen werden. In der Region wird schon seit einiger Zeit das E-Rezept im Rahmen der ‚Zukunftsregion Berlin-Brandenburg‘ getestet, die teilnehmenden Ärzte und Apotheker sind vorbereitet. Dieser regionale Test wurde im Übrigen auch von den Leistungserbringern gewünscht und wird drei Monate andauern, im vierten Quartal wird der Test dann bundesweit geöffnet und ab dem 1. Januar 2022 kann das E-Rezept – wie gesetzlich vorgegeben – bundesweit zur Anwendung kommen.«

Zur Erinnerung: In Berlin-Brandenburg ist unter anderem der Berliner Apothekerverein schon seit mehreren Monaten an einem E-Rezept-Modellprojekt beteiligt. In der Region wird derzeit auch die vom Deutschen Apothekerverband entwickelte Smartphone-App zur Rezept-Weiterleitung getestet. Die PZ hatte schon mehrfach ausführlich über das Vorhaben berichtet. Leyck-Dieken erklärte allerdings, dass zum 1. Juli die von der Gematik geplante, staatliche E-Rezept-App – wie gesetzlich vorgesehen – zur Verfügung stehen werde. Die Gematik hatte im vergangenen Jahr IBM Deutschland mit dem Bau der Smartphone-App beteiligt, mit deren Hilfe die Versicherten die E-Rezept-Codes (auch »Token«) an die Apotheke ihrer Wahl weiterleiten können. Die IBM Deutschland hatte wiederum unter anderem die Zur Rose-Tochter E-Health-Tec an das Projekt angebunden. Der Deutsche Apothekerverband (DAV) steuert zur App eine Apothekenliste samt Mehrwert-Informationen über die Apotheken bei.

Gibt es trotzdem Verzögerungen?

Immer wieder warnen Experten aus dem Gesundheitswesen jedoch vor Verzögerungen bei der Einführung des E-Rezeptes. Zuletzt hatte beispielsweise Ulf Maywald, Apotheker und Arzneimittel-Experte der AOK Plus, auf mehrere technische Hindernisse und Probleme hingewiesen und erklärt, dass es am 1. Juli keinen bundesweiten Start des E-Rezeptes geben könne.Maywald wies auch darauf hin, dass noch längst nicht alle Arztpraxen und Apotheken an die Telematikinfrastruktur angebunden seien. Leyck-Dieken ist sich allerdings sicher, dass der bundesweite Start zum 1. Januar 2022 klappt. Der Gematik-Chef räumt allerdings auch Probleme bei den Arztpraxen ein: »Bei den Apotheken sind wir sehr zuversichtlich. Die Software-Häuser sind sehr gut vorbereitet und werden ihre Lösungen rechtzeitig zur Verfügung stellen. Bei der Anbindung der Praxen gibt es noch etwas mehr Nachholarbeit – hier müssen sich die Praxis-Software-Hersteller noch etwas zügiger anbinden und auch die Austeilung der Konnektoren ist noch nicht komplett erfolgt.«

Auch die Ärzteschaft selbst hatte zuletzt angemerkt, dass es beim E-Rezept zu Verzögerungen kommen könnte. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte sich öffentlich darüber beschwert, dass die Mediziner weiterhin keine einfache Methode haben, um die digitalen Rezepte zu signieren. Leyck-Dieken dazu: »Die Forderungen der Ärzteschaft nach der Komfortsignatur sind sehr gut nachzuvollziehen – allerdings hängt das auch an den Herstellern der Praxis-Software, die die Anforderungen in ihren Produkten etablieren müssen.«

Leyck-Dieken: NFC-Karten bleiben der beste Weg

Zuletzt hatte es auch größere Diskussionen um die Verwendung der E-Rezept-App der Gematik gegeben. Denn: Vorgesehen ist im Moment, dass GKV-Versicherte sich mit ihrer elektronischen Gesundheitskarte gegenüber dem System identifizieren. Das Problem ist, dass nur ein Bruchteil der Versicherten über eGKen verfügt, die mit dieser Technologie (NFC) ausgestattet sind. Die Regierungsfraktionen im Bundestag haben dieses Problem erkannt und wollen handeln – in einem Änderungsantrag wollen sie die Kassen verpflichten, bis Jahresende eine neue Technologie zur Verfügung zu stellen. Auch hier ist Leyck-Dieken zuversichtlich: »Wir finden es richtig, dass die Regierungsfraktionen im Bundestag die Verwendung der E-Rezept-App nicht exklusiv an die NFC-Technologie binden wollen. Es ist wichtig, dass alle Patienten gleichermaßen die Möglichkeit bekommen, die App zu benutzen und ihre E-Rezepte so via Smartphone an die Apotheke ihrer Wahl weiterzuleiten. Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Kassen rechtzeitig bis Anfang 2022 eine zusätzliche neue Lösung bereitstellen und stehen mit den Kassen diesbezüglich auch schon in Kontakt. Eine NFC-Karte zu bestellen ist derzeit aber der schnellste Weg zur vollen Funktionalität.  Diese Umstellung ist auch wichtig mit Blick auf die TI 2.0, denn wir wollen erreichen, dass die Patienten eine digitale Identität bekommen, mit der sie sich im Gesundheitswesen ausweisen können.«

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