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ABDA-Hauptgeschäftsführer Schmitz

»Das E-Rezept gehört in die öffentliche Apotheke«

Zum Auftakt des Deutschen Apothekertags gab Sebastian Schmitz, Hauptgeschäftsführer der ABDA, einen Überblick über die vergangenen zwei Jahre. Dabei zog er politische Lehren aus der Pandemie und kritisierte deutlich das Verhalten der Kassen. Und: Schmitz fand klare Worte für die anstehende E-Rezept-Einführung.
Charlotte Kurz
22.09.2021  16:38 Uhr

Mit einer Parallele, die ins Jahr 1919 hineinreicht, begann der Hauptgeschäftsführer der ABDA, Sebastian Schmitz, seinen Geschäftsbericht über die Situation der Apotheken und der Bundesvereinigung zum Auftakt des 56. Deutschen Apothekertags in Düsseldorf. Vor mehr als hundert Jahren habe die erste Frau in einem deutschen Parlament das Wort ergriffen. Marie Juchacz sprach als erste weibliche Abgeordnete in der Weimarer Nationalversammlung am 19. Februar 1919 in der frisch gegründeten Weimarer Republik. Zwar werde die erste Frau an der ABDA-Spitze als »nicht mehr so außergewöhnlich empfunden«, aber die Wahl der ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening sei dennoch »ein besonderes Ereignis in der Geschichte des Verbands«.

Die beiden vergangenen Jahre waren von verschiedenen Themen geprägt, die Schmitz in seinem Bericht jeweils kurz anriss. So endete in dieser Zeit die jahrelange Diskussion über das umstrittene Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem Jahr 2016, nachdem sie 2020 mit einer Petition von Benedikt Bühler zum Rx-Versandhandelsverbot nochmal kurz aufgeflammt war. Die Bundesregierung und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ließen sich aber nicht von ihrem Weg bringen, das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz (VOASG) wurde im Dezember 2020 verabschiedet.

Verhandlungen zu pharmazeutische Dienstleistungen

Damit sei der Weg für die neuen pharmazeutischen Dienstleistungen geebnet, so Schmitz, »das wichtigste Element des VOASG«. Allerdings kritisierte der Hauptgeschäftsführer die soeben erst gescheiterten Verhandlungen zwischen dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und dem Deutschen Apothekerverband (DAV) deutlich. Eigentlich hätte bis zum 30. Juni ein Anspruch vertraglich geregelt werden sollen, so Schmitz. »Die Kassenseite wollte unsere Vorschläge aber nicht aufgreifen und wir rufen deshalb jetzt die Schiedsstelle an. Ich kann nicht anders, als hier meinen Unmut darüber kundzutun, dass wir uns immer und immer wieder in Verhandlungen anhören müssen, wie angespannt die Finanzlage der Krankenkassen sei und wie bedrohlich deshalb die Einführung neuer Leistungen wäre.« Der Gesetzgeber habe die Krankenkassen hier nicht mit Ausgaben bedroht, sondern er gebe ihnen die Möglichkeit, damit die Versorgung ihrer Versicherten zu verbessern, so Schmitz. Eine verbesserte Versorgung sei dabei explizites Ziel der gesetzlichen Regelungen. Zudem sei die finanzielle Belastung per Gesetz auf 150 Millionen Euro beschränkt. Damit werde die Stabilität der GKV-Finanzen sicher nicht gefährdet, so Schmitz.

Mangelnde technische Kontrolle beim E-Rezept

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die anstehende Einführung des E-Rezepts. Schmitz betonte, das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) habe in den letzten beiden Jahren das Ziel weiterverfolgt, Kompetenzen an sich zu ziehen und die Beteiligung der Kostenträger und Leistungserbringer inhaltlich durch eigene Vorgaben zu ersetzen, beispielsweise durch die Übernahme der Mehrheitsbeteiligung in der Gematik im Frühjahr 2020. Schmitz nannte hier aber auch den Konflikt, dass das BMG mit seinem nationalen Gesundheitsportal in den Markt der Gesundheitsinformation hineinwirken wollte. Da erstaune es, dass beim Transport des E-Rezepts der freie Markt gelte, so Schmitz verwundert. Die technische Kontrolle durch den Staat reiche bis zur Rezept-App der Gematik, danach gelte sie nicht mehr. »Es überzeugt wenig, dies mit der Kreativität und dem Nutzen innovativer Softwareentwickler zu begründen, die sich mit dem Rezept befassen dürfen. Dies wäre ohne Weiteres und ohne Risiken auch nach der Abgabe des Arzneimittels in der Apotheke möglich«, sagte Schmitz.

Erfreulicherweise sei der Gesetzgeber aber den Forderungen der ABDA gefolgt, das Makelverbot beim E-Rezept nicht nur für die Verordnung als solches, sondern auch für den Rezeptzugriff durchzusetzen. Denn: Laut Schmitz gehört das E-Rezept in die öffentliche Apotheke. Zur Gewährleistung eines sinnvollen Umgangs mit der elektronischen Verordnung gehöre die Schaffung einer Infrastruktur, die den leichten Zugang von Patienten zur Apotheke vor Ort erhält. Hier will die ABDA insbesondere im Bereich IT/Telematik deshalb an Personal aufrüsten, zudem sollen »geeignete Kooperationsformen mit apothekennahen Dienstleistungsunternehmen« gesucht werden.

Düstere Personalprognose für die Offizinen

Als Herausforderung für die Apotheken sieht Schmitz die düstere Personalprognose, die die ABDA in einer Bedarfsanalyse ermittelt hatte. Demnach werden in den nächsten knapp zehn Jahren tausende Apotheker in Deutschland fehlen. Deshalb seien alle Mühen wert, weitere Maßnahmen zur Nachwuchsgewinnung und -förderung und zur Erleichterung des Wiedereintritts in das Berufsleben nach längeren Auszeiten zu ergreifen, betonte Schmitz. Die ABDA hatte hierzu beispielsweise einen Instagram-Account zur gezielten Nachwuchsgewinnung bei jungen Menschen eingerichtet.

Eine weitere Herausforderung: Die komplexe Struktur des Verbands aufgrund des Zusammenspiels der 34 Mitgliedsorganisationen sowie der drei Bundesorganisationen DAV, Bundesapothekerkammer (BAK) und ABDA. »Je komplexer die Struktur, desto größer aber auch die Gefahr, dass Arbeitsprozesse an Effizienz verlieren, Aufgaben übersehen oder doppelt bearbeitet werden und Prioritäten aus dem Blick geraten«, sagte Schmitz. Deshalb hat die ABDA im Sommer 2020 eine Überprüfung der Organisationsstruktur auf den Weg gebracht. Der aktuelle Stand hierzu ist, dass das beauftragte Beratungsunternehmen – die Beratergruppe Verbandsmanagement mit Sitz in Köln – derzeit die ersten Empfehlungen ausarbeitet. Basis für diese Überprüfung sind eine Vielzahl von Interviews, die die Berater mit Vertretern der Organisationen geführt haben, als auch die Analyse relevanter Dokumente. Sobald diese Ergebnisse vorliegen, würden sie intern diskutiert und auch den Mitgliedsorganisationen würde die Gelegenheit gegeben werden, sich an der Debatte zu beteiligen, kündigte Schmitz an.

Zudem gab Schmitz ein kurzes Update zur Arbeit der Arzneimittelkommission, die vergangenes Jahr 8.707 Spontanberichte der Apotheken zu vermuteten Qualitätsmängeln und unerwünschten Wirkungen bearbeitet hatte. Im Vergleich zum Jahr 2019 seien damit etwas weniger Berichte pandemiebedingt eingegangen. Weiter laufen bei den ARMIN-Modellprojekten in Sachsen und Thüringen gerade die extern durchgeführte Evaluation und interne Untersuchungen zum Nutzen des Medikationsmanagements.

Mehr Gehör für fachliche Belange in der Krise

Im Hinblick auf die Veränderung im Gesundheitswesen durch die Pandemie unterstrich Schmitz in seiner Rede, in der Krise sei deutlich geworden, dass fachliche Belange stärkeres Gehör finden. Mit dem Ziel, die Bevölkerung vor schweren gesundheitlichen Schäden zu schützen, haben die verschiedenen Berufsgruppen und Verbände verstärkt zusammengearbeitet. Diese Zusammenarbeit und der Stellenwert einer sachbezogenen Argumentation, die sich auf die Versorgung von Patienten konzentriert, seien gestiegen und darauf könne auch nach der Pandemie aufgebaut werden, so Schmitz.

Apotheken vor Ort hätten zudem gezeigt, dass die dezentrale und oft kritisierte »kleinteilige Struktur des Apothekensystems« beispielsweise bei der Herstellung und Beschaffung von Desinfektionsmitteln erfolgreich war. »Ein zentrales System hätte dabei vollständig versagt.«

Und zu den politischen Prozessen erklärte Schmitz: Die Zahl und Geschwindigkeit der Gesetze und Rechtsverordnungen in den vergangenen Monaten war einzigartig hoch. Auf Dauer würde diese Praxis aber die demokratische Legitimation von Entscheidungsprozessen verengen und sei nicht mit einer angemessenen Interessensvertretung vereinbar – die ABDA hatte oftmals nur wenig Zeit zu geplanten Gesetzesvorhaben Stellung zu nehmen. Allerdings hofft Schmitz, dass Probleme, bei denen Lösungen ohne widerstreitende Interessen auf der Hand liegen, auch nach der Krise durch ein schnelles Gesetzgebungsverfahren durch Parlament und Regierung gelöst werden.

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