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Weltraumfahrt

Das All kennt kein Alter

Seitdem Raumfahrten zu neuen Reisezielen geworden sind, entscheiden sich immer mehr ältere Menschen für einen Trip ins All. Höchste Zeit also zu untersuchen, welchen Einfluss der Flug auf diese Generation hat, meinen englische Wissenschaftler.
Jennifer Evans
22.11.2021  07:00 Uhr

Der Schauspieler William Shatner ist das beste Beispiel dafür, dass vor allem Senioren die neuen Weltraumtouristen sind. Erst im Oktober 2021 ging der einstige Captain-James-T.-Kirk Darsteller an Bord der »New Shepard« des US-amerikanischen Raumfahrtunternehmens Blue Origin. Mit seinem rund zehnminütigen suborbitalen Flug knackte der inzwischen 90-jährige Raumschiff-Enterprise-Star auch gleich den Rekord als ältester Mensch im All.

Dieser Trend ist Grund genug, die Zielgruppe einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Das meinen zumindest Nick Caplan, Professor für Raumfahrtmedizin und Rehabilitation, sowie sein Kollege Christopher Newman, Professor für Weltraumrecht und Weltraumpolitik, von der englischen Northumbria Universität. Schon nach wenigen Tagen im Weltraum beginne der menschliche Körper sich anzupassen, schreiben sie in ihrem Beitrag auf der Wissenschaftsnachrichten-Plattform »The Conversation«. Die Knochen verlören an Dichte und die Muskeln an Stärke, weil sie nicht mehr der Schwerkraft trotzen müssten. Was im All kein Problem darstellt, kann aber bei der Rückkehr auf die Erde zu einem werden – das Risiko für Rückenschmerzen und Knochenbrüche steigt.

Die Schwerelosigkeit verursache dieselben Veränderungen wie das Alter, berichten die Wissenschaftler. Allerdings liefen sie in beschleunigter Form ab. Reist nun ein 90-Jähriger in die Schwerelosigkeit, hat dessen Knochen- und Muskelabbau ohnehin altersbedingt bereits begonnen. Das begünstigt die Verletzungsgefahr. Welche weiteren Auswirkungen außerirdische Urlaubsziele auf ältere Menschen haben, sollte die Forschung nach Caplans und Newmans Auffassung demnächst unbedingt stärker in den Fokus nehmen.

Belastung auf den menschlichen Körper

Bei einem Weltraumtrip lauern nämlich noch weitere gesundheitliche Gefahren, ausgelöst vor allem durch den mentalen und physischen Stress bei Start, Landung sowie beim Wiedereintreten in die Erdatmosphäre. Zum Beispiel durch den Schub der Triebwerke, die in Shatners Fall einer Leistung von mehr als 1 Million Pferdestärken entsprachen und damit eine Beschleunigungskraft von 3 g entwickelten. Beim Passieren der Erdatmosphäre können es sogar bis zu 6 g sein, die als Belastung auf den menschlichen Körper einwirken. Hohe g-Kräfte können den Autoren zufolge dazu führen, dass Blut aus dem Kopf weicht und so einen Sauerstoffverlust im Gehirn entsteht. »Das wiederum kann visuelle Veränderungen wie etwa Tunnelblick, Schwarz-Weiß-Sehen oder sogar den kompletten Verlust des Sehvermögens beziehungsweise des Bewusstseins nach sich ziehen.« Auch Übelkeit und Erbrechen, bekannt als Weltraumkrankheit, können auftauchen, wenn nach dem Aufstieg die g-Kräfte in der Schwerelosigkeit abrupt verschwinden.

Nach Angaben der Wissenschaftler ist bekannt, dass ältere Menschen Fliehkräfte oft besser tolerieren als jüngere. Das hätten Simulationen von Zentrifugalkräften bei solchen Flügen bereits gezeigt. Allerdings waren demnach die Probanden mit maximal 78 Jahren noch etwas jünger als Shatner.

Aus Sicht des englischen Autorenteams sind nun weitere wissenschaftliche Untersuchungen nötig, um das volle Ausmaß gesundheitlicher Reaktionen auf unterschiedliche Altersgruppen bei Weltraumflügen zu verstehen. Speziell mit Blick auf die Senioren, die schließlich die am stärksten wachsende Gruppe an Weltraumraumtouristen sind.

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