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Zukunftsforscher

Corona-Krise bedeutet Achterbahn der Gefühle

Weniger Kontakte zu Freunden, kein Spaß am Shoppen, keine Fernreisen: Die Corona-Krise lässt die Menschen eine Achterbahn der Gefühle erleben. Die Hälfte der Befragten sei pessimistisch, die andere Hälfte vorsichtig optimistisch, sagt der Hamburger Zukunftsforscher Professor Dr. Horst Opaschowski.
dpa
Brigitte M. Gensthaler
29.12.2020  07:00 Uhr

Bei 83 Prozent der Bevölkerung dominiere sowohl die Sorge vor der Ungewissheit als auch die Freude über Fortschritte in der Corona-Krise, berichtet Opaschowski über die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die sein eigenes Institut für Zukunftsforschung in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos veranstaltete. Zwischen Hoffen und Bangen erwarteten die Deutschen jetzt die Impfungen und deren Wirkungen.

Die Corona-Krise lasse die Kluft zwischen Arm und Reich wachsen. 85 Prozent der Menschen befürchten eine wachsende soziale Spaltung; im Vorjahr waren es noch 60 Prozent. Als Krisenverlierer fühlten sich vor allem Frauen, junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren sowie Bewohner des ländlichen Raums. Eher keine Sorge um ihre wirtschaftliche Lage machten sich Rentner und gebildete Stadtbewohner. Opaschowski gegenüber der Deutschen Presseagentur: »Die Corona-Krise hat viele Menschen ärmer gemacht.«

Sorgen, die in anderen Jahren die Deutschen umtrieben wie Klimawandel, Flüchtlingsintegration, Kriminalität und Angst vor Krieg seien in der Corona-Krise in den Hintergrund getreten. »Die Pandemie tut richtig weh, der Klimawandel ist immer noch weit weg, auch bei jungen Leuten«, sagt Opaschowski.

Spürbarer Wertewandel

Deutlich mehr als die Hälfte (58 Prozent) wollen beim Konsumieren und Geldausgeben maßvoller und bescheidener sein. Dies planen vor allem die Älteren ab 65 Jahren, während die Jungen unter 24 möglichst so weiterleben wollten wie bisher. Dass »Shopping als Glücksgefühl« zunehmend verloren geht, deute auf einen langfristigen Wertewandel hin. »Viel haben und viel besitzen ist kein vorrangiges Lebensziel mehr«, sagt der Forscher.

Auch die Reiselust ist deutlich gesunken. Mehr als zwei Drittel sagten in der Umfrage, sie wollten 2021 zu Hause bleiben oder in Deutschland Urlaub machen. Bei einer Überwindung der Corona-Pandemie könne sich dieser Trend allerdings schnell ändern. Opaschowski rechnet dann mit einer »Explosion der Reiselust«.

Krisengewinner sind seiner Ansicht nach eindeutig die regierenden Politiker. Nach Jahren der Abkehr vertrauten ihnen die Bürger wieder viel mehr. Die Ministerpräsidenten suchten geradezu die Nähe zur Bevölkerung. Für die Bundestagswahl im September bedeute dies gute Chancen für die regierenden Parteien. 

Was wichtig ist: Strukturen, Bewegung, soziale Kontakte

Unter dem Eindruck der Corona-Maßnahmen erwarten gut zwei Drittel der Befragten, dass die Bürger mehr zusammenhalten werden. Dabei vertrauen sie zunächst auf die eigene Familie und die Nachbarn. Gut die Hälfte baut in anhaltenden Krisenzeiten mehr auf Nachbarn als auf Freunde. 

Wie wichtig den Menschen in der Krise soziale Kontakte sind, zeigten auch erste Zwischenergebnisse der COH-FIT-Studie. Die »Collaborative Outcomes Study on Health and Functioning during Infection Times« ist eine anonyme internationale Umfrage in Ländern, die von der Coronavirus-Pandemie betroffen sind. Unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Universität Padua untersuchen mehr als 200 Wissenschaftler aus mehr als 40 Ländern die körperlichen und seelischen Auswirkungen der Pandemie.

»Bislang haben sich mehr als 108.000 Menschen aus 147 Ländern, davon etwa 51.000 aus Europa und 8300 aus Deutschland beteiligt«, berichtete Studienleiter Professor Dr. Christoph U. Correll von der Charité Berlin Ende November beim Webkongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Ein Drittel der Befragten, vor allem Frauen und jüngere Menschen, gab an, durch die Pandemie deutlich mehr Stress zu haben. 13 Prozent fühlten sich allerdings weniger gestresst. Ebenfalls deutlich gestiegen seien Einsamkeit und Wut, die vor allem Frauen und Jüngere belasten. Als besonders wirksame und wichtige Coping-Strategien wurden körperliche Bewegung, Sport, direkte und virtuelle persönliche Kontakte, Internetnutzung und Arbeit genannt.

Correll resümierte: »Wir brauchen Strukturen im Alltag, auch durch Arbeit, sowie körperliche Bewegung und Kontakte.« Abstand halten sei wichtig in der Pandemie, aber es gehe um physischen, nicht sozialen Abstand.

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