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STIKO-Empfehlung

Corona-Impfung nur für vorerkrankte Kinder

Wie angekündigt, empfiehlt die Ständige Impfkommission die Covid-19-Impfung nicht generell für Kinder, sondern nur für solche mit Vorerkrankungen oder mit engem Kontakt zu stark gefährdeten Personen. Der entsprechende Beschluss ist heute erschienen.
Christina Hohmann-Jeddi
10.06.2021  17:38 Uhr

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat in der Pandemie keine generelle Impfempfehlung für gesunde Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ausgesprochen. Sie empfiehlt Impfungen gegen das Coronavirus aber für 12- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen, wie aus einer Publikation im »Epidemiologischen Bulletin« Nummer 23/2021 des Robert-Koch-Instituts (RKI) am Donnerstag hervorgeht.

Konkret heißt es darin: »Die STIKO empfiehlt bei Kindern und Jugendlichen mit Vorerkrankungen aufgrund eines anzunehmenden erhöhten Risikos für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung eine Impfung mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty® (Biontech/Pfizer).« Die zwei notwendigen Dosen sollen in einem Abstand von drei bis sechs Wochen verabreicht werden. Der Einsatz von Comirnaty bei Kindern und Jugendlichen dieser Altersgruppe ohne Vorerkrankungen werde derzeit zwar nicht empfohlen, sei aber »nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich«.

Die STIKO listet folgende Vorerkrankungen auf (wobei diese nicht nach Relevanz geordnet wurden):

  • Adipositas (> 97. Perzentile des Body-Mass-Index),
  • angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression,
  • angeborene zyanotische Herzfehler (O 2 -Ruhesättigung < 80 Prozent),
  • schwere Herzinsuffizienz,
  • schwere pulmonale Hypertonie,
  • chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion,
  • chronische Niereninsuffizienz,
  • chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen,
  • maligne Tumorerkrankungen,
  • Trisomie 21,
  • syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung,
  • Diabetes mellitus (bei HbA1c -Werten > 9,0 Prozent).

Zusätzlich zu Kindern mit diesen Vorerkrankung empfiehlt die STIKO die Impfung auch Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren, in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren Covid-19-Verlauf befinden, die selbst nicht geimpft werden können (etwa jüngere Geschwister) oder bei denen der begründete Verdacht auf einen nicht ausreichenden Schutz nach Impfung besteht (zum Beispiel bei Immunsuppression). Bei Jugendlichen, die bereits berufstätig sind, könne eine berufliche Indikation aufgrund eines arbeitsbedingt erhöhten Expositionsrisikos bestehen, so die STIKO.

Der mRNA-Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer ist bislang die einzige Corona-Vakzine, die eine Zulassung für den Einsatz ab zwölf Jahren hat. In Kürze könnte der mRNA-Impfstoff von Moderna folgen, einen entsprechenden Antrag auf EU-Zulassung hatte das US-Unternehmen vor wenigen Tagen gestellt

Die wissenschaftliche Begründung

Zur Begründung der Empfehlung führt die Kommission das geringe Risiko für Kinder und Jugendliche an, schwer an Covid-19 zu erkranken. Zwar könnten Personen jeden Alters einen schweren Verlauf entwickeln, dies sei Studien zufolge aber nur bei 2 Prozent der infizierten Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahre der Fall; 0,7 Prozent erkrankten demnach kritisch. Weiterhin führt die STIKO an, dass eine durchgemachte Infektion (plus gegebenenfalls eine zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführte Impfung) zu einer robusten und breiten SARS-CoV-2-spezifischen Immunantwort führt.

»Bei Personengruppen, die nach einer SARS-CoV-2-Infektion nur ein extrem geringes Risiko für eine schwere oder gar tödlich verlaufende Erkrankung haben und bei denen gleichzeitig noch keine ausreichenden Sicherheitsdaten zur Covid-19-Impfung vorliegen, kann deshalb aus immunologischer Sicht mit der Durchführung einer zweimaligen Covid-19-Impfung gewartet werden«, heißt es in der Empfehlung.

Laut Studien sei die Empfänglichkeit von Kindern für Coronainfektionen geringer als bei Erwachsenen, während Jugendliche ähnlich empfänglich seien. Insgesamt würden laut STIKO Bildungseinrichtungen vermutlich keine zentrale Rolle für das Infektionsgeschehen in der Pandemie spielen.

Die Studienlage zu Long Covid bei Kindern und Jugendlichen sei noch sehr limitiert, heißt es in der Publikation. Einer Studie aus Großbritannien zufolge lag die Prävalenz der nach einer SARS-CoV-2-Infektion lang anhaltenden Symptomatik bei 25- bis 34-Jährigen mit 18,2 Prozent am höchsten und bei Zwei- bis Elfjährigen mit 7,4 Prozent sowie 12- bis 16-Jährigen mit 8,2 Prozent am niedrigsten. In einer Untersuchung in Sachsen wurden Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 12 mit einem validierten Fragebogen nach Long-Covid-Symptomen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Fatigue oder Schlafstörungen befragt. Es zeigte sich kein Unterschied zwischen den seropositiven Kindern und Jugendlichen, die also schon eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht hatten, und seronegativen Probanden. Weiterführende Studien seien nötig, um die Wissenslücken zu Long Covid bei Kindern und Jugendlichen zu schließen, so die STIKO.

Klarer ist das Bild zum multisystemischen Entzündungssyndrom (PIMS), das bei Kindern mehrere Wochen nach der Infektion auftreten kann. Das Syndrom sei selten, aber schwerwiegend und gehe in vielen Fällen mit einer Schocksymptomatik einher. Genau Angaben zur Häufigkeit könne man noch nicht machen, doch Studien zufolge benötigten 71 Prozent der Betroffenen intensivmedizinische Behandlung und 22 Prozent eine maschinelle Beatmung. Die Sterblichkeit liege etwa bei 1,7 Prozent. In Deutschland sei noch kein Kind an PIMS gestorben.

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